Nachdem die Echse wieder gefesselt und geknebelt wurde, sind auch die Novadis mit dem Beladen der Kamele fertig und die Karawane zieht weiter am Chaneb entlang.

Banjew fühlt sich immer noch nicht wohl mit der Art ihrer Fortbewegung. Er ist mehr darauf konzentriert, auf dem Tier zu bleiben und sein Frühstück bei sich zu behalten.

Am späten Vormittag erblicken die Reisenden auf einer Anhöhe direkt neben der Straße eine schlanke Gestalt auf einem Pferd. Beim Näherkommen erkennen sie, dass die schwerbewaffnete Person eine Frau ist. Die Endzwanzigerin ist unverschleiert, schwarze, staubige Haare umrahmen das schmale, von Narben gezeichnete Gesicht, das von Wind und Sonne, eisigen Nachtfrösten und heißen Gefechten erzählt.

Lauriel hat wieder mit ihrem Reittier zu tun, dass sie zwar die Reiterin wahrnimmt, aber nicht zu einem Gespräch aufgelegt ist.

Während die meisten sich an das Reiten gewöhnt haben, hat Ouroborox weiterhin Schwierigkeit sich mit seinem Reittier anzufreunden. Um nicht herunter zu fallen, steigt er immer wieder ab und läuft zu seiner Erleichterung neben der Karawane her. Selbst als die Karawane hält, ist weiter mit den Auswirkungen des Reitens beschäftigt. Ihn kümmert die Umgebung nicht, erst wenn das Drehen in seinem Magen nachlässt, kann er sich auf die Umgebung konzentrieren.

Von den anderen aufmerksam gemacht, sieht auch der Magier sie. Seine Sorge ist, dass sie nicht allein ist, und so lässt er seine Augen so gut es geht über die Gegend schweifen, sieht aber nichts, was ihm gefährlich erscheint.

Ayla betrachtet die Frau näher und überlegt ob es sich bei der Frau um eine Novadi handeln kann. Auf jeden Fall wird sie aufmerksam bleiben. Wo eine Bewaffnete ist da können auch mehr sein.

Ayla hat schon von den sogenannten Achmad'sunni gehört, von deren Namen sich auch das Garethi-Wort "Amazone" ableitet. Bei den Novadis gilt das Gesetz der Blutrache, und manchmal kommt es vor, dass es in einer Sippe keine volljährigen Männer mehr gibt. Dann legt die älteste unvermählte Tochter Männerkleidung an und führt die Blutrache fort. Ist die Fehde beendet oder ein Jüngling herangewachsen, kehren sie meist wieder in die normale Frauenrolle zurück, manche aber bleiben hochgeehrte Kriegerinnen.

Diese Informationen gibt Ayla schnell noch an alle anderen weiter bevor die Frau die Karawane erreicht hat.

Cuilyn schaut sich die Frau aufmerksam an. Eine Veteranin, da ist er sich sicher. Er hebt die Hand zum Gruß.

Die Frau grüßt zurück und reitet näher. Nach kurzem Zögern wendet sie sich an Abidallu und nach einem Austausch erster Höflichkeiten erklärt sie, dass sie der Karawane Tee und Brotfladen abkaufen möchte. Der Karawanenführer ist dazu gerne bereit.

"Sei mir gegrüßt, Tochter der Rache. Möge Deine Waffe stets scharf sein. Auf dass sie das vergossene Blut sühne." begrüßt Ayla die Frau freundlich. "Mein Name ist Ayla saba Amchur und wie ist der Deine?"

Cuilyn wartet auf die Antwort der Tulamiden - Amazone, wie er sie innerlich nennt, bevor er Lauriel, sich selbst und seine Freunde Ouroborox und Banjew vorstellt.

Die Achmad'sunni erwidert den Gruß höflich und stellt sich als Riftah saba Altufir vor.

"Ihr kommt aus Kannemünde, nehme ich an", sagt sie dann. "Gibt es Neuigkeiten von dort, oder aus Khunchom?"

"So ist es. Khunchom ist wie immer. Eine Stadt die niemals schläft. Auf unserer Reise kamen wir auch durch Kannemünde. Dort herrscht große Unruhe. Habt Ihr etwas über die Probleme im Salzhandel in Unau gehört?" antwortet Ayla höflich.

Die Kriegerin schüttelt den Kopf. "Ich komme aus Selem und war schon lange nicht mehr in Unau. Was für Probleme gibt es denn?"

"Der Salzhandel stockt. Und keiner weiß warum. Es kommen auch keine Nachrichten mehr von dort." erläutert Ayla.

"Und wir haben einen Echsenmenschen in der letzten Karawanserei gefangen, der behauptet, Unterstützung aus Unau zu haben", ergänzt Cuilyn.

"Einen Echsenmenschen?" fragt die Achmad'sunni erstaunt. "Das ist aber seltsam. Er hat bestimmt gelogen, man weiß das doch von den Echsen, dass man ihnen nichts glauben kann. Ich habe gehört, dass es einen neuen Sultan in Unau gibt, aber ich wüsste nicht, warum er den Salzhandel stoppen sollte." Bei den letzten Worten klingt sie besorgt.

"Wir hatten, sagen wir mal, unsere Möglichkeiten, etwas nahe der Wahrheit aus ihm rauszukitzeln", mischt sich Banjew erstmals ein. "Wir wissen nur nicht, ob er selbst überhaupt die Wahrheit kannte. Er schien sich nicht so sehr dafür interessiert zu haben, warum er überhaupt hier ist."

"Seit wann gibt es einen neuen Sultan in Unau?" fragt Ayla interessiert. "Und vielleicht will er ihn gar nicht stoppen sondern nur unter seine Herrschaft bringen."

Riftah nickt. "Das wäre möglich. Soweit ich gehört habe, ist der alte Sultan etwa vor einem Vierteljahr verstorben."

"Und vor einem Monat wurden die Echsen von jemand aus Unau angeworben. Sie sollten die Karawanserei überfallen. Vielleicht will sich der Sultan von Unau aus die komplette Salzroute sichern." rätselt Ayla laut.

"Vielleicht, aber ich kann nicht glauben, dass die Echsen damit etwas zu tun haben. Kein rechtgläubiger Novadi würde sich auf so etwas einlassen." Sie lässt ihren Blick über die Gruppe schweifen. "Und warum reist ihr nach Unau?"

"Genau wegen des Salzhandels. Daher helfen uns alle Hinweise." antwortet Ayla vorsichtig.

Die Kriegerin schaut die Gruppe noch einmal etwas ungläubig an und schüttelt leicht den Kopf. Dann richtet sie ihren Blick wieder auf Ayla. "Dann seid ihr offizielle Gesandte aus Kannemünde?"

"Nennen wir es besser inoffizielle Beobachter. Zunächst einmal. Im Auftrag der am Salzhandel Beteiligten." korrigiert Ayla die Aussage.

Riftahs Augen verengen sich. "Naja, es ist eure Sache, aber lasst mich euch einen Rat geben: haltet euch aus der Sache heraus oder beschränkt es wirklich aufs Beobachten. Jeder in Unau wird euch als bornische Agenten erk…, äh, ansehen, und wenn es da Spannungen gibt, kann das für euch nicht gut ausgehen. Und lasst um Rastullahs Willen das Gerede von Echsen, die etwas mit den Unauern zu tun haben sollen."

Ayla nickt ernst. "Ihr kennt Euch gut aus. Wir werden Euren Ratschlag beherzigen. Doch eine Frage: Was sind Gelbherzen?" fragt sie nach.

"Gelbherzen? Nie gehört. Habt Ihr das auch von dieser Echse?"

"Nein, von einem anderen Beobachter in Unau. Der hat aber leider Deinen Ratschlag nicht erhalten."

"Ah …" Da bringt Abidallu den Tee und die Brotfladen, und nachdem die Achmad'sunni bezahlt hat, verabschiedet sie sich wieder mit einem "Rastullah sei mit euch."

"Und mit Dir." antwortet Ayla höflich.

Nach dem auch Cuilyn sich höflich verabschiedet hat, wartet er auf das Signal zum Weiterziehen.

Lauriel hat zugehört, aber keine weiteren Fragen. Ayla wird schon die richtigen Fragen gestellt haben, sie kennt sich viel besser in der Politik der Menschen aus.

Sie winkt daher der Amazone freundlich hinterher.