Am Abend erreicht die Karawane endlich Unau. Die mittelgroße Stadt ist auf von Westen nach Osten ansteigendem Gelände erbaut und wird im Osten von einer durchschnittlich 15 Schritt hohen, recht steilen Felswand begrenzt. Vor dem Abhang liegt auf einer Felsstufe die sogenannte Oberstadt, die die Wohnungen der Reichen, der Adelsfamilien und den Palastbezirk umfasst. Zum Westen hin werden die Häuser immer kleiner und ärmlicher.

Unau ist (außer im Osten) von einer durchschnittlich fünf Schritt hohen Mauer umgeben, die selbst im matten Licht der untergehenden Sonne noch hell glänzt. Das Kannemünder Tor, auf das die Karawane zusteuert, besteht aus zwei Torbögen von je drei Schritt Breite; die Durchgänge werden von zwei sechs Schritt hohen Türmen flankiert. Zwei Wächter in der Uniform der Gelbherzen kontrollieren die Karawane, bevor sie eingelassen werden kann.

Als Lauriel der Stadt gewahr wird, seufzt sie: "Endlich!"

Ayla blickt sich interessiert um während die Karawane kontrolliert wird. Sind noch mehr Gelbherzen zu sehen?

Auf der Mauer sieht sie eine Doppelstreife patrouillieren.

So lässt Ayla die Kontrolle widerstandslos über sich ergehen. Zumindest solange nur die Karawane untersucht wird.

Cuilyn lässt die Kontrolle ruhig über sich ergehen.

Lauriel bleibt immer in der Nähe ihres Freundes.

Da alle kontrolliert werden, bleibt Ouroborox ruhig. Beim Ritt durch die Tore schaut er sich die Mauern an.

Solange er nicht wieder erklären muss, was er hier eigentlich will, lässt Banjew die Kontrolle still über sich ergehen.

Der besondere Glanz ist anscheinend auf einen speziellen Verputz zurückzuführen. Er sieht sehr glatt aus.

"Schöne Arbeit." meint Ouroborox zu den Anderen. "Die Wände sehen sehr glatt und stabil aus, ganz ohne Fugen. Da wird es für Angreifer bestimmt schwieriger hoch zu kommen."

Nachdem die Karawane das Tor passiert hat, steuert Abidallu den Funduq an, eine Mischung aus Karawanserei und Marktplatz. Dieses aus Lehmziegeln errichtete Gebäude liegt fast in der Mitte der Stadt und bildet tatsächlich den Mittelpunkt des Unauer Wirtschaftslebens. Die Straße zwischen Tor und Funduq wird von zahlreichen Läden gesäumt, die zum Teil geschlossen sind. In den geöffneten Geschäften werden vor allem Proviant, Salz und Erzeugnisse der Nomaden - wie Lederwaren und Ziegenfleisch – verkauft.

Der Gruppe fällt aber auch die Stille und Leere auf den Straßen auf. Nur wenige Passanten sind zu sehen, manchmal spielende Kinder und einige Alte, die sich meist ängstlich zu verbergen suchen, wenn die relativ häufigen Patrouillen der Gelbherzen vorbeigehen. Die Häuser in den Seitenstraßen scheinen teilweise leer zu stehen.

Banjew wundert sich. Bisher machten die Leute in dieser Gegend Aventuriens einen eher geselligen Eindruck, zumindest untereinander. Aber die Stadt macht nicht den Eindruck, dass man hier nur den "Ungläubigen" aus dem Weg geht. Auch dass hier überall die Leibgarde des Kalifen unterwegs ist und keine stinknormalen Büttel, kommt ihm auch nicht ganz koscher vor.

Zwischen zwei kleinen Buden öffnet sich dann überraschend der gut vier Meter breite Eingang zum Funduq. Die Händler lenken die Kamele mit wilden Schreien - und unter reger Anteilnahme einiger Unauer - auf den Innenhof und weiter durch ein zweites Tor auf eine große, ziemlich kahle Weidefläche im Süden des Funduq.

"Die Stadtwache scheint bei den Unauern nicht sehr beliebt zu sein. Es ist auch zu ruhig hier. Wo sind all die Menschen?" fragt Ayla leise als wieder einmal eine Patrouille vorbei gegangen ist.

"Ja, das ist schon seltsam." erwidert Ouroborox. "Keine Kinder, keine Alten und die Hälfte der Läden geschlossen."

"Ja", wundert sich nun auch Banjew laut. "Und gab's hier eigentlich schon immer nur die Leibgarde und keine anderen Büttel?"

"Eine gute Frage. Wenn es einmal Büttel gab, dann sind sie heute vermutlich Gardisten oder Zivilisten." überlegt Ayla.

Abidallu weist Dschelef, Hassan und die Helden an, das restliche, schwindende Tageslicht zu nutzen und mit dem Abladen der Waren zu beginnen.

Banjew versucht während der Arbeit unauffällig von Dschelef und Hassan in Erfahrung zu bringen, ob es hier schon immer nur die Gelbherzen gab und ob die schon immer so häufig auf den Straßen patrouillierten. Den Begriff "Gelbherzen" vermeidet er freilich.

Hassan erzählt, dass die Truppe früher nur für den Palast zuständig war. Dass sie jetzt die ganze Stadt kontrollieren, ist ihm auch neu, aber er hat schon gehört gehabt, dass sie unter dem neuen Sultan mehr Aufgaben bekommen haben. Früher wären sie auch nicht geschickt worden, um in einer Karawanserei nach dem Rechten zu sehen.

"Wer hat sich denn früher um solche Aufgaben gekümmert?" fragt Banjew nach.

"Naja …" sagt Hassan unsicher. "Irgendwie alle …"

"Es gab keine Büttel oder so?" fragt Banjew erstaunt.

"Was sind Büttel?" fragt Hassan zurück.

"Äh, ja, Büttel halt", Banjew ist einen Moment verwirrt. "Leute, die nur dafür da sind, Verbrecher zu fangen, an den Stadttoren zu kontrollieren, Aufruhr zu verhindern, ja, so was halt, die aber deswegen nicht gleich irgendeiner Leibgarde angehören."

Hassan schüttelt den Kopf. "So etwas gibt es hier nicht. Das haben früher immer irgendwelche Krieger übernommen, die gerade in der Stadt waren."

"Aha", nimmt Banjew die Auskunft ein wenig verblüfft zur Kenntnis. "Und hat das gut funktioniert?"

Ein Schulterzucken ist die Antwort. "Ich denke schon … sonst hätte man es doch nicht so gemacht, oder?" Hassan stutzt. "Wobei, jetzt machen sie es anders, also vielleicht ist es so besser."

"Ja, das wäre vielleicht eine Möglichkeit", antwortet Banjew ausweichend und lässt das Thema dann auf sich beruhen.

Als er später seinen Gefährten davon erzählt, hören diese deutlich heraus, dass er diese letzte Variante nicht für die vollständige Erklärung der Änderungen hier hält.

"Mir scheint, dass der Sultan sich seiner Stellung unsicher ist. Daher braucht er die ständige Präsenz in der Stadt." ist Aylas Meinung zu den neuen Stadtgarden.

"Oder er ist sich seiner Stellung sehr sicher und hat noch etwas anderes vor", unkt Banjew..

Als sie fertig sind, ist die Nacht bereits hereingebrochen. Damit ist die Aufgabe der Helden beendet, und Abidallu bedankt sich noch einmal für ihre Hilfe und ihren Mut beim Kampf gegen die Echsen. Dann begibt er sich zum Leiter der Anlage, um für sich und seine beiden Begleiter eines der Zimmer zu mieten, die den Innenhof umgeben.

Im Innenhof stehen etwa 25 Marktstände, die jetzt leer und verlassen sind, ebenso kann man einen Ziehbrunnen entdecken. Der einzige Lichtschein fällt aus den Fenstern eines größeren Gebäudes in der Nordwestecke.

Bevor der Karawanenführer in sein Quartier verschwindet befragt ihn Ayla noch zu einem möglichen Nachtlager.

"Ihr könnt Euch auch hier Zimmer mieten", erklärt Abidallu. "Oder Ihr legt Euch einfach zu den Kamelen auf der Weidefläche."

"Also Zimmer mieten." stellt Ayla fest. Der Gestank reicht ihr am Tag. Sie blickt die anderen an um sich zu vergewissern.

Auch wenn Ouroborox sich langsam an das Reiten auf dem Kamel gewöhnt, so muss er doch nicht länger als nötig mit dem Tier zusammen sein. "Ein schlichtes Zimmer würde mir reichen."

"Das würde mir und Cuilyn auch reichen", meint Lauriel.

"Ja, das stimmt", grinst Cuilyn und hakt seine Freundin unter.

"Solange es nicht zu teuer ist", stimmt Banjew zu. "Womit zahlt man denn hier? Ich fürchte, dass Silbertaler hier nicht ganz so gerne gesehen werden?"

"Der Marawedi ist das hauptsächliche Zahlungsmittel. Aber auch Silbertaler sollten akzeptiert werden. Es sind … äh … waren ja genug Salzhändler hier." erklärt Ayla.

"Waren …" wiederholt Banjew mit bedeutungsschwerer Betonung. "Wer weiß, ob man sich mit Silbertalern nicht gleich als Spion verdächtig macht. Die Stimmung hier ist komisch."

"Nicht mehr als durch die Zusammensetzung unserer Gruppe. Ein Angroschim, eine Djinni und 2 Nordländer sind definitiv keine Beni Novad."

"Auch wieder war." Banjew ist anzumerken, dass er sich in der Stadt nicht recht wohl fühlt.

Ayla ist erschöpft und folgt Abidallu um ebenfalls ein Zimmer zu reservieren.

Es sind genug Zimmer frei für alle, und sie kosten auch nur 5 Muwlat die Nacht. Wenn man noch etwas zu essen oder zu trinken haben will, kann man das in der Schänke im Funduq kaufen.

Nachdem Ouroborox seine Sachen im Zimmer verstaut hat, wartet er auf seine Freunde.

"Ich brauch etwas zum Essen und Trinken. Will jemand mit?"

"Da sage ich nicht nein", kommt es von Banjew, als Ouroborox kaum ausgesprochen hat.

"Gerne." meldet Ayla sich.

Cuilyn kommt ein wenig später mit Lauriel aus ihrem Zimmer. Beide haben sich kurz erfrischt und den Staub der Reise abgewaschen. "Eine gute Idee! Nicht wahr, Liebste?"

Lauriel nickt, obwohl sie die Stadt sehr trostlos findet, will sie noch etwas essen gehen.

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Die Schänke ist das einzige erleuchtete Gebäude im Funduq. Der Schankraum misst etwa acht mal acht Meter; einige kunstvoll geschnitzte Säulen aus Zedernholz stützen die Decke, von der ein paar ausgestopfte Tiere hängen. Tierfelle schmücken auch die Wände und sorgen gleichzeitig für die Bewahrung der Wärme, die von einem offenen Kamin an der Nordwand ausgeht.

Banjew guckt sich die Tierfelle genauer an. Es werden ja kaum die Karene seiner Heimat sein.

An den Tischen sitzen bereits einige weitere Händler, hinter der Theke befinden sich ein Kellner und der Wirt, der gerade mit Abidallu verhandelt.

Den Wortfetzen nach zu urteilen, die an das Ohr der Helden dringen, sind das Hauptthema in den Gesprächen Mordanschläge auf den Sultan.

Ayla bestellt etwas zum Essen und eine vergorene Kamelmilch. Mit dem Essen setzt sie sich auf einen freien Platz. Während des Essens lauscht sie neugierig auf das was erzählt wird.

Als er hört, dass es um den Sultan geht, versucht Banjew die Ohren zu spitzen.

Auch er versteht weiter nichts.

Zu Essen gibt es nur Pilaw, zu 10 Piastern die Portion.

Auch Banjew bestellt sich eine Portion Pilaw. Als es ums Bezahlen geht, kommt er aber ins Stocken. "Wie viel ist denn ein Piaster?" raunt er Ayla zu. "Muwlat und Marawedi habe ich in meinem Beutel, aber keinen Piaster."

"10 Muwlat sind es." gibt Ayla leise weiter.

Banjew schüttelt den Kopf. "Das hätte er doch gleich sagen können!" Er lässt sich aber das Essen dadurch nicht vermiesen.

"Es ist die alte Währung. Wahrscheinlich ist sie noch so festgesetzt bei ihm."

"Meinetwegen", gibt Banjew gleichmütig bekannt.

Nachdem sie die Fremden bemerkt haben, reden die Händler leiser. Ayla versteht nicht, was gesagt wird.

Unauffällig lauscht Ayla weiter. Dabei isst sie langsam.

Lauriel und Cuilyn machen es Ayla nicht leicht zu lauschen, denn die beiden turteln und kichern beim Essen die ganze Zeit. Sie sind so miteinander beschäftigt, dass sie die Welt um sich fast vergessen zu haben scheinen.

Was den beiden einen bösen Blick einbringt. Auch wenn das Turteln die Händler ablenken mag.

Nur Pech für Ayla, dass die beiden ihren Blick nicht wahrnehmen.

So versteht Ayla nichts von den Gesprächen der Händler.

Leise raunzt Ayla daher die beiden an: "Sind wir hier auf Hochzeitsreise? Wenn nicht, dann hört zu."

"Nun es ist immer etwas wie Hochzeitreise, wenn wir zusammen reisen", kichert Lauriel.

"Aber wir können auch ruhig sein", nickt Cuilyn und reißt sich zusammen. Er blickt Lauriel scherzhaft drohend an.

Als er aufgegessen hat, überlegt er, ob er nicht einfach mit den Händlern ein Gespräch beginnt, aber Ouroborox ist schneller dabei.

Ouroborox ist Aylas Unruhe während des Essens nicht entgangen.

"Kannst du mich begleiten und übersetzen?" fragt er sie. "Ich würde gern mit den Händlern dort drüben reden."

"Natürlich." nickt Ayla und schlingt die letzten Bissen herunter.

Ouroborox fragt Ayla: "Können wir?" und steht dann auf, um zu den Händlern an den Tisch zu gehen.

"Die Zwölfe zum Gruß." beginnt Ouroborox bei den Händlern und macht dabei eine leichte Verbeugung, wie er es hie schon des öfteren gesehen hat. "Habt ihr in eurer Runde noch ein paar Plätze frei?"

Sollten die Händler recht ratlos ausschauen, da sie kein Garethi sprechen, bittet er Ayla zu übersetzen.

"Für Euch immer, o Vater des Bergbaus", antwortet einer der Händler höflich in akzentuiertem Garethi. "Was führt Euch so weit von Eurem Volk in den Funduq Unaus?"

"Es scheint Probleme im Salzhandel zu geben." beginnt Ouroborox zu erläutern. "Und wir sollen schauen was den Sultan so erzürnt hat."

"Oh, das ist einfach", meint der Händler. "Das kann ich Euch sagen. Aber, wie es bei uns heißt, 'umsonst scheint nur Rastullahs Sonne'."

"Ihr meint es läge nur an der Höhe des Preises?" wundert sich Ouroborox etwas, denn schließlich hat er es hier mit Händlern zu tun und denen ist das Feilschen um den Preis manchmal wichtiger als der Preis. "Wenn ihr nichts verkauft, dann bekommt ihr doch gar nichts."

"Entschuldigt bitte, oh Bruder der Esse. Ich spreche Eure Sprache nicht so gut. Ich meine, Ihr kann Euch sagen, was Ihr wissen möchtet, aber Ihr solltet dafür eine Gegenleistung bringen."

Ouroborox schaut zu Ayla und meint dann an die Händler gewandt: "Dies ist Ayla. Sie spricht eure Sprache sehr gut und kann uns übersetzen. Was das Andere betrifft, meint ihr sicherlich einen kühlen Humpen flüssigen Goldes, den es hier anscheinend nicht gibt. Was möchtet ihr statt dessen?"

"Ah, ich sehe, so unterschiedlich sind unsere Gebräuche nicht, Effendi", meint der Händler grinsend. "Falls Ihr Bier meint, das gibt es hier durchaus. Zeigt Euch großzügig und gebt eine Runde aus, dann wird das meine Zunge lösen."

Bei den Worten hellen sich auch die Mienen zweier anderer Gäste auf. Die restlichen beiden am Tisch verstehen wohl entweder kein Garethi oder sie zeigen es nicht.

Ouroborox winkt den Wirt herbei und bestellt eine Runde: "Und für mich bringt Ihr gleich zwei Krüge. Gut gekühlt!"

Der Händler übersetzt für die anderen, was allgemeines Grinsen und Dankesworte auslöst.

Endlich, so fern der Heimat trifft er auf Genießbares. Gespannt wartet er was der Wirt hier wohl bringen mag. Er wagt gar nicht daran zu denken hier ein kühles Ferdorker zu bekommen.

Der Kellner bringt für jeden, den Wirt und sich selbst eingeschlossen, ein kühles Bier. Für Ouroborox zwei. Natürlich ist es aber kein Ferdoker (Ferdok ist ja auch wirklich weit weg), sondern Festumer Bier.

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Auf einmal bekommt Cuilyn einen seltsamen Gesichtsausdruck. Er schaut sich um, wie weit weg von ihm Banjew gerade ist.

Banjew sitzt am Nebentisch.

"Lauriel, entschuldige mal." Cuilyn gibt Lauriel einen Kuss, steht auf und setzt sich zu Banjew. "Sag mal, spricht er seinen alten Freund an. Erinnerst Du Dich noch an das Nebelmoor?"

Einen Schmollmund ziehend schaut die Elfe ihm hinterher. Als er dann mit Banjew spricht, begibt sie sich zu Ayla und Ouroborox.

"Nebelmoor?" Banjew ist einen Moment verwirrt, warum sein Freund hier mitten in der Wüste plötzlich von einem Moor anfängt. Doch dann versteht er plötzlich, was Cuilyn meint. "Jetzt, wo Du es sagst … ja." Erstaunt über die unerwartete Erinnerung guckt er Cuilyn an. "Als hätte ich es bis eben vergessen gehabt."

"Na ja, man kann ja nicht immer an alles denken. Was wohl Frumol und Sephyra gerade machen? Und dann hatten wir doch noch einen aufgegabelt. Wie hieß der nochmal?" kramt Cuilyn in seinen Erinnerungen.

"Die lassen es sich bestimmt gut gehen", meint Banjew. "Und der Kerl aus dem Tunnel, hieß der nicht irgendwas mit 'von Unterfuchsbau'?"

Cuilyn denkt nach, kratzt sich am Kopf. "Keine Ahnung, das ist zu lange her. In jedem Fall ist es hier nicht so nasskalt wie damals."

"Dafür war's da nicht so staubtrocken." Banjew grinst. "Aber das eigentliche Problem ist selten das Wetter. Wollen wir uns wieder dem hiesigen zuwenden?" Er guckt sich nach den anwesenden Händlern um und sieht, dass Ouroborox sich an einem Gespräch mit ihnen versucht. "Oder wir lassen ihm den Vortritt", fügt er mit einem Nicken in Richtung des Zwerges an.

"Lass erstmal Ouroborox, ich geh wieder zu Lauriel", verabschiedet sich Cuilyn und geht zurück.

Nur ist seine Freundin jetzt schon beim den anderen beiden.

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Nachdem alle mal das Bier genossen haben, schaut der Händler Ouroborox lächelnd an. "Nun, was war noch einmal Eure Frage, Effendi?"

Ouroborox der bereits sein zweites Glas zur Hälfte geleert hat meint: "Die Handelsbeziehungen scheinen in letzter Zeit etwas schwierig geworden zu sein. Gerade ihr als Händler solltet ein großes Interesse guten Beziehungen haben. Wo nicht gehandelt, wird kein Geld verdient."

"Aus deinem Mund kommt Wahrheit, Bruder des Gerstensafts", antwortet der Händler. "Aber es wird nicht von Dauer sein. Unau ist stärker, lange werden sich die jämmerlichen Beni Born nicht mehr weigern können, ihre Steuern zu bezahlen."

"Von den Steuern habe ich schon gehört." antwortet Ouroborox. "Weshalb die Steuer? Das verteuert eure Sachen nur und die Kunden wenden sich anderen Quellen zu."

Der Händler zuckt mit den Schultern. "So hat Rastullah die Welt eingerichtet, Steuern gibt es überall; wem man untertan ist, dem muss man Steuern zahlen. Der Sultan hat sicher Verwendung dafür." Er schaut Ouroborox etwas nachsichtig an. "Und von wo sollen die Beni Born denn das Salz bekommen, wenn nicht von Unau? Sie haben keine Wahl."

"Das Wasser der Meere ist auch salzig", entgegnet Lauriel.

Der Händler tut das mit einer Handbewegung ab. "Es ist viel zu mühselig, das Salz da heraus zu bekommen. Da wird doch jeder lieber die gerechte und angemessene Steuer zahlen, die dem Sultan zusteht."

"Das wird sich einspielen." meint Ouroborox. "Wenig Salz mit viel Steuern oder viel Salz mit wenig Steuern." Dann schaut er die Kaufleute genauer an, rückt etwas nähren heran und spricht dann leise. "Gibt es noch andere Steuern, die der Sultan erlassen hat?"

Der Händler macht große Augen. "Wem erlassen, Effendi? Es gibt freilich noch andere Steuern, aber die Salzsteuer ist die wichtigste."

"Ohh." Ouroborox ist etwas erstaunt über den Kaufmann, "Ich meinte, gibt es außer der Salzsteuer noch andere Steuern die neu sind oder stark angehoben wurden?"

Auch der Kaufmann klingt erstaunt in seiner Antwort. "Aber die Salzsteuer ist weder neu noch wurde sie stark angehoben, Effendi. Es ist nur neu, dass die Beni Born in Kannemünde sie bezahlen sollen."

"Und wer hat sie vorher bezahlt?" fragt Ouroborox nach.

"Na, alle Untertanen des Sultans, die mit Salz handeln … außer denen in Kannemünde, heißt das. Die dachten halt, sie würden gar nicht zum Sultanat gehören, aber das hat der Sultan jetzt klar gestellt."

"Dann zahlt ihr doppelt Steuer?" fragt Ouroborox nach. "Zuerst hier und dann nochmals in Kannemünde? Und wie hat das euer erhabener Sultan klargestellt?"

"Doppelt? Rastullah bewahre uns und schenke Euch Einsicht! Man zahlt die Steuer natürlich nur ein Mal, wenn man das Salz verkauft oder ausführt. Was Eure zweite Frage angeht, da denke ich, er wird eben einen Boten nach Kannemünde geschickt haben."

Ungläubig schaut ihn nun Ouroborox an: "Nur einen Boten? Da werden die in Kannemünde lange gelacht haben."

Verdutzt schaut der Händler zurück. "Aber warum sollten sie über einen Boten des Sultans denn lachen? Sind die Beni Born so begriffsstutzig, dass sie meinen, der mächtige Sultan von Unau würde scherzen, wenn er seine Ansprüche verkündet?"

Ayla mustert den Mann ungläubig. 'Seit wann sollte Kannemünde denn zum Kalifat gehören?' Diesen Hinweis wird sie Ouroborox leise ins Ohr flüstern.

Ouroborox nickt kurz. Das Kannemünde dem Bornland gehört ist ihm schon klar, nur muss man das nicht gerade hinausposaunen und damit seinen Gegenüber brüskieren.

Ouroborox reckt kurz seinen Hals, um zu sehen, ob noch genug im Krug des Händlers ist. Ansonsten bestellt er für den Kaufmann einen Humpen für sich zwei weitere.

Der Händler bedankt sich wortreich für die Großzügigkeit. An den Mienen der anderen kann Ouroborox aber ablesen, dass ihnen eine weitere Lokalrunde lieber gewesen wäre.

Nachdem Ouroborox an seinem Bier genippt hat, jedenfalls in den Augen von Zwergen, schließlich ist der Krug bereits wieder halb leer, nimmt er den Gesprächsfaden erneut auf.

"Nun es könnte sein, dass die in Kannemünde nicht an die Macht des ehrwürdigen Sultans glauben."

"Sie werden es schon lernen", meint der Händler.

"Und was passiert, wenn sie es nicht lernen?" will nun Ouroborox wissen. "Will der Sultan seine Leibgarde dorthin schicken?"

Der Händler macht eine vage Handbewegung. "Das wissen vermutlich nur der Sultan selbst und Rastullah. Derzeit bekommen sie weniger Salz, oder gar keines mehr. Vielleicht reicht das ja schon, um sie zur Vernunft zu bringen."

"Dann bekommt ihr auch weniger Geld." setzt Ouroborox nach. "Sind deswegen die meisten Straßen und Gassen so leer? Ich vermisse die Kinder, die lachend und scheinend durch die Gassen toben, und Händler die fröhlich ihre Ware anpreisen."

"Wie meint ihr das, Effendi?" fragt der Händler erstaunt. "Es sind nicht weniger Leute in Unau als sonst auch. Und Ihr werdet hier im Funduq morgen alles voll mit Händlern sehen."

"Als wir heute hier ankamen sahen wir fast keine Kinder und Leute." beginnt Ouroborox. "So gibt es morgen ein Fest und die Leute bereiten sich nur darauf vor."

Dann beugt er sich etwas zu dem Händler: "Gibt es auf dem Fest auch reichlich zu essen und zu trinken? Nicht das die Vorräte sich dem Ende zu neigen und ich nicht mehr bekomme."

Anschließend lehnt er sich zurück, prostet der Händler zu und nimmt einen tiefen Schluck.

Der Händler sieht verwirrt aus. "Nein, Effendi, es ist kein Fest morgen. Es ist alles ganz normal in Unau."

"Och, das ist schade." beginnt Ouroborox. "Wo ich doch so gern auf Feste gehe. Da gibt es ausgezeichnete Speisen und Leckereien, reichlich zu trinken und Groß und Klein können an verschiedenen Ständen ihr Glück versuchen."

Eine Aussage, die Lauriel zu leichtem Kichern veranlasst.

"Die Stadt ist nur leerer als was Ihr von anderswo gewohnt seid, Effendi", hilft ihm ein Kollege aus. "Viele kommen nur hierher, wenn sie Geschäfte zu erledigen haben, und sind sonst mit ihren Herden unterwegs."

"Als wir mit der Karawane reisten, sahen wir keine Hirten mit ihren Herden."

Dann wendet er sich wieder an den ersten Händler.

"Mir ist zu Ohren gekommen, dass euer neuer Sultan Wunder wirken kann."

"Ach so?" fragt dieser zurück. "Was denn für Wunder?"

"Es heißt, dass euer erhabener Sultan nach einem schweren Kampf, seinem Gott Rastelli fünf Tage näher war als den Lebenden." übertreibt Ouroborox, was sie bereits gehört haben. "Und wie durch ein Wunder ist er am sechsten Tag aufgestanden, als wäre nichts gewesen. Seitdem soll er Bilde sehend, Taube hörend und Lahme gehend machen können. Nur durch Hand auflegen! Außerdem soll er weise und allwissend regieren."

Die Händler lachen leise. "Tja, weise regieren wird er schon", meint der eine. "Aber von diesen Wundern habe ich noch nichts gehört. Wer hat Euch denn davon erzählt?"

"Auf der Reise hierher haben uns das Leute erzählt." erklärt Ouroborox. "Was meint ihr mit 'weise regieren wird er schon'? Habt Ihr da keine Erfahrung? Was mich vor allem interessiert ist, wann hier das nächste Fest veranstaltet wird."

"Na, so lange ist er ja noch nicht Sultan", sagt der Händler. "Das nächste Fest ist erst wieder so in etwa einem Monat."

"Dann erzählt vom letzten Fest." fordert ihn Ouroborox auf. "Was war der Anlass? Welche Händler, Schausteller und Gaukler waren vertreten? Gab es Musik? Was gab es alles für Leckereien?"

Ayla beugt sich zu Ouroborox: "Der Novadi meint vermutlich Monate nach seiner Zählung. Ein Monat der Novadis hat 8 Wochen oder Gottesnamen und die wiederum 9 Tage. Das nächste Fest oder der nächste Rastullahellah wäre also in ca. 70 Tagen."

Ouroborox schüttelt nur den Kopf: "Wie kann man nur so lange ohne die Genüsse von Festen auskommen. Da würde jeder anständige Zwerg verhungern und verdursten."

"Deswegen findet man hier auch so wenig Angroschim. Die letzten liegen vermutlich verdurstet vor einem Bierfass." raunt Ayla leise.

"Das wäre der traurigste Tod den ich kenne." Ouroborox lässt leicht den Kopf hängen bei der Vorstellung, er würde vor einem vollen Fass Bier verdursten.

"Es ist ein Wüstenvolk, kleiner Freund, kein Volk der Steinbeißer und Bartmurmler. Sie sind gewohnt zu darben.", antwortet Lauriel amüsiert. 'Wie mein Volk, nur dass dort der Sand Eis ist …'

"Aber das macht doch gar keinen Spaß!" antwortet Ouroborox ihr. "Wie bekommen die den Sand aus den Zähnen?"

Der Händler scheint das Thema zu mögen, und während er langsam sein Bier trinkt, erzählt er vieles über das novadische Fest, das sich gar nicht groß von einem tulamidischen zu unterscheiden scheint. Bis auf die Reitvorführungen vielleicht.

Nun kommt Ouroborox gar nicht mehr zu Wort, so schwärmt der Händler von ihrem Fest. Er hört ihm schließlich nur noch mit einem halben Ohr zu und als er seinen Krug geleert hat, steht er auf bedankt sich bei dem Händler für die ausführlichen Erklärungen und verabschiedet sich.