Am nächsten Tag bricht die Karawane zu ihrer letzten Etappe auf - Abidallu erwartet, am Abend Unau zu erreichen.

Banjew kommt allmählich besser mit der hiesigen Reiseform zurecht. Mittlerweile wird ihm nicht mehr speiübel, wenn er die Kamele nur sieht, und auch unterwegs hält sich sein Körper halbwegs zurück. Nur wird das Reiten auf Kamelen nie seine bevorzugte Fortbewegungsart werden.

Am Vormittag noch wird die sonst doch recht eintönige Reise unterbrochen, als der Karawane in einer Staubwolke eine Gruppe Reiter entgegen kommt, die ihre Pferde erst stoppt, als sie sich auf wenige Schritt genähert haben. Dabei zerren sie ziemlich brutal an ihren Zügeln.

Pferde? Banjew ist überrascht. Er hatte sich vorgestellt, dass man hier nur Kamele kennt. Was das wohl für Leute sind? Hoffentlich keine Räuber? Er macht sich bereit einzugreifen, sollten sie angegriffen werden.

Die Reiter sehen hart und kampferprobt aus, gekleidet sind sie in Kettenhemden, über denen sie weite Waffenröcke tragen. Vorne auf der Brust prangt ein sandfarbenes Abzeichen grob in der Form eines Herzens. Als Bewaffnung trägt jeder einen Khunchomer und einen schweren Dolch im Gürtel.

Als Banjew das Abzeichen erkennend eins und eins zusammenzählt, entspannt er sich leicht. Wenn sie hier nichts falsch machen, wird ihnen wohl nichts passieren. Und was alles falsch gemacht werden könnte, weiß Abidallu wohl am Besten. Er versucht sich unauffällig im Hintergrund zu halten.

Der Hauptmann fragt Abidallu in barschem Ton nach Fracht und Ziel der Karawane.

Lauriel zügelt ihr Kamel und hält sich sonst zurück. Sie hat in den letzten Tagen gelernt, dass Frauen hier nicht allzu viel zu sagen haben.

Ähnlich verhält sich Ayla. Soll der Karawanenführer erstmal agieren. Sie hält sich im Hintergrund einsatzbereit.

Ouroborox lenkt sein Kamel neben Ayla und fragt sie: "Kannst du mir übersetzen, was die da vorne wollen?" Er nimmt an, von der Unterhaltung die vorne geführt wird, wenig zu verstehen, da er weder die Sprache noch die Gepflogenheiten der Gegend kennt.

"Aber gerne doch." antwortet Ayla hilfsbereit und versucht die Unterhaltung zu verstehen. Notfalls lenkt sie in einer ungeschickten Geste das Kamel etwas näher.

Cuilyn beobachtet, was sich da entwickelt.

Der Karawanenführer antwortet höflich. Daraufhin fragt der Hauptmann auch nach besonderen Vorkommnissen auf dem Weg, und Abidallu berichtet ihm ausschweifend von den Echsen in der Karawanserei.

Der Hauptmann nickt gewichtig. "Wir wollten da sowieso nach dem Rechten schauen. Der Sultan hatte da so eine Eingebung, dass in der Richtung vielleicht Gefahr droht. Und diese Leute haben die Echsen besiegt?" fragt er, woraufhin Abidallu bejaht und die Helden in höchsten Tönen lobt. Der Hauptmann mustert sie scharf.

Als Banjew dies bemerkt, fühlt beginnt er sich unwohl in seiner Haut zu fühlen. Er hat zwar nicht genau verstanden, worum es geht, aber die Anzeichen sind deutlich, dass es um sie geht. Schlimm genug, wenn man Bütteln auffällt, aber dann gleich der Leibgarde des Sultans …

Banjew versucht ausgesprochen angestrengt, sich normal zu verhalten. Doch wie verhält man sich eigentlich normal in dieser Gegend?! Die aufsteigende Nervosität lässt sich nicht verbergen.

Leise flüstert Ayla dem Zwerg zu: "Abidallu hat gerade von unseren Taten in der Karawanserei berichtet. Damit hat er die Soldaten auf uns aufmerksam gemacht."

Was Ayla gar nicht recht ist. Die Warnung des alten Kontorleiters ist ihr noch gut in Erinnerung.

"Und das in so kurzer Zeit?" zweifelt Ouroborox. "Die brauchen doch schon bei der Begrüßung normaler weise länger als ich, wenn ich eine Kette schmiede."

"Du solltest unterscheiden zwischen dem ausschweifenden Erzählstil auf den Märkten oder in den Cafes und der Einholung von Auskünften durch die Herrscher. Der Hauptmann wollte keine Geschichte er wollte Fakten. Und zwar so schnell wie möglich." versucht Ayla dem Zwerg deutlich zu machen.

Lauriel neigt höflich ihren Kopf gegen den Hauptmann als er zu ihr hinüber schaut, dass sie das meiste verstanden hat, lässt sie sich nicht anmerken.

Cuilyn neigt den Kopf leicht, als der Hauptmann ihn anschaut.

Der Hauptmann lenkt sein Pferd näher. "Ihr da, Fremder! Wer seid Ihr? Was wollt Ihr in Unau?"

Noch übersetzt Ayla für Ouroborox und hält sich zurück.

Banjew tut so, als ob er nicht recht verstanden hätte, was der Hauptmann von ihm will, obwohl ihm das aus dem Zusammenhang ziemlich klar ist. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass der Hauptmann ihn meint, daher antwortet er auf Garethi: "Banjew Abrinken ist mein Name. Leider beherrsche ich das Tulamidische nicht besonders gut", fügt er entschuldigend an.

"Was redet der Kerl?" fragt der Hauptmann. "Kann das einer von euch übersetzen?" Offensichtlich meint er nicht seine Leute, sondern die Mitglieder der Karawane.

Banjew guckt sich irritiert um, zu Cuilyn gewandt fragt er: "Was hat er denn jetzt gesagt?"

"Oh Du starker Sohn des Kampfes, dieser edle Herr hat nur erklärt, dass er der Sprache der Tulamid und Beni Novad nicht mächtig ist." übersetzt Ayla eher widerwillig. Aber bevor Abidallu etwas falsches sagt spielt sie lieber die Übersetzerin. Dabei betrachtet sie den Hauptmann genau. Hat er das Garethi tatsächlich nicht verstanden oder tut er nur so.

Sie glaubt, er tut nur so.

"Wenigstens noch jemand, der richtig sprechen kann", kommentiert der Hauptmann. "Nun, übersetze ihm meine Fragen!"

Lauriel hört weiter zu, vielleicht kann sie noch ein paar Zwischentöne und Stimmungen erhaschen.

Es bleibt Ayla nichts anderes übrig als die Frage erneut in Garethi zu formulieren. Dabei beobachtet sie genau den Gesichtsausdruck des Hauptmanns.

Der wartet jetzt anscheinend ungeduldig auf die Antwort und ihre Übersetzung.

Die durch die Sprachbarriere gewonnene Zeit nutzt Banjew fieberhaft, nach einer sinnvollen Erklärung für seine Anwesenheit hier zu suchen. So schnell hatte er nicht mit der Konfrontation mit der Staatsmacht gerechnet. So bleibt nur, den Gelbherzen dasselbe zu sagen wie Spinalis.

"Wie ich schon sagte, ist mein Name Banjew Abrinken, Spross einer norbardischen Händlerfamilie", wiederholt sich Banjew an den Hauptmann gewandt. "Im Auftrag der Handelshäuser soll ich erforschen, warum der Handel mit dem Sultanat stockt." Selbstbewusst blickt er den Hauptmann an und wartet auf dessen Reaktion.

Ayla übersetzt wortwörtlich und beobachtet weiter den Hauptmann.

"Nun, das kann ich ihm sagen", antwortet dieser höhnisch. "Es liegt daran, dass die Ungläubigen nicht den Zoll zahlen wollen, der dem Sultan zusteht. Dann ist es also nicht mehr notwendig, dass er weiterreist nach Unau."

Ayla und Banjew glauben beide, dass der Hauptmann das letzte nicht wirklich ernst meint, sondern Banjew nur provozieren will.

Nachdem Ayla erneut übersetzt hat verfinstern sich Ouroborox Züge.

"Besonders gastfreundlich sind die hier nicht." grummelt er. "Wie hoch wäre der Zoll für normale Handelsreisende?"

Der Hauptmann lacht. "Der Zoll ist auf Waren, nicht auf Personen."

"Schön, dass es hier keinen Menschenhandel gibt." flüstert Ouroborox zu Ayla nach dem diese übersetzt hat.

Ayla muss ein wenig grinsen und ist für einen Moment unaufmerksam.

Da das Gespräch Lauriel nicht wirklich interessiert, schaut sie sich die anderen Gelbherzen an. Vielleicht erkennt sie ja den Sohn der Wirtin wieder.

Sie sieht gleich drei, die der Beschreibung "großer, schlanker junger Mann" entsprechen würden, erkennt aber bei keinem so direkt eine Ähnlichkeit mit der Wirtin.

Ayla leitet die Frage weiter.

Banjew bleibt ruhig. "Nun, dann scheint der Informationsfluß ebenfalls ein wenig gestört zu sein. Ein Grund mehr, nach Unau zu reisen."

Auch das übersetzt die Magierin.

Der Hauptmann schnaubt verächtlich. "Wie Ihr wollt. Aber benehmt Euch dort. In Unau herrscht Ruhe und Ordnung, nicht wie bei euch Ungläubigen."

Ayla hört diese Anmaßung und kann sich nicht zurückhalten. Mag der Hauptmann Garethi beherrschen oder nicht. "Dieser edle Herr rät uns sich in Unau, dem ordnungliebendsten Kameldorf in der Khom, brav zu verhalten."

Banjew guckt sie entgeistert an. Was der Hauptmann wohl gesagt hat, dass Ayla so aus der Haut fährt?! "Ganz ruhig", flüstert er ihr zu. "Mit Zorn kommen wir hier bestimmt nicht weiter." Immer noch verwundert mustert er die Adepta.

Entweder versteht der Hauptmann doch nicht so gut Garethi oder er kann sich gut beherrschen. Jedenfalls zeigt er keine Reaktion auf die Beleidigung.

Ein zorniger Blick funkelt noch in den braunen Augen als Ayla ihn anblickt. "Will mir der Kerl Benehmen beibringen. Mir." zischt sie ebenso leise. Nur langsam kommt sie wieder auf den Boden zurück und bemerkt ihren Fauxpas.

"Danke für den Hinweis." Dabei kann sie bereits wieder lächeln.

"Wollen wir ihm mal beibringen wie es sich in meiner Heimat gebührt mit Damen umzugehen?" flüstert die Elfe, der die Unterhaltung irgendwie zu lang wird, Ayla ins Ohr. "Ein wenig Mandra wirkt bei so einem verstockten Menschlein Wunder!"

Langsam ist Ayla wieder in der Gegenwart angekommen. "Herzlich gerne. Aber warten wir erst ob wir die kostbare Kraft an diese Dummköpfe verschwenden müssen." flüstert sie leise zurück.

Lauriel nickt und wartet.

"Was soll die Tuschelei?" fragt der Hauptmann ungehalten. "Habt ihr etwas zu verbergen?"

"Wir dumme Frauen, wollten hohen Herrn nicht stören", erwidert Lauriel in einem gebrochenem Tulamidya.

Der Hauptmann schnaubt abfällig. "Na schön", wendet er sich an Abidallu. "Ihr könnt weiterreisen." Dann gibt er seinen Leuten ein Zeichen, und der Trupp reitet weiter Richtung Bir-es-Soltan.

"Pfff!" macht die Elfe. "Lange hätte ich es nicht mehr ausgehalten! Dieser Laffe!"

Cuilyn legt seiner Freundin die Hand auf den Arm. "Gut gemacht!"

"Wir haben Glück gehabt. Das hätte ins Auge gehen können. Die Warnung ist berechtigt gewesen. Diese Männer sind gefährlich."

"Ja", antwortet Banjew mit einem Schmunzeln. "Genau!"

"Wieso haben wir Glück gehabt?" fragt Lauriel nach. "Ich denke eher, dass die Reiter Glück hatten."

"Warte auf den Rückweg." mahnt Ouroborox seine große Freundin. "Dann kannst du ihm ewige Erinnerung einbrennen."

"Oder ihm seine nehmen …"

"Sowohl als auch. Wissen wir denn, ob nicht irgendwo eine zweite Gruppe wartet? Ein einzelner Reiter, der bis Unau durchkommt hätte alles verderben können." gibt Ayla zu bedenken.

"Ich muss an den Überfall auf die Karawanserei denken. Und dass er aus Unau beauftragt wurde. Und jetzt treffen wir Palastwachen mitten auf dem Weg in diese Richtung." fällt ihr plötzlich ein. "Was machen die hier?"

"Kaum einen Palast bewachen", erwidert die Elfe lakonisch. "Vielleicht wollten sie sich auch nur von dem Ergebnis der Überfalls kontrollieren."

"Und das wohl nicht im eigenen Interesse. Sondern im Auftrag eines anderen. Des Sultans vermutlich. Ein Mann der eigentlich tot sein sollte und danach zum Sultan aufstieg. Und der mit dem Aufstieg begann seine Macht zu festigen und auszubauen. Er will mehr Geld für das Salz, er befiehlt Angriffe auf friedliche Menschen. Was ist das für ein Mensch und wie konnte er Sultan werden? Warum haben ihn der Sultanssohn und die anderen zum neuen Sultan gewählt? Wollte der Sohn nicht Nachfolger seines Vaters werden?" Ayla versucht laut ihre Gedanken zu ordnen.

"Ein Sultan sollte nicht deshalb Herrscher werden, weil er der Sohn eines Herrschers ist", widerspricht die Elfe. "Es sollte der werden, der herrschen kann …"

"Abgesehen von dieser komischen Geschichte mit dem Beinahe-Tod in der Wüste finde ich das nicht unbedingt ungewöhnlich", meint Banjew. In Gedanken schweift er zu seinen Erfahrungen in Gareth ab … "Eher normal", fügt er nach einiger Zeit an.

"Warum? Ich dachte, der Kaiserthron würde vom jeweiligen Thronfolger bestiegen. Und nicht von einem Untergebenen, der durch Wunderheilung auferstanden ist?" fragt Ayla verwundert. Sie kennt die Herrscher in Rashdul und Khunchom, und sie dachte sie hätte gehört, dass dieser Herrscher Hal der Sohn des letzten Herrschers war.

"Ja, dieser Teil der Geschichte ist merkwürdig", beginnt Banjew das Missverständnis richtig zu stellen. "Aber mehr Geld und mehr Macht haben zu wollen und dabei auch über Leichen zu gehen, das kommt mir nicht ungewöhnlich vor."

Ayla nickt zustimmend.