Bislang sind die Helden noch nicht umgezogen, denn die Einrichtung von Käptn Graubarts Haus ist noch nicht abgeschlossen. Insbesondere Celissa hat nicht besonders viel Lust, auch nur den Verdacht zu erregen, sie könnte sesshaft werden. Und dann ist es bei Patrizierin Engstrand auch viel bequemer. Da gibt es nämlich Bedienstete. Aber für dieses Problem deutet sich eine Lösung an. Silvana sucht Arbeit.

Das findet Celissa sehr günstig, und sie versucht gleich, die anderen dafür zu gewinnen, die junge Frau einzustellen.

Sie selbst merkt so langsam, dass ihr Lebensstil mal wieder zu ausschweifend für ihre Einnahmen ist - zumal ihre Einnahmen gerade eher 0 betragen, wenn man von dem absieht, was ihr Randirion spendiert. Große Sorgen macht sie sich deswegen jedoch nicht.

Randirion, Celissa und Shantalia haben ein Problem: Langeweile. Frumol, Sephyra und Lopko sind mit einem kleinen Auftrag für die Patrizierin unterwegs, und so schlendern die drei durch die Stadt auf der Suche nach Abwechslung. In der Stadt selbst geht es geschäftig zu. Gerade jetzt kommen die drei in die Hörweite eines Ausrufers.

"Hört ihr Leute, das müsst ihr wissen:
Beim Händler Barz wird man niemals beschummelt!
Er verkauft an die 30 Mieder
zu Preisen, die gibt's nie wieder!"

"Mieder!" Die Donna strahlt über das ganze Gesicht. "Wollen wir mal schauen?"

"Ja, gerne, warum nicht?" stimmt Celissa zu.

"Wenn Ihr es wünscht, Mesdames", geht Randirion auf ihre Begeisterung ein, ohne diese jedoch selber zu teilen.

Der Besuch beim Händler Barz ist für Celissa und Shantalia ein voller Erfolg. Er hat wirklich einige sehr schönen Stücke auf Lager.

Celissa lässt sich Zeit im Geschäft, denn sie hat an diesem Tag sonst nicht viel vor. Ein halbes Dutzend Mieder probiert sie an, ein paar davon mehrfach, und möchte auch mehrfach die Meinungen von Shantalia und Randirion dazu hören. Schließlich entscheidet sie sich für ein cremefarbenes aus Seide, mit feinen Stickereien an den Rändern, und macht sich noch einen kleinen Spaß daraus, um den Preis zu feilschen.

Randirion zeigt sich sehr angetan von der Wahl der Horasierin. "Ihr habt einen erlesenen Geschmack, Celissa", schmeichelt er ihr. "Dieses Kleidungsstück ist ausgesprochen … anziehend." Ein gefälliges Schmunzeln umspielt seine Mundwinkel.

Celissa sieht ihn mit einem Lächeln und einem gewissen Funkeln in den Augen an. "Vielleicht seht Ihr es ja bald wieder", verspricht sie.

"Ich bitte darum", reagiert der junge Adlige scherzend mit einer elegant angedeuteten Verbeugung.

Shantalia schaut mit mit offenem Mund Celissa beim Feilschen zu. Das kann sie wirklich gut. Celissa schafft es, den Preis auf 8 Silbertaler pro Mieder zu drücken.

Bei dem Preis kann die Donna ja sich nicht zurückhalten. Nach einer 'Anprobierorgie', bei der sie fast schon befürchtet die beiden zu langweilen, entscheidet sie sich für 2 schlichte, in weiß und in schwarz.

"Gut gewählt, Domna", kommentiert Randirion Shantalias Auswahl, "unterstreichen beide doch vorzüglich Eure schmeichelhafte Figur."

Leicht errötet die Al'Anfanerin, ist sie doch aus Ihrer Heimat eher plumperes gewohnt.

Draußen auf der Straße ist wieder ein Ausrufer zu hören:

"Fürst Bennain gibt bekannt
im Palast hat es gebrannt,
doch die klugen Wachen
retteten alle Sachen."

Zum Palast zu rennen ist die Sache der drei nicht, so schlendern sie weiter.

Außerdem scheint die Sache dort schon vorbei zu sein. Wenn nicht einmal etwas verbrannt ist, wird es kein großes Feuer gewesen sein, denkt sich Celissa.

Ein weiterer Ausrufer weckt aber ihr Interesse, besonders das der beiden Frauen:

"Willst du unsterblichen Ruhm erringen
und blinkend Silber en gros gewinnen,
so melde dich an zum Boxturnier
im Haus der Krämerzunft all hier!"

In einer schwachen Minute hatte Randirion nämlich eine Bemerkung der Art fallen lassen, dass er nicht gänzlich unbewandert im edlen Faustkampf sei.

"Oh, ein Boxturnier!" Celissa dreht sich zu Randirion. "Wollt Ihr nicht mitmachen? Ihr könntet mein Zeichen tragen …"

Randirion zieht überrascht eine Augenbraue hoch und schaut seine Landsmännin sinnierend an. Wie darf er diese Aufforderung verstehen? Möglicherweise hat er beiläufig erwähnt, dass man an der Militärakademie zu Vinsalt die Offiziersanwärter zur leiblichen Ertüchtigung unter anderem im Boxen unterrichtet hat, mit festen Regel, die der Fairness dienen, Gewichtsklassen, keine Schläge unterhalb der Gürtellinie, untersagtes Klammer, Sieg nach Punkten … damit geprahlt hat er sicherlich nicht.

Was ist vor allem bei einem von der Krämerzunft marktschreierisch ausgerufenen Boxturnier an Gegnern zu erwarten, wenn es um ein paar Silbertaler und einen zweifelhaften Ruhm geht? Gewiss keine standesgemäßen Gegner der gehobenen Gesellschaftsschicht, sondern wohl eher Anhänger des üblichen Boxstils ohne ehrenhafte Regeln, bei denen ein Kampf nicht nach Punkten, sondern durch die völlige Erschöpfung des Gegners oder einem Niederschlag durch einen gezielten Schwinger gegen die Kinnspitze beendet wird. Will Celissa ihn tatsächlich so vorführen? Dieser Art ihrer Herausforderung wird er sich schlecht entziehen können … er hätte sich eher gewünscht, ihr Zeichen in einem ehrenhafteren Turnier tragen zu dürfen.

Sein Blick löst sich von ihr und er schaut an ihr vorbei auf den Ausrufer. "Wenn es Euch gefällt", erwidert er und es klingt doch leicht reserviert, "könnte man sicher vor Ort weitere Details erfahren. Gehen wir also zum Haus dieser Krämergilde …" Und er setzt sich ohne weiteren Kommentar in Bewegung.

Celissa hat seinen Tonfall bemerkt und fragt sich, was er gegen die Idee einzuwenden hat. Es wäre doch eine nette Zerstreuung? Ob er befürchtet, zu verlieren? Sie eilt ihm hinterher und legt ihm die Hand auf den Arm.

"Möchtet Ihr nicht?" fragt sie ihn entschuldigend. "Wir können auch etwas anderes machen …"

"Doch, doch, lasst Ihn. Ich glaube, dass er es diesen Hinterwäldlern richtig zeigen kann."

"Habt Ihr schon einmal einem Boxkampf beigewohnt, Mesdames?" weicht der junge Adlige Celissas Frage und Shantalias Anfeuerung nüchtern aus, während er weiter geht. Er würde sein Gesicht verlieren, würde er im Moment eingestehen, an einem solchen Kampf nicht interessiert zu sein. Schließlich sollte er doch für seine Herzdame in den Ring treten … was würden sie ihn heißen, wenn auch nur insgeheim?

"Bisher hatte ich dazu noch keine Gelegenheit", antwortet Celissa. "Es ist wie ein Duell, nur ohne Waffen, oder?"

"So in etwa", entgegnet Randirion lakonisch. "Ihr sollte Euch einen Boxkampf ansehen, dann werdet Ihr den Unterschied eines solchen Duells in seinen Auswirkungen zu einem mit Turnierwaffen ausgetragenen Wettkampf feststellen können."

"Na, wenn Ihr mitmacht, werde ich ganz bestimmt zuschauen", versichert die Horasierin amüsiert.

Der junge Adlige verzichtet auf eine ausführliche Antwort, nickt nur sinnierend mit dem Kopf und erwidert: "Wenn Ihr meint …" Warum soll er ihr jetzt von den aufgeplatzten Lippen, den gebrochenen, blutenden Nasen, den geschwollenen, blau anlaufenden Augen, Blutergüssen und gebrochenen Rippen erzählen, die ein ernsthafter Boxkampf mit sich bringt? Sie würde meinen, er scheue sich, eine solche Tortur zu ihrem Vergnügen über sich ergehen zu lassen … ein sarkastisches Lächeln umspielt seinen Mund. Vielleicht wird sie sich hinterher besonders liebevoll um ihn kümmern, sollten die Blessuren ihn entsprechend zeichnen …

"Es wäre zumindest etwas gegen die hier herrschende Langeweile, Havena ist so klein."

"Ihr werdet sicher auf Eure Kosten kommen", bemerkt Randirion lakonisch, während er die beiden Damen weiter zum Haus der Krämerzunft führt.

Die Krämergilde [124/K34] residiert in einem kleinen, aber gepflegten Fachwerkhaus, dessen Front nach Süden weist.

In der Diele hinter der Eingangstür hat man einen kleinen Tisch aufgestellt. Dahinter sitzt auf einem Hocker ein schmächtiger älterer Herr. Auf dem Tisch liegt ein aufgeschlagenes Heft, daneben stehen eine Feder in einem Tintenfass und eine kleine Geldkassette.

Randirion schaut sich zuerst unauffällig nach möglichen, weiteren Interessierten und damit potentiellen Gegner des Boxkampfturniers um.

Im Moment ist aber niemand anderes anwesend.

Er lässt sich seinen Unmut nicht anmerken als er auf den kleinen Tisch zugeht und den älteren Herrn höflich grüßt. "Die Zwölfe zum Gruße!" spricht er diesen an. "Wir haben von dem Aufruf gehört und interessieren uns für weitere Details. Kann man annehmen, dass Ihr uns dabei behilflich sein könnt?"

"Natürlich. Das Turnier findet morgen ab der neunten Stunde auf dem Halplatz statt. Der Einsatz pro Kämpfer ist ein Silbertaler. Der Sieger bekommt alle Einsätze. Gekämpft wird in Untergewand und barfuß. Fußtritte, Tiefschläge, Kopfstöße, Halten und Klammern sind verboten und führen zur Disqualifikation. Lederne Handschuhe sind erlaubt. Ein Kampf ist beendet, wenn einer der beiden Kämpfer mehr als 10 Herzschläge lang am Boden liegt, den Boxring verlässt oder gar für längere Zeit ohnmächtig wird. Bislang haben sich 36 Kämpfer angemeldet", leiert der alte Krämer herunter.

"Und es kann jeder mitmachen?" fragt Celissa skeptisch, der jetzt auch Bedenken kommen. Sich mit einfachen Leuten zu schlagen, wäre wohl nicht so schicklich für den Cavalliere. Wegen seines Standes und seiner Ausbildung würde ihn eine Niederlage blamieren, aber ein Sieg kaum Ehre einbringen …

"Ja, natürlich", entgegnet der Alte leicht verwundert. "Die letzten fünf Jahre ist der Wettkampf von Frauen gewonnen worden."

Diese letzte Anmerkung verwundert nun wieder Celissa, die gar nicht auf den Gedanken gekommen war, dass Frauen vielleicht ausgeschlossen sein könnten.

Überrascht zuckt Randirions Augenbraue nach oben, einen direkten Kommentar zu dieser Information gibt er jedoch nicht ab. "Bis wann werden die Meldungen zu dem Turnier von Euch angenommen?" fragt er den Krämer interessiert, denn er sieht einen dringenden Bedarf, sich unter sechs Augen mit seinen beiden Begleiterinnen über ein weiteres Vorgehen abzusprechen.

"Heute bis zur Abenddämmerung", gibt der Krämer Bescheid.

"Sonst noch Fragen?" erkundigt sich der Krämer.

"Non, merci Monsieur", antwortet Randirion höflich. "Unsere Wissenslücken wurden von Euch ausgiebig geschlossen." An seine Begleiterinnen gewandt schlägt er vor: "Genehmigen wir uns nun etwas zur Erfrischung und plaudern ein wenig?"

"Ja, gerne!"

Auch Celissa stimmt zu und verabschiedet sich von dem Krämer.

Auf ihrer Suche nach einer Taverne führt Randirion die beiden Damen am Fürstenpalast und dem Imman-Stadion vorbei zur Taverne Esche & Kork.

Unterwegs bringt er das Thema Boxturnier wieder zur Sprache. "Alors, Mesdames", beginnt er. "Ihr habt nun gehört, worum es bei diesem Turnier geht. Wollen wir es uns nur gemeinsam ansehen oder ist von Eurer Seite immer noch eine Teilnahme unsererseits gewünscht?" fragt er die beiden Frauen, während er jede für einen kurzen Moment nachdenklich betrachtet.

Leicht verlegen schaut die Donna Celissa an.

Diese schüttelt den Kopf. "Nein, ich möchte nicht, dass Ihr Euch mit irgendwelchen Streunern oder Rausschmeißern schlagt", antwortet sie Randirion. "Ich hatte gedacht, dass das ein Turnier für ausgebildete Kämpfer wie Euch sei. Aber anschauen würde ich es schon, wenn Ihr meint, dass es der Kurzweil dienen würde."

"Bien, dann schlage ich vor, wir begeben uns morgen früh nach dem Frühstück zum Halplatz, wo dieses Schauspiel stattfinden soll", schlägt der Cavalliere vor. "Die Austragung eines derartigen Turniers ist sicherlich für jemanden, dem ein Boxkampf unbekannt ist, recht eindrucksvoll." Er lässt sich nicht anmerken, dass ihm Celissas Verzicht auf eine Teilnahme seinerseits aus Standesgründen sehr willkommen ist.

"Gut", stimmt Celissa zu. "Und Ihr als Fachmann könnt uns ja bestimmt auch alles erläutern."

"Bien entendu! So es dazu etwas zu erläutern gibt", antwortet Randirion bereitwillig.

Das Boxturnier

Das Boxturnier am nächsten Tag verläuft deutlich gesitteter, als Randirion es erwartet hat. Nachdem im ersten, zweiten und dritten Kampf beide Kämpfer wegen unerlaubter Angriffe disqualifiziert werden, geben sich die Folgenden alle Boxer Mühe, die Regeln einzuhalten. Fast alle Wettkämpfer sind aber des Boxens unkundig, was Randirion seinen Begleiterinnen durch kenntnisreiche Kommentare deutlich macht.

Randirion hat, das Gefühl, dass er mit seinen Fähigkeiten ohne Probleme unter die letzten acht Kämpfer gekommen wär. Und diese Kämpfer sind allesamt Kämpferinnen aus Fischerort. Ihre Kampfesweise macht deutlich, dass sie allesamt im Boxkampf geübt sind, aber auch hier ist keine Meisterin dabei.

"Hmm …, Du hättest es bestimmt geschafft, Don, oder?"

"Ich habe mich schon eine Weile nicht mehr in dieser Sportart geübt", weicht der Cavalliere lächelnd einer eigenen Beurteilung aus. Er hat den Kämpfen interessiert zugesehen und die Damen-Endrunde mit einer gewissen Begeisterung verfolgte. "Die Endkämpfe waren sehr unterhaltsam, n'est-ce pas?" Er bedauert es offensichtlich nicht, an dem Boxturnier nicht teilgenommen zu haben.

"Naja", meint Celissa. "Es erscheint mir doch trotz aller Regeln ein wenig primitiv. Da ist mir ein Fechtturnier lieber, wo mit mehr Eleganz und Variation gestritten wird."

"Ohne Frage, darin teile ich ganz Eure Meinung, Celissa", erwidert Randirion lächelnd. "Möglicherweise ergibt sich während unseres Aufenthaltes in dieser Stadt ja noch die Gelegenheit einer Teilnahme an einem derart hoffähigen Turnier. Es wäre mir ein Vergnügen, mit Euch entre Amateurs die Klinge zu kreuzen." Er zwinkert ihr zu.

"Sehr gerne", stimmt Celissa zu. "Vielleicht könnt Ihr Euch dann für den verlorenen Ringkampf kürzlich revanchieren", fügt sie mit ebensolchem Augenzwinkern an.

Die Donna ignoriert diesen Kommentar geflissentlich.

Randirion lacht hell auf, was man bei ihm als Seltenheit betrachten kann. Mit einem Seitenblick auf Shantalia räuspert er sich gleich wieder und entgegnet der hübschen Horasierin erheitert mit einem verschmitzten Lächeln: "Nun, manche Situationen erfordern einen gewissen manque de fermeté, ohne dass es zum Nachteil gereichen muss."

Celissa lächelt und nickt zustimmend. Sie blickt ihm in die Augen. "Das mag ich an Euch, dass Ihr diese Situationen erkennen könnt", sagt sie leise und stellt gleichzeitig ein wenig überrascht fest, dass es die Wahrheit ist.

Wenn sie ihn doch immer so ansehen könnte! Randirion meint sich in ihren Augen zu verlieren, das Bedürfnis, sie in die Arme zu nehmen, fest an sich zu ziehen und leidenschaftlich zu küssen, droht ihn zu übermannen. "Und ich schätze es sehr, wie Ihr damit umzugehen versteht, mon cœur", antwortet er ebenso leise. Er räuspert sich, fasst sich wieder. "Und nun, mes Mesdames, möchte ich Euch zu einem kleinen Imbiss einladen, hier in der Nähe wartet ein vorzüglicher Tortenbäcker mit seinen Köstlichkeiten auf", schlägt er vor. "Dazu werden Tee und andere exotische Getränke gereicht. Ich denke, das wäre doch ein willkommener Abschluss unseres heutigen Ausflugs, n'est-ce pas?"

Er führt seine beiden Begleiterinnen nach deren Zustimmung zu dem Tortenbäcker an der Fürstenresidenz, wo sie bei nettem Geplauder den Nachmittag ausklingen lassen.