Die weitere Reise ist ereignislos. Sollten die Helden kein Gespräch mit ihm suchen schweigt der Greif ausdauernd.

Die Neugierde lässt den jungen Adligen nicht los und so spricht er den Greif während ihres Ritts an. "Verzeiht meine Wissbegierig, Excellence, mag sie doch aufdringlich erscheinen, doch Ihr erwähntet gestern Abend bei Euren Erzählungen Eure Heimat Uthuria, den sagenhaften Südkontinent unserer Welt, unter Reisenden weitgehend unbekanntes Land. Wie ist es Euch gelungen, von dort nach Aventurien zu gelangen, heißt es doch, es sei schwer, von hier über das Feuermeer dorthin zu kommen?"

"Nun verehrter Kavaliere, dass etwas nicht leicht ist, heißt nicht, dass es unmöglich ist. Wie sonst wären die Gerüchte um Uthuria zu Euch gedrungen. Aber es war keine wirklich einfache Zeit. Praios hat mich geprüft. Im Vertrauen: seit dieser Zeit hasse ich Schiffe. Und ich weiß seit dieser Überfahrt, dass ich meine Heimat wohl niemals wiedersehen werde."

"Das ist sehr bedauerlich für Euch, Ihr habt mein aufrichtiges Mitgefühl", tut der junge Adlige ernsthaft sein Verständnis kund. "Die Seefahrt ist eine launische Maid, man weiß nie, woran man ist und ehe man sich versieht, geht man unter", philosophiert er weiter. "Doch wie heißt es so schön: 'Sag' niemals nie!' Wer weiß, was die Götter für uns noch vorgesehen haben."

"Ja, das wissen wir nicht. Und wir werden es auch niemals wissen. Und es ist auch gut so." nimmt der Greif die Überlegung auf.

"Da sprecht Ihr wahre Worte", bekräftigt der junge Adlige dies und verfällt bis zum Abschied in schweigsame Nachdenklichkeit.

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Am Nachmittag ist Neetha dann in Sichtweite. Die Besiedlung nimmt zur Stadt hin allmählich zu, die Straße wird merklich besser, schließlich taucht die weiße Mauer der Stadt am Horizont auf, ebenso das silbern schimmernde Meer der Sieben Winde. Der Verkehr auf dem Weg ist recht spärlich. Durch das Vinsalter Tor im Norden betreten die Helden die Stadt. Sie werden nur flüchtig nach ihrem Vorhaben befragt und durchgewunken.

Neetha unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht viel von vielen anderen Städten des Lieblichen Felds oder des Mittelreichs. Die Häuser hier könnten auch in Gareth oder Vinsalt stehen.

Innerhalb der Stadt verabschiedet sich der Greif recht bald. "Mögen Praios und Rondra auf Eurer Reise mit Euch sein."

Dankend erwidert der Krieger den Gruß und wünscht dem Greif für seinen Auftrag gutes Gelingen.

Dankend verabschiedet sich Cassjarella mit einem Nicken.

"Und mit Euch, Exzellenz", wünscht Celissa. "Wohin auch immer Euer Weg Euch führen mag."

Randirion schließt sich Celissas Worten an und wünscht dem Greif eine angenehme Weiterreise, möglichst ohne weitere Zwischenfälle.

Dieser lenkt sein Pferd ohne sich noch einmal umzublicken in Richtung des markgräflichen Palastes.

Nach dem Abschied wendet sie sich dann an die anderen. "Was nun? Suchen wir uns erstmal ein Gasthaus?"

Zustimmend nickt Cassjarella.

"Ja, das ist wohl das Naheliegendste." erwidert Connor. "Von dort aus können wir uns dann weiter auf die Suche machen."

Schon ein paar Straßen weiter ändert sich das Bild von Neetha. Nur die älteren Teile der Stadt sind nach einem festen Schema angelegt, während die jüngeren Viertel mit ihrem Gewirr von engen Gässchen an eine novadische Stadt erinnern. Die Häuser sind zum Teil aus rosa oder weißem Marmor aus den Eternen, zum Teil aus Lehm errichtet. Nicht selten auch sind Schäden am Marmor mehr oder weniger gekonnt mit weißem Lehm ausgebessert worden.

Ungewöhnlich erscheinen dem Fremden auch die zahlreichen Haine mit Zierpalmen und allerlei exotischen Obstbäumen wie Aprikosen, Perain-Äpfeln und Feigen. Die Gärten sind entweder gut gepflegt und von hohen Zäunen umgeben oder es verkünden große Schilder, dass der Hain von der Stadt für jedermann angelegt wurde; von Pflege wird allerdings nichts gesagt: Diese öffentlichen Gärten sind alle mehr oder weniger verwahrlost.

Auf den Straßen sieht man allerlei Leben: Neben den in allen Städten üblichen Kleintieren (Klippziegen, Bunte Hausschweine, Mischlingshunde und Scheunenkatzen), die sich auch durch lautes Meckern, Grunzen, Bellen und Maunzen bemerkbar machen, vor allem Bettler und Soldaten, die, nach ihren unterschiedlichen Uniformen zu urteilen, den verschiedensten Einheiten angehören. Die in vielen anderen Städten häufigen Eskorten und Sänften wohlhabender Leute kann man nur recht selten beobachten. Dagegen sind die verschiedenen Schänken und Tavernen zu jeder Tageszeit gut gefüllt mit lautstark debattierenden Bürgern.

Während die Helden gerade durch eine belebte Gasse schlendern, ertönt irgendwo vor ihnen der laute Ruf: "Diebstahl! Haltet ihn!" - mit der Folge, dass die Menschen stattdessen rasch zur Seite weichen, um in keinen Streit hineingezogen zu werden.

Connor zügelt sein Streitross und bleibt mitten auf der Straße stehen. Dabei versucht er, durch seinen erhöhten Sitz einen Überblick zu gewinnen und eventuelle einen Flüchtenden zu erspähen.

Da die Bürger auseinander streben kann Connor den Dieb gut erkennen. Er sieht einen kleinen, hässlichen und untersetzten Mann mit Augenklappe auf sich zu rennen, der sich immer wieder nach Verfolgern umschaut und ein Bündel umklammert.

Stampfend und tänzelnd bäumt sich Connors Streitross unmittelbar vor dem vermeintlichen Dieb auf und der Krieger brüllt: "Halt!" Sollte der Mann sich davon nicht beeindrucken lassen und weiterlaufen, springt er vom Pferd und hält ihn auf.

Cassjarella bleibt auf ihrem Rappen sitzen, stellt diesen aber quer hinter Connor.

'Was mischt er sich da jetzt ein?' fragt sich Celissa verärgert. Wer weiß, in was sie dadurch hinein geraten und wessen Aufmerksamkeit sie erregen.

Der Krieger ist sich Cassjarellas Position bewusst und geht instinktiv davon aus, dass sie im Fall der Fälle das Richtige tun und eine sich auf tuende Lücke schließen wird.

Randirion pariert Sire durch, der Rappe ist durch das plötzlich steigende Streitross des Oberst nervös geworden. Mit gerunzelter Stirn behält er den vermeintlichen Dieb im Blick, bereit, bei Bedarf aus dem Sattel zu springen und dem Oberst bei der Festsetzung des Flüchtenden behilflich zu sein.

Erstaunt bleibt der Dieb ob des unvermuteten Hindernisses stehen. Ein kurzer, gehetzter Blick und die Fluchtrichtung ist klar. Eine schmale Gasse ist das Ziel des Gauners. Und für die Helden unverständlich: die herumstehenden Passanten greifen nicht ein, sondern treten dem Verbrecher aus dem Weg.

Mit dem Pferd wird es in der Gasse schlecht. Sie ist schmal und mit allerlei Fässern und Kisten verstellt. Zu Fuß wird es auch nicht leicht. Geschick und Kraft sind für den Spurt notwendig.

Der Blick in die Gasse überzeugt den Oberst davon, nicht mit dem Pferd die Verfolgung aufzunehmen. Dieser Verletzungsgefahr will er sein Tier nicht aussetzen. Dass auch niemand seiner Gefährten die Verfolgung aufnimmt, bestätigt seine Vermutung.

Da hier Diebe scheinbar das Wohlwollen der Bürger genießen, beschließt Cassjarella ihm nicht zu folgen und bliebt im Sattel sitzen.

Durch die erneute Zurückhaltung der Bürger aufmerksam geworden, sieht er sich nun denjenigen an, der offenkundig Opfer des Diebes geworden und diesem hinterher gerufen hat.

Als sein Blick den Bestohlenen sucht streift es fast automatisch die Umstehenden. Er sieht keine Billigung des Diebstahls in den Augen, nur Desinteresse oder Furcht, in den Vorfall hineingezogen zu werden.

Der Bestohlene selber kommt langsam laufend näher. Er ist in reiche, weite Gewänder gekleidet und trägt an jedem Mittel- und Ringfinger kostbare Ringe. Sein Gesicht ist sonnengebräunt, ein mächtiger schwarzer Schnurrbart hängt ihm bis auf die Brust. Man könnte ihn für einen reichen Scheik der Novadis halten wären da nicht der dicke Bauch und der kahlgeschorene Kopf, die ihn als Norbarden fern der Heimat kenntlich machen.

"Heda, Meister Händler!" ruft Connor den Mann an, ohne von seinem Pferd zu steigen.

Schnaufend watschelt der Mann näher. "So haltet doch den Dieb." ruft er keuchend.

"Was hat er Euch denn gestohlen?" erwidert der Krieger ein wenig ungehalten und ohne vom Pferd zu steigen. Denn für ein paar Silberstücke, die dem Dicken sicher kaum weh tun, wird er sich nicht quer durch eine ihm unbekannte Stadt und deren dunkelste Gassen hetzen.

Cassjarella schaut in die Gasse und nach Connor, wartet aber ab.

"Meine Börse. Und … einen wichtigen Schlüssel." Der Mann stockt kurz. Ob aus Atemnot oder einem anderen Grund kann Connor nicht erkennen.

"So so, einen Schlüssel." meint Connor nachdenklich und versucht abzuschätzen, ob er doch noch eine Chance hat, den Dieb zu erwischen, sollte er sich sofort in Bewegung setzen.

Connor wird klar, dass er den Dieb noch erwischen könnte. Zumindest wenn er sofort startet.

Mit kaum geahnter Geschmeidigkeit setzt der Krieger dem Dieb nach. Sein Ringelpanzer, den er schon während der ganzen Reise trägt, scheint ihn nicht im Mindesten zu behindern. "Deckt mir den Rücken!" ruft er seinen Gefährten über die Schulter zu.

Cassjarella folgt ihm langsam.

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Celissa hat sowieso keine Lust, irgendeinen (angeblichen) Dieb zu verfolgen. Und wenn die Passanten hier nicht eingreifen, werden sie schon ihre Gründe haben. Solange man sich in einer fremden Stadt nicht auskennt, passt man sich lieber an.

Sie schaut sich aber um, ob sie irgendwo jemanden entdeckt, der sich hier bereits gut auskennt, ein gewitztes Straßenkind zum Beispiel.

Es fällt ihr auf, dass hier viele Kinder eher ärmlich aussehen. So als lebten sie auf der Straße oder von dem was die Straße so hergibt. Zwei besonders pfiffige Kerlchen haben sich den Wirbel zu nutze gemacht und plündern einige Äpfel aus einer Auslage.

Celissa steigt ab und nähert sich ein paar Kindern - nicht gerade den Dieben, denn die würden sich nur aus dem Staub machen, wenn sie bemerkt werden. "Hallo", begrüßt sie sie freundlich und zieht eine kleine Münze hervor. "Weiß einer von euch, wer der Mann war, der da gerade vorbei gerannt ist?"

Da der Oberst nicht vor zu haben scheint, dem Dieb zu folgen, wendet Randirion seine Aufmerksamkeit seiner Liebsten zu. Er bleibt allerdings vorerst auf seinem Rappen sitzen und überwacht aufmerksam Celissas Kontaktaufnahme mit den Gassenkindern.

"Ja." grinst einer der Jungs und greift nach der Münze.

Celissa grinst zurück und hält sie außerhalb seiner Reichweite. "Und, wer war das?"

"Der, der den Beutel geschnitten hat? Das ist Leandro mit den 4 Fingern." ist die Antwort des Jungen.

"Ah ja." Der Name verspricht auch eine interessante Geschichte, aber das ist jetzt nicht wichtig. "Und warum lassen ihn die Leute so durch?"

"Die interessiert das nicht. Sie wollen nichts damit zu tun haben. Hier wird alles immer trostloser. 'Der Marmor blättert von den Wänden seit dem die Zyklopeninseln zum Mittelreich gehören', sagt mein Vater immer." antwortet der Junge. "Das waren dann schon 2 Fragen." Er hält die Hand auf.

Celissa gibt ihm die Münze und sieht sich nach den anderen um. "Wenn du mir jetzt noch was Nützliches über den fetten Norbarden da erzählen kannst, kriegst du noch eine."

"Was ein Norbarde ist, weiß ich nicht. Aber das ist der Chef der Nordlandbank hier. Wie er heißt weiß ich nicht. Aber er hat uns schon ein paar mal vor seiner Bank vertrieben." Eine weitere offene Hand zeigt sich.

Celissa schüttelt den Kopf. "Und das soll nützlich sein? Dafür kriegst du nur das Gleiche, Junge: Norbarden sind ein Volk im Norden, die viel Handel treiben und die Haare so tragen wie der. Sonst noch was?" fragt sie auch die anderen Kinder.

"He, Du weißt jetzt was er ist. Die Info ist die Münze wert. Was willst Du denn noch wissen?" rechtfertigt sich der Junge.

Celissa grinst ihn an. "Was er ist, nützt mir nichts." 'Zumindest jetzt.' "Aber du kriegst noch was, nämlich einen Tipp: Lerne die Leute kennen, was ihnen wichtig ist, was sie wollen, was sie gut können und was nicht. Das ist nützlich."

Sie will sich schon abwenden, da fällt ihr noch etwas ein. "Ach ja, wir suchen noch ein passendes Gasthaus. Führ' uns zu einem, ja?"

Während sich Celissa mit dem Jungen unterhält, hat sich einer seiner Kumpane an sie heran bewegt und versucht ihren Geldbeutel zu seinem zu machen. Doch die Vinsalterin bemerkt das Vorhaben nicht nur, sie hat auch noch die Zeit darauf zu reagieren.

Beinahe beiläufig versetzt sie dem kleinen Dieb eine Ohrfeige mit dem Handrücken. Dann steigt sie wieder in den Sattel und fordert ihren Gesprächspartner noch einmal mit einer Handbewegung auf, ihnen den Weg zu zeigen.

Erst durch Celissas Reaktion wird Randirion auf den versuchten Diebstahl aufmerksam, den er ungehalten durch ein warnendes "Hey!" kommentiert. Er sieht sich, als Celissa in den Sattel steigt, zu Connor um, der mit dem Bestohlenen im Gespräch zu sein scheint. "Wir sehen uns nach einer Unterkunft um", ruft er seinen beiden Begleitern zu. "Treffen uns hier wieder kurz vor Untergang der Praiosscheibe?" versucht er noch das Wiedersehen zu arrangieren, bevor er Sire an Celissas Seite dirigiert.

Cassjarella winkt ihm zu, dass sie hin verstanden hat, dann reitet sie dem Oberst hinterher.

"Seid ihr Pilger?" fragt der Junge Celissa und Randirion.

"Teilweise", antwortet die Horasierin, ohne es näher zu erklären.

"In Ordnung. Dann also zum Pilgerlager." antwortet der Junge gleichgültig. Er setzt sich in Richtung Ortsmitte in Gang.

Celissa setzt ihr Pferd in Bewegung und folgt ihm. Sie fragt sich, ob das tatsächlich ein Gasthaus ist, das Pilgerlager heißt. Nun, falls nicht, hat der Junge bei ihr seine letzte Chance verspielt.

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Der Oberst ist schnell in der Gasse und umgeht geschickt die Hindernisse. Nach der Gasse kann er Geschwindigkeit aufnehmen und erreicht kurz darauf den Dieb. Als dieser den Verfolger bemerkt dreht er sich um und zieht ein Messer. Sein Stich trifft, gleitet aber am Ringelpanzer ab.

Deutlich langsamer und vorsichtig ist Cassjarella hinter den beiden her geritten. Als der Dieb mit einem Messer Connor angreift, schüttelt sie den Kopf ob des Leichtsinns.

"Letzte Chance!" knurrt der Krieger ihn an und zieht sein Kurzschwert, bereit, den nächsten möglichen Angriff des Diebs zu parieren. Sollte dieser kommen, wird er den Dieb nur zu verletzen, nicht aber zu töten versuchen. Das Tuzakmesser belässt er vorerst in der Rückenscheide.

Zögernd lässt der Dieb seine Waffe fallen. Gehetzt blickt er sich um. Seine Haltung ist angespannt.

"Wenn Du mir den Schlüssel gibst, kannst Du das Geld behalten und verschwinden!" schlägt der Krieger dem Festgesetzten vor, während er die Waffe auf ihn gerichtet hält und die freie Hand ausstreckt.

Derweil nähert sich Cassjarella dem Ort des Geschehens. Bereit den Dieb abzufangen.

"Schlüssel?" fragt der Dieb irritiert. Scheinbar hatte er es nur auf das Geld abgesehen. Vorsichtig greift er in den Beutel und holt einen großen Schlüssel hervor. "Den da?" fragt er lauernd.

"Leg den Schlüssel auf den Boden und leer' den Beutel in Deine andere Hand; wenn da nur Geld oder Edelsteine herauskommen, kannst Du gehen und sie behalten. Der Schlüssel und alle Schlüssel, die da noch hervorkommen, bleiben hier." stellt Connor ernst fest.

Die Mimik des Räubers zeigt immer stärkere Verwunderung. Langsam lässt er einige Münzen in seine Hand gleiten. Connor erkennt einen Dukaten sowie einige Taler und Kreuzer. Dann legt der Gauner langsam den Schlüssel nieder.

Dabei bemerkt der Oberst, dass dem Mann ein kleiner Finger fehlt.

Als der Krieger sich davon überzeugt hat, dass es nur diesen Schlüssel gibt, winkt er dem Dieb, sich gemäß ihrer Vereinbarung zu verziehen, hebt den Schlüssel auf und steckt sein Schwert wieder weg. Dann kehrt er zu Cassjarella, die sein Pferd mitgebracht hat, zurück, steigt auf und reitet mit ihr gemeinsam zu dem Norbarden zurück.

Auf dem Ritt zurück hält sich Cassjarella schweigend an Connors Seite.

Dieser kommt ihnen mit hochrotem Kopf entgegen: "Wo ist der Dieb? Wo ist mein Beutel?"

Ohne vom Pferd zu steigen, reicht der Krieger dem Mann den Schlüssel zurück. "Hier habt Ihr Euren wertvollen Schlüssel. Eure Barschaft konnte ich leider nicht retten, aber die paar Silberlinge oder Goldstücke könnt Ihr sicher verschmerzen."

"Ja, ja, natürlich. Habt Dank edler Herr. Hier findet sich ja kaum noch jemand der sich um den anderen kümmert. Wie kann ich Euch diese Tat vergelten?"

"Um der Form die Ehre zu geben, darf ich zuerst meine Begleiterin und mich vorstellen: Comtessa d'Isliquor," er weist auf Cassjarella, "und ich bin Oberst Sturmfels." Dabei verbeugt er sich knapp im Sattel sitzend.

'Marchessa!' will Cassjarella berichtigen, aber das hört sich eher an wir ein Brummen oder Knurren.

Erstaunt sieht der Krieger sich rasch um und erhascht noch den missbilligenden Blick der Geweihten. Mit einem Schmunzeln und einem leicht abwertenden Ton raunt er ihr "Blaublüter!" zu.

Das Funkeln der schwarzen Augen ist nicht unbedingt als freundlich einzustufen.

"Hach, wie fehlen mir doch unsere kleinen Geplänkel." fährt er im Plauderton an die Geweihte gewandt fort. Es wird nicht klar, ob Connor damit ihre früheren Wort- oder Schwertgefechte meint.

"Pffft!"

"Ja, ja, natürlich. Entschuldigt bitte meinen Fehler. Mein Name ist Kirujew Marsaloff, ich bin der Direktor der hiesigen Filiale der Nordlandbank." Eine angedeutete Verbeugung zeigt den beiden den kahl rasierten Schädel des Mannes. "Doch lasst mich eine Einladung aussprechen. Um die Ecke ist ein kleines aber feines Lokal. Dort wollte ich ein wenig zu mir nehmen als dieser Kassirosch meenen Beitel geklaut hat." In seiner Aufregung zeigt sich der norbardische Akzent den er bisher unterdrückt hat.

Connor wirft Cassjarella nur einen kurzen Blick zu, ehe er förmlich erwidert: "Es wird uns eine Ehre sein."

Cassjarella nickt und schenkt dem dicken Norbarden ein freundliches Lächeln.

Schnell ist der Schlüssel sicher verstaut und Marsaloff setzt sich an die Spitze der Gruppe. Eine Ecke weiter und er weist auf ein kleines Lokal. Wasser für die Pferde bietet ein kleiner Trog. Ebenfalls sind dort die Holzstangen zum Anbinden der Pferde. Von außen wirkt das Haus etwas ärmlich, in seinem Innern ist es aber behaglich und anheimelnd.

Sein Streitross stellt der Krieger an den Trog, ohne es festzubinden. Zwar hat er um seine Habseligkeiten keine Angst, jedoch schärft er dem Tier mit einem Flüstern und einem Streicheln am Kopf Wachsamkeit ein.

Marsaloff geht geradewegs auf einen kleinen Tisch in einer Ecke zu und bietet Connor und Cassjarella einen Platz an. Bei der Geweihten lässt er seine gute Erziehung durchblitzen und hält ihr den Stuhl.

Dankend nickt Cassjarella.

Die Bedienung eilt herbei und fragt nach den Wünschen der 3. Marsaloff scheint öfters hier zu sein und bestellt Tee und einige Honiggebäcke.

Cassjarella nippt an dem Tee und knabbert höflich am Gebäck.

Connor setzt sich so, dass er ihren Gastgeber und den Schankraum gut im Blick hat. Sein Tuzakmesser lehnt an der Wand neben ihm. "Ferdoker," bestellt er, "und für die Dame einen trockenen Roten."

Cassjarella schüttelt nur den Kopf. Der Tee ist ihr im Moment genug.

"Also keinen trockenen Roten." übersetzt der Krieger für die Bedienung.

Stumm nickt die Bedienung und verschwindet wieder. Marsaloff übernimmt direkt wieder das Gespräch und fragt erneut: "Wie kann ich mich bei Euch für Eure Tat bedanken. In Neetha sind Hilfsbereitschaft und Mut scheinbar veraltet. Denn niemand kennt sie mehr."

Ohne Mitgefühl zu zeigen nickt der Krieger: "Ja, so scheint es. Aber sagt, kanntet Ihr den Dieb? Er schien mir nicht ein typischer Straßenräuber zu sein. Ach ja, und ihm fehlte ein kleiner Finger."

"Nein, Diebe kenne ich generell nicht." kommt eine leicht verstimmte Antwort. "Und auch mit 4 Fingern erschien er mir durchaus fingerfertig."

"Diebe verlieren meist die ganze Hand, ein Finger ist meist ein Zeichen des Namenlosen! Frage weiter!" schreibt Cassjarella auf ihre Tafel, so dass es nur Connor lesen kann.

Ohne sich etwas anmerken zu lassen, lächelt Connor seinen Gegenüber an und erwidert: "Verzeiht, offenbar habe ich mich missverständlich ausgedrückt."

Dann nimmt er, um etwas Zeit zum Nachdenken zu haben, ebenfalls ein Stück Gebäck, beißt davon ab und kaut. Dann nimmt er das Gespräch wieder auf: "Wie kam es denn, dass dieser Lump überhaupt an eine so hoch angesehene Persönlichkeit, wie sie ein Bankdirektor ohne Zweifel ist, heran? Und unter uns," er beugt sich leicht vor, damit garantiert nur die drei am Tisch es hören können, "wofür dient eigentlich dieser Schlüssel?"

"Nun, an mich heran kommt jeder wenn es Not tut. Der Markt vor der Bank ist an einigen Stellen eng. Der ideale Punkt für einen Beutelschneider." Er stockt kurz, dann fährt er fort: "Der Schlüssel ist einer von mehreren die gemeinsam den Tresor in der Bank öffnen. Alleine hilft er niemandem weiter. Aber wenn er weg ist, muss ich diese zwergischen Mechanici aus Festum kommen lassen. Und das kostet und ist ähm … unangenehm. Meine Vorgesetzten in Festum wäre das sicher gar nicht recht …"

"Verstehe. Gibt es denn eine Möglichkeit, an die anderen Schlüssel ebenso einfach heranzukommen? Will heißen, könnte es jemand besonders darauf abgesehen haben?" Fragt Connor weiter, wohlweislich verschweigend, dass der Dieb offenkundig nicht hinter dem Schlüssel her war. Da aber die Möglichkeit besteht, dass er im Auftrag gehandelt hat und nur den Beutel selbst überbringen sollte, lässt der Krieger nichts aus.

'Was soll diese Fragerei?' denkt Cassjarella. 'Wir sind doch keine Büttel …'

Da ihr aber nichts anderes übrig bleibt als zuzuhören, hört sie weiter zu.

Wieder ein Zögern. "Eventuell. Aber außer mir wissen nur der Schlüsselträger, sein Vertreter und mein Vertreter, wer den Schlüssel gerade hat." Marsaloff scheint nachzudenken wischt dann aber mit einer ungeduldigen Geste seine Gedanken fort.

"Also gut. Was ist mit anderen Bewohnern der Stadt, womöglich Bürgern oder anderen hoch angesehenen Persönlichkeiten? Kennt Ihr jemanden, dem ebenfalls ein kleiner Finger fehlt?" fragt der Krieger, den Gedanken von Cassjarella aufnehmend.

Kurzes Schweigen. "Nein. Sicher mag es den einen oder anderen Handwerker geben. Aber namentlich ist mir niemand bekannt."

"Hm." quittiert der Oberst diese Antwort recht einsilbig und schaut Cassjarella kurz fragend an.

Cassjarella ist auch aufgefallen, dass der Norbarde auf ihre Frage nicht geantwortet hat, aber sie lächelt ihm (und Connor) nur freundlich zu.

Nachdem die Bestellung eingetroffen ist lehnt sich Marsaloff nun zurück und genießt seinen Tee und das Gebäck. Mit dieser Stärkung beginnt der Direktor dann die allgemeine Konversation. "Woher kommt ihr edle Recken? Und was führt Euch nach Neetha?"

"Zuletzt aus dem Weidenschen." antwortet Connor. "Wie viele andere auch folgen wir einmal im Leben dem Ruf der Thalionmel." strapaziert der Krieger die Wahrheit nur ein klein wenig.

Zustimmendes Nicken von Cassjarella.

"Dann seid Ihr also auf dem Weg ins Pilgerlager?" fragt Marsaloff.

Der Krieger zuckt mit den Schultern. "Ja, irgendwie auch das." erwidert er etwas unsicher.

Wieder nickt Cassjarella bestätigend.

"Ja, die Stadt lebt inzwischen fast nur noch von den Pilgern. Auch wenn sie meist im Lager unten am Chabab sind, leben doch viele Menschen von ihnen." sinniert Marsaloff.

Marsaloff schweigt wieder etwas. Dann schaut er nach draußen, stürzt hastig einen letzten Schluck Tee und deutet an, dass er aufbrechen will. "Nun, meine Dame, mein Herr, wie kann ich Ihnen Ihren Einsatz vergelten? Brauchen Sie noch Pilger-Ausrüstung oder etwas anderes?

Der kleine Imbiss geht natürlich auf mich, sie können gerne noch nachbestellen."

Cassjarella bedankt sich mit einem ihren freundlichsten Lächeln.

"Wenn ich Ihnen noch einmal helfen kann besuchen Sie mich doch einfach in der Nordlandbank. Die Zwölfe zum Gruß." Mit diesen Worten verabschiedet sich Marsaloff von den beiden und wechselt noch einige Worte mit der Bedienung. Danach verlässt er eilig das Haus.

"Das werden wir sicher tun." erwidert Connor freundlich. "Wer weiß, wann wir mal eines Gefallen von Euch bedürfen. Gehabt Euch wohl." verabschiedet der Krieger den Direktor.

Als er draußen ist, schreibt Cassjarella auf ihre Tafel: "Er hat nicht alles gesagt, was er weiß!"

Connor sieht die Geweihte nach dem Lesen nachdenklich an. "Ja, soviel ist sicher. Aber geht uns das auch etwas an?" sinniert er laut.

"Nicht solange es nichts mit unserer Queste zu tun hat." schreibt Cassjarella zustimmend. "Wollen wir dann die anderen suchen?"

"Ja." Connor erhebt sich, nachdem er aufgegessen und ausgetrunken hat, greift nach seinen abgelegten Sachen und verlässt die Schänke. Auf dem Weg hinaus dankt er der Maid und dem Wirt knapp mit einem freundlichen Nicken.

Cassjarella folgt ihm.

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An einer Straßenecke, an der ihr vorbeikommt, hat sich eine beachtliche Menschenmenge versammelt, um einer Frau zuzuhören, die mit Hilfe einer Schallröhre eine Rede hält. Es herrscht trotz oder wegen häufiger Rufe wie "Seid doch leise!" und "Lasst Haline doch reden!" allgemeine Unruhe, so dass ihr nur wenig verstehen könnt - doch immerhin genug um zu erkennen, wie brisant diese Reden sind. Die "Schwarze Haline" wie einige sie nennen, spricht von "Unterdrückung durch die Vinsalter", "Verrat der Methumier", "Schandbare Zitadelle im Norden", "Beleidigung des freien Neetha" und "Rettung durch Freiheit".

In der Menge werden Rufe laut wie "Gut gesprochen!" -"Recht, recht!" -"Nieder mit Amene!" -"Lasst uns die Zitadelle schleifen!" Einige andere behaupten: "Wenn wir unabhängig wären, könnten wir wieder mit den Zyklopen handeln!" - "Drol und Mengbilla würden uns helfen!" - "Al' Anfa ist auf unserer Seite" - "Tar Honak wird das Feld ohnehin erobern, seien wir lieber seine Freunde!" und "Der Kaiser wird uns gewiss unterstützen, er hat doch sogar einen Gesandten geschickt!"

Auffällig ist vor allem, dass die umstehenden Neethaer Stadtwachen und Truppen des Herzogs keine Anstalten machen, etwas gegen die Aufrührerin zu unternehmen. Erst als ein sich Trupp Königlich Vinsalter Speerträger nähert und die Situation außer Kontrolle zu geraten scheint - erste Beschimpfungen gegen die "Besatzer" werden laut, Lehmbrocken fliegen ziellos aus der Menge - greifen die Stadtgardisten durch und treiben die Menge auseinander, indem sie mit der breiten Seite ihrer Schwerter losschlagen.

"Ça dépasse toutes les bornes!" Randirions Empörung überträgt sich auf sein Reittier, Sire wirft unruhig den Kopf und tänzelt. "Wie können sie es wagen …!" presst der junge Adlige hervor und bemüht sich, den Rappen wieder zur Raison zu bringen. Auch wenn er nicht zum Hurra-Patriotismus neigt, so trifft ihn diese aufrührerische Rede doch bis ins Mark. Wie können sie gegen seine verehrte Kaiserin reden, gar einen Pakt mit den Sklavenhalter wünschen! Doch angesichts der aufgebrachten Menge reißt er sich zusammen und bringt den Hengst wieder unter Kontrolle.

"Junge", ruft Celissa halblaut. "Lass uns einen anderen Weg nehmen." Zu deutlich ist ihrer Meinung nach, dass Randirion und sie aus dem zentralen Horasreich kommen, und sie möchte selbst zu Pferd nicht in diesen Mob geraten.

Gebannt und ein wenig ängstlich schaut ihr Führer bei dem Spektakel zu. Auf Celissas Aufforderung hin dreht er sich um und läuft voraus in eine Seitengasse.

Celissa folgt ihm.

Celissa den Vortritt lassend lenkt der Cavalliere seine beiden Pferde in die neue Richtung.

Hier in den Nebengassen zeigt sich deutlich, dass es Neetha nicht gut geht. Überall bröckelt die weiße und rosa Farbe von den Häusern. Alles wirkt ein wenig vernachlässigt. Leere Häuser sind immer wieder zu sehen. Viele scheinen früher von Händlern und Handwerkern bewohnt gewesen sein. Jetzt weisen nur noch klappernde Schilder auf die früher blühende Wirtschaft hin.

Vorbei geht es auch an einigen Herbergen und Gasthäusern. Doch deren Aussehen deuten darauf hin, dass hier eher der kostenbewusste Reisende einkehrt.

Dann sind sie wieder aus der Stadt hinaus und Celissa sieht den hiesigen Rondratempel, den Tempel des Sieges. Zur Rechten fließt der Chabab, an seinen Ufern findet sich ein riesiges Zeltlager.

"Dort rasten die Pilger." gibt der Junge bekannt und hält die Hand auf.

Ärgerlich schaut Celissa zu ihm herab. "Ich sagte ganz klar Gasthaus und nicht Zeltlager. Wer nicht zuhören kann, bekommt auch nichts." Sie schaut sich nach einem anderen Straßenkind um, das Phex und Hesinde vielleicht reicher mit ihren Gaben gesegnet haben.

"Ihr sagtet doch Pilger. Und wahre Pilger verweilen in der Nähe des Chabab und der Brückenruine." grinst der Junge frech zurück. Dann flitzt er in die Stadt zurück. Andere Führer sind nicht in der Nähe. Celissa sieht Rondragläubige aus allen Teilen Aventuriens. Selbst Novadis finden sich hier. Einige üben für sich den Gebrauch der Waffen, andere scheinen kleine Schaukämpfe oder sogar ganze Turniere zu veranstalten.

Kopfschüttelnd wendet Celissa ihr Pferd. Die Straßenkinder hier sind jedenfalls anders als in Vinsalt oder Gareth, wenn der Junge typisch war. Dann muss sie eben jemand anders finden, der ihr den Weg beschreibt, oder selbst ein gutes Gasthaus suchen.

Die Gasthäuser, die sie bisher gesehen hat, sind billige Absteigen. Und so fragt sie einen der nächsten Straßenhändler. Das Haus Chababien am großen Markt sei die beste Adresse.

"Dann lass uns das ansehen", meint Randirion lakonisch und wendet sein Pferd, um sich in Richtung großem Markt zu begeben.

Wie alles in Neetha scheint auch das Haus Chababien schon bessere Zeiten gesehen zu haben. Doch gegenüber den anderen Herbergen gibt es große Unterschiede zum besseren. Ein Doppel- und 2 Einzelzimmer wären noch frei. Allerdings zu horrenden Preisen.

Auch hier gilt 'noblesse oblige', und außerdem ist Celissa doch viel lieber in einem guten Haus. Sie versucht aber schon, den Preis nach unten zu drücken.

Als Celissa die erste Aussage des Inhabers hört ist sie versucht das Haus sofort wieder zu verlassen. Nach zähen Verhandlungen, die einem tulamidischen Basarhändler alle Ehre gemacht hätten, kann Celissa den Preis für ein Doppelzimmer auf 1 D pro Nacht und 6 S für ein Einzelzimmer herunterhandeln.

'Hoffentlich bleiben wir nicht allzu lange in der Stadt', denkt sie sich und weist den Wirt an, die Pferde zu versorgen sowie ihr und Randirions Gepäck in das Doppelzimmer bringen zu lassen. In einem gehobenen Gasthaus mit solchen Preisen muss dieser Service schließlich eine Selbstverständlichkeit sein.

"Schauen wir nach den anderen?" schlägt sie Randirion vor.

"So war es abgesprochen", erwidert ihr der junge Adlige. "Ich denke, es ist an der Zeit." Er kontrolliert noch das ihnen zugewiesene Zimmer und nimmt außer seinem Rapier und Linkhand keine weiteren Waffen mit. Zu Fuß machen sie sich (demnach) auf den Weg zum Treffpunkt.

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Kurz nachdem Cassjarella und Connor am Phrenosplatz eingetroffen sind, stoßen auch Randirion und Celissa zu ihnen.

Der Krieger winkt ihnen zu: "Und, was gefunden?" will er wissen.

Auch Cassjarella wirkt etwas gelöster, schließlich wähnt sie sich hier in Neetha am Ziel ihrer Aufgabe. Sie winkt daher auch den beiden zu.

Celissa nickt zur Antwort auf Connors Frage. "Ja. Leider ein wenig teuer, aber hier gibt es nicht viel Auswahl in angemessener Qualität."

"Es handelt sich um das Haus Chababien am Marktplatz", ergänzt Randirion. "Angeblich soll es die beste Adresse in dieser Stadt sein, welches anzunehmen man geneigt sein kann, angesichts der Qualität der anderen Herbergen."

'Angemessene Qualität?' Der Krieger runzelt die Stirn, kommentiert das aber nicht weiter.

An Cassjarella gewandt fragt er: "Und nun? Erst mal zur Ruine der Brücke oder zum Tempel?"

"Zur Brücke!" schreibt Cassjarella. Der Tag ist ihr zu weit fortgeschritten als das sie heute noch jemanden bei den Ardariten erreichen können. "Und Morgen früh gleich zur Ordensburg."

Connor nickt. "Gut. Der Weg dürfte nicht allzu schwer zu finden sein."

Im Schritt lenkt er sein Pferd durch die Gassen und Straßen.

Cassjarella reitet neben ihm. Eigentlich müssten sie nur zum Fluss hinab, dann wird sich die Brücke schon zeigen. Fragend blickt sie zu Celissa und Randirion, vielleicht wissen die ja auch den Weg.

Tatsächlich führt Celissa sie zum Pilgerlager, das sie ja schon kennt und das neben dem Fluss und nahe der Brücke ist.

"Erinnert mich an Gareth." meint Connor bei dem Anblick der Zelte, Waffenträger und Kampfplätze. Er erinnert sich gern an den ersten Tag des Turniers, an dem er Cassjarella kennen gelernt hat und es erscheint ihm eine kleine Ewigkeit her.

Cassjarella schaut sich das Treiben um die Reste der Brücke erst einmal von weitem an. Bevor sie sich in das Getümmel stürzt, hofft sie auf eine (göttliche) Eingebung.

Dieser Ort ist ganz Rondra geweiht. Das spürt Cassjarella sofort. Und der Suche nach dem Schwert. Auch wenn es schon bald dunkel werden wird, sind immer noch einige Sucher im Wasser und tauchen nach der Reliquie.

Der Rest bereitet sich in Stille auf das Abendbrot vor. Mit einer Ruhe und Disziplin, die man sonst wohl nur auf den Wehrheimer Kasernenhöfen vermutet, gehen die Pilger ihren Tätigkeiten nach.

Cassjarella erkennt jetzt nach und nach sogar die Ordnung in den Zeltreihen. Viele Zelte bilden wie an einer Schnur aufgereiht lange Reihen. Und Reihe folgt auf Reihe, bis ein Quadrat entsteht.

"Rondra zum Gruß! Seid Ihr neu hier?" ertönt neben der Gruppe eine tiefe, freundliche Stimme. Sie gehört zu einem Krieger der von der Seite an sie herantritt. Groß, in Kettenhemd und Ornat ist er sofort als Geweihter der Unbesiegten zu erkennen. Ein Löwenfell dient ihm als Kapuze und Umhang.

"In der Tat." erwidert Connor und stellt seine Mitreisenden und sich kurz vor.

Randirion erweist dem heran getretenen Geweihten bei seiner Vorstellung mit einer Verbeugung den nötigen Respekt.

"Rondrian Donnerhall von Donnerbach." stellt sich der Mann vor. "Ihr sucht das Schwert der Thalionmel?" Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage.

"Wir wären wohl nicht die ersten?" erwidert der Krieger mit einer angedeuteten Geste auf das Zeltlager hin. "Eigentlich folgen wir einem Fingerzeig der Streiterin. Und der Weg führt dabei hier vorbei." rückt Connor ihren Auftrag in ein etwas anderes Licht, da er nicht glaubt, bereits hier fündig zu werden.

"Nein! Wir finden das Schwert!" schreibt Cassjarella voller Vertrauen in die Kraft der Göttin und ihre heilige Aufgabe.

"Beneidenswert. Denn bisher war für alle hier Endstation. Doch auf wem das Auge der Göttin ruht dem mag das Unmögliche gelingen. Zu finden was Tausende bisher erfolglos versucht haben." antwortet Rondrian. Dabei tritt er etwas vor die Gruppe.

Der Cavalliere verengt die Augen, als sich der Rondrianer vor ihnen postiert. Und dann fällt ihm noch eine Merkwürdigkeit auf, die seinen Hand zur Waffe fahren lässt … der Mann wirft keinen Schatten! Was hat das zu bedeuten? Ist er etwa ein … Untoter?

Misstrauisch folgt der Oberst mit den Augen dem Platzwechsel des Gegenüber. Wie zufällig lässt er seine Hand auf den Griff des Kurzschwerts sinken und spannt die Oberschenkel an, um sein Schlachtross notfalls auch freihändig zu führen.

Beim Anblick des Mannes stutzt Connor. Erst weiß er nicht warum, aber dann erkennt er. Der Mann hat keinen Schatten.

"Wer, sagtet Ihr, seid Ihr gleich?" fragt der Krieger mit einem merklich kühleren Tonfall nach.

"Mein Name ist Rondrian Donnerhall von Donnerbach." antwortet der Mann ruhig.

Etwas verwundert blickt Cassjarella den schattenlosen Rondrian an. Sie sucht an seinem Gewand nach den Insignien der Leuin. Ist er ein wirklicher Geweihter? Ein Ritter sogar? Oder gibt er sich nur als solcher aus …

Die Insignien sind eindeutig. Es ist das Gewand eines Knappen der Göttin. Ob sich dieser Mann nur als Anhänger Rondras ausgibt ist so nicht festzustellen.

Als die Göttin noch auf ihrer Seite war, hätte sie ihren Gegenüber einer Seelenprüfung unterzogen. Denn über einen falschen Priester würde das Mal des Frevels stehen, aber die Leuin hat sie verlassen und so weiß sie nicht mehr weiter.

'Ich habe Dich nie verlassen!' hört sie eine Stimme in ihrem Kopf die gleichzeitig leise tröstend als auch herrisch dröhnend klingt und aus allen Richtung auf sie eindringt. 'Und er ist wie Du einer meiner treuen Diener.'

"Lass ihn Connor! Er ist so wie er ist aber auf jeden Fall auf der richtigen Seite!" hört sie darauf eine schwache, kratzende, heisere und krächzende Stimme, bei der es sich anscheinend um ihre eigene handelt.

Dann wird sie auf einmal den ganzen Zusammenhang gewahr und weinend springt sie vom Pferd, kniet auf den Boden und beginnt leise die Leuin zu preisen.

Total überrascht schaut Celissa von ihr zu dem anderen Geweihten und zurück. Ist sie gerade Zeugin eines Rondra - Wunders geworden?

Überrascht reißt der Krieger den Kopf herum und starrt die Geweihte förmlich an. "Du … du sprichst!?" ist alles, was er herausbringt, ehe er sich wieder der Situation bewusst wird und ihren Gegenüber wieder ansieht.

"Verzeiht." meint er darauf hin zu Rondrian und deutet eine Verbeugung an. Dann wandert sein sich verklärender Blick zurück zu Cassjarella, die auf dem Boden kniet.

Der nickt nur ergeben. Scheinbar ist er solche Anschuldigungen gewohnt.

Ebenfalls überrascht zieht Randirion die Augenbrauen hoch. "Es ist ein … miracle de la déesse!" murmelt er ergriffen und schließt kurz die Augen, um im Geiste einen Dank an Rondra zu sprechen. Dabei löst sich seine Hand vom Griff seines Rapiers, das er zu ziehen bereit war, als er wie Connor den fehlenden Schatten des Fremden bemerkte.

Aber die ist völlig in ihr Gebet vertieft und scheint im Moment die Welt um sich herum vergessen zu haben.

Mit Verspätung bemerkt er die Verwunderung der Gruppe über Cassjarellas Worte. "Was ist so besonders an den Worten? Oder … an der Sprecherin?"

Die komplette Erstarrung der Gruppe lässt auch Rondrian verharren. Stumm kniet er nieder und spricht ein kurzes Gebet zu Rondra. Danach wartet er darauf, dass der Schock bei den Helden vergeht.

Cassjarella betet noch ein wenig, dann steht sie auf greift in alter Gewohnheit zur Tafel und beginnt zu schreiben: "Der Leuin sei Dank! Ich kann wieder sprechen!"

Der Krieger sieht sie kritisch an und lupft die linke Augenbraue:

"Wirklich?" antwortet er skeptisch. "Das würde mich sehr freuen, MEINE LIEBE!" betont er die letzten Worte besonders und lächelt.

Nun die Antwort klingt zwar etwas kratzend aber gewohnt deutlich: "Ich bin nicht DEINE LIEBE!"

Der Krieger grinst: 'Schade!'; laut erwidert er: "Na bitte, geht doch!"

Dann lässt sie Connor stehen, geht zum Pferd und holt ihren Siegelring aus den Tasche und steckt ihn wieder mit einem erleichterten Seufzer an den Ringfinger.

Anschließend wendet sie sich Rondrian zu: "Die Leuin hat mir die Sprache wieder gegeben. Sag, Knappe, was weißt Du über das Schwert?"

Die nun fällige Ehrerbietung folgt prompt. Danach erhebt sich Rondrian wieder und antwortet: "Wie alle hier kenne ich die Sage der Thalionmel. Dort hinten sind die beiden Brückenpfeiler der alten Brücke. Dort hat sich der Kampf zugetragen. Das Schwert selber wird in den Fluten des Chabab vermutet. Gefunden hat es bisher niemand. Aber alle suchen danach. Sie tauchen regelmäßig an den verschiedensten Stellen." Dabei weist er auf den Fluss hinaus. Auch jetzt am Abend sind immer noch Menschen im Wasser und tauchen.

"Gut, dann brauchen wir es dort nicht zu suchen", meint die Geweihte lächelnd. "Die Leuin gab mir den Auftrag das Schwert zu finden. Als Schwester und Ritterin fordere ich Dich auf, uns zu helfen.

Aber zuerst sollten wir uns in unserer Herberge zurückziehen. Ich denke, dass Du uns beim Essen sicherlich eine interessante Geschichte erzählen kannst."

Mit spürbarer Erleichterung nimmt Connor wahr, dass die Geweihte nun wieder die allgemeine Konversation übernimmt und ihn damit merklich entlastet. Dieser Führungsquatsch hin oder her, das ist nicht sein Ding.

Bei dem Wort Herberge entgleiten Rondrian die Gesichtszüge. Eine Mischung aus Frage und Abscheu macht sich breit.

Das scheint Cassjarella nicht zu bemerken, denn schon dreht sie sich zu Celissa und Randirion um: "Ihr sagtet, dass Ihr eine Unterkunft gefunden habt? Dann sollten wir dort hin, oder?"

Randirion will schon zustimmen, doch wird seine Aufmerksamkeit durch Connors Frage an Rondrian abgelenkt.

"Ja, genau", bestätigt Celissa und fasst sich wieder nach all den Vorkommnissen. Den fehlenden Schatten hat sie immer noch nicht bemerkt.

Connor hingegen hat es bemerkt und nimmt Rondrian wieder scharf ins Auge.

"Was soll das heißen?" fragt er nach, ohne sich zu kümmern, dass sein Gegenüber gar nichts gesagt hat.

"Der rechte Pilger hat seine Bettstatt im Pilgerlager, nicht in einer dieser Herbergen die den Menschen nur verweichlichen." bricht es nach kurzem Nachdenken aus ihm heraus. "Und er nimmt auch dort sein einfaches Mahl ein." Es klingt fast ein wenig trotzig.

Celissa rümpft die Nase.

"Ich kann Euch ein Nachtlager in meinem Zelt anbieten. Es ist genug Platz vorhanden."

"Meinetwegen auch das …", Cassjarella ist es egal wo und wie sie schlafen soll. Heute Nacht wird sie sowieso nicht zum schlafen kommen, sondern der Leuin danken.

Fragend schaut sie ihre Gefährten an: "Was ist mit Euch?"

Connor hebt die Hände. "Ich schlafe nun schon so lange in Häusern, aber weich bin ich davon nicht geworden, eher ausgeruht." erwidert er. "Aber so ein Angebot lehne ich natürlich nicht ab."

"Das Zimmer im Gasthaus ist sowieso schon bezogen", erklärt Celissa. "Und ich für meinen Teil ziehe einen guten Wein und ein bequemes Bett eindeutig vor, selbst wenn es mich weicher machen sollte." Spöttisch wirft sie dem Rondrianer einen Blick zu. "Beim Dienst an meiner Göttin sind blaue Flecke eben auch die Ausnahme."

Randirion kann sich ein Schmunzeln bei der Antwort seiner Liebsten nicht verkneifen. Zustimmend nickt er zu ihrer Entscheidung.

Selbstverständlich wird er sich nicht von ihr trennen.

Zu dieser Aussage hebt Cassjarella skeptisch die Augenbraue - das hat sie auch schon anders erlebt, aber nun ja …

"Falls es Euch überrascht. Gottesfürchtiger Dienst hinterlässt keine blauen Flecken sondern Narben. Blaue Flecken sind ein Zeichen von zu wenig Hingabe." erwidert Rondrian.

Cassjarella muss schmunzeln, ja diese Art von gottesfürchtigem Dienst hat sie schon sehr oft erlebt. Jede Narbe ist eine Geschichte und davon kann sie viele erzählen …

Celissa lacht. "Dann hoffe ich nur, dass Ihr wenigstens Euer Lager und Essen so gemacht habt, dass sie nur blaue Flecken und keine Narben hinterlassen."

"Das werdet ihr wohl nie erfahren." ist Rondrians trockene Antwort.

"Tja, wie bedauerlich", kommentiert sie ironisch und nickt ihm zum Abschied zu. "Habt eine gute Nacht, Euer Gnaden."

"Habt Ihr das Zimmer schon bezahlt?" fragt sie Celissa.

"Nein, natürlich nicht."

"Gut, dann wird es auch niemanden stören, wenn ich dort nicht schlafe", antwortet Cassjarella. "Ich denke, wir sehen uns dann Morgen früh vor der Ordensburg?"

Celissa neigt den Kopf. "Wie Ihr wünscht." Sie lächelt leicht. "Ich bin sicher, die Nacht wird für Euch dennoch mindestens genauso angenehm wie für uns."

"Danke! Das hoffe ich für uns alle", antwortet die Geweihte. Dann wendet sie sich - ohne Connors Entscheidung abzuwarten - Rondrian zu: "Gehen wir!"

"Eine gute Nacht!" wünscht ihnen der junge Adlige zum Abschied und legt einen Arm um Celissas Hüfte. Sanft zieht er sie an sich heran und raunt ihr zu: "Bien, dann lass uns unser formidables Quartier beziehen und uns von dessen Qualitäten überzeugen lassen." Er zwinkert ihr zu und schlägt mit ihr den Weg zum großen Markt ein.

Nachdem die beiden anderen sich verabschiedet haben, bedeutet Connor dem Geweihten, sie zu seinem Zelt und dem angebotenen Lagerplatz zu führen.

Der Höflichkeit halber steigt er nun ab und läuft mit dem Pferd am Zügel.

Und so trennen sich die Wege der 4 für heute. Eine kurze Verabredung des morgigen Treffpunkts und der Zeit. Dann folgen Cassjarella und Connor dem Geweihten zu einem einfachen aber geräumigen Zelt. Randirion und Celissa wenden sich wieder der Stadt zu.

Als sie das Zelt von Rondrian erreichen und Connor seinen Schlafplatz zugewiesen bekommen hat, kniet er sich entspannt hin, richtet das Tuzakmesser vor sich auf und hält beide Hände über dem Knauf gefaltet und verharrt in dieser Position. Cassjarella erscheint es fast, als würde der Krieger beten.

Deshalb wird sie den Krieger auch nicht stören, obwohl sie sich aus der gemeinsam erlebten Zeit sicher ist, dass es wohl - leider - kein Gebet sein wird.

Sie zieht sich in ihren Teil des Zeltes zurück und verbringt die Nacht hauptsächlich mit der Pflege und Wiederherstellung ihrer Ausrüstung. Jetzt nachdem die Göttin sie wieder in ihren Kreis aufgenommen hat, ist die Zeit gekommen, dieses auch wieder den Menschen zu zeigen.

Also wird sie ihre Insignien wieder aufbringen, die Waffen reinigen und wenn dann noch Zeit ist bis zum Morgen an einer einsamen Stelle in der Nähe ihren Körper durch einen Waffentanz stählen.

"Aus Erfahrung ist die Zeit bis zum nächsten Morgen immer zu kurz und unsere pünktliche Anwesenheit an der Ordensburg wird erwünscht sein", fügt er mit einem verheißungsvollen Lächeln noch an.

Celissa gibt ihm einen Kuss und schmiegt sich an ihn. "Dann müssen wir die Zeit eben gut nutzen", raunt sie ihm zu.

"Dann fangen wir doch gleich damit an, um keine Zeit zu verlieren", erwidert er sanft, ihre körperliche Nähe sichtlich genießend. Als er nun, nach kurzem Schweigen, auf ihrem Weg zu ihrer Unterkunft die Konversation weiter führt, wird seine Stimme deutlich ernster. "Ist dir vorhin auch etwas Merkwürdiges aufgefallen?" Er schaut sie von der Seite an. "Ich meine, als dieser Geweihte, Rondrian Donnerhall von Donnerbach, vor uns getreten ist? Ich bin mir sicher, dass er keinen Schatten warf."

"Was? Bist du sicher?" Celissa löst sich von ihm und sieht ihn bestürzt an. Diese Auskunft wirkt wie eine kalte Dusche, und gleich kommt die Erinnerung an Grangor wieder auf. "Meinst du, er gehört zu … ihnen?"

"Alors, der Oberst und Ihre Gnaden scheinen auch etwas bemerkt zu haben, daher bin ich mir ziemlich sicher", antwortet Randirion auf ihr erste Frage. "Und an die Geweihten des Namenlosen habe ich zuerst auch gedacht. Doch dem widerspricht die Reaktion Ihrer Gnaden." Er legt wieder seinen Arm um sie und setzt seinen Weg fort. "Sei beruhigt, er scheint wohl auf der richtigen Seite zu stehen, doch muss der fehlende Schatten einen Grund haben und dazu fällt mir eigentlich nur noch eine Intervention arkaner Natur ein, jemand hat ihn seines Schattens beraubt, wie und warum sei dahingestellt."

"Naja, die Marchessa hat sich schon überzeugt angehört", räumt Celissa ein. "Aber bei der Hochgeweihten in Grangor hat es auch niemand vermutet. Wir müssen vorsichtig sein."

"Oui, das sollten wir, in der Tat", bekräftigt der junge Adlige ihre Aufforderung. "Doch nun lass uns an das Vergnügliche denken, das heute noch vor uns liegt." Er zwinkert ihr zu und gemeinsam gehen sie einem Abend voll sinnlicher Genüsse entgegen, ganz zu Rahjas Gefallen.