Als Randirion, Celissa und Shantalia am Abend wieder in der Villa Engstrand ankommen, werden sie gleich zur Patrizierin gebeten. Die hat Gäste: Ein stämmig gebauter Mittfünfziger nickt den dreien freundlich zu. Der ist dunkelblond, trägt einen voluminösen Backenbart und ist nach der neusten höfischen Mode gekleidet. In seiner Begleitung befindet sich ein schmalschultriger, rothaariger Mann von schwer bestimmbarem Alter.

"Ah, schön, dass ihr kommen konntet", werden die drei von Isida Engstrand begrüßt. Sie weist auf den Stämmigen. "Darf ich euch den Reeder Oreis Rastburger vorstellen. Und das ist", Isida macht eine Handbewegung zum Schmalen, "sein Schreiber Leirix."

"Meine Hochachtung, die Herren!" Randirion zieht seinen Hut und vollführt eine seiner gekonnten Verbeugungen. Freundlich mustert er die beiden Gäste Isidas und wartet höflich auf seine und die Vorstellung seiner beiden Begleiterinnen.

Die Donna deutet eine Verbeugung an.

"Sehr erfreut", grüßt Celissa mit freundlichem Lächeln.

"Herr Rastburger, das sind meine geschätzten Gäste Randirion ya Calmatin, Shantalia Parida-Gahlan und Celissa von Marlino, von denen ich Euch erzählt habe. Die anderen sind gerade anderweitig unterwegs", stellt Isida die drei vor. Oreis Rastburger lächelt freundlich bei der Vorstellung. Leirix schaut Randirion, Celissa und Shantalia nur aus eisblauen, aufmerksamen Augen an.

Isida bittet alle, Platz zu nehmen, was alle bis auf den Schreiber, der hinter dem Sessel Rastburgers stehen bleibt, auch tun. "Ich habe Herrn Rastburger bei einem Treffen gestern von euren Erfolgen bei der Beruhigung eines gewissen Hauses erzählt", beginnt die Patrizierin.

Der junge Adlige nickt ernst. "Beruhigung ist wahrlich eine milde Umschreibung", bemerkt er ironisch lächelnd. "Die Zustände, auf die wir bei der Visite der Souterrain gelegenen Räumlichkeiten eines Hauses an der Fürstenallee gestoßen sind, verlangten nach einem raschen, bereinigenden Eingreifen. Zu hoffen ist, dass der Erpresserbande damit vorerst die Lust an weiteren verbrecherischen Aktivitäten unterhalb der Stadt genommen wurde."

Die letzten zwölf Tage waren zumindest ruhig.

"Ach, wenn ihr mir doch helfen könntet!" platzt es aus Rastburger heraus. "Seit kurzer Zeit spukt's in meinem Haus. Wir mussten alle flüchten und können es nicht mehr betreten; es ist schier unbewohnbar geworden. Nun suche ich verzweifelt nach ein paar Unerschrockenen, die die Spukgestalten aus meinem Haus vertreiben. Und die Patrizierin hat angedeutet, dass …" Er schaut unsicher zu Isida Engstrand, aber die sagt nichts, schaut nur ruhig zu ihren Gästen.

Celissa hebt eine Augenbraue. "Spuk? Ihr meint Geister? Habt Ihr schon die Geweihten des Schweigsamen um Rat gefragt?" Eine andere Alternative wäre bei so etwas wahrscheinlich ein Magier, denkt sie sich, aber in Havena fällt das ja weg.

"Es rasselt und knarrt im Haus an den unmöglichsten Stellen. Gegenstände fliegen durch die Luft", berichtet Rastburger.

"Vergesst nicht den Abenteurer, der urplötzlich in einen Riesenkürbis verwandelt wurde", fällt Leirix mit wohlklingendem Tenor ein. Rastburger dreht sich zu seinem Bediensteten um und funkelt ihn wütend an, sagt aber nichts.

Der Cavalliere zieht alarmiert eine Augenbraue hoch.

"In einen Riesenkürbis?" fragt Celissa mit großen Augen. "Und dann? Ich meine … ist er noch immer verwandelt?"

Eine Antwort auf diese Frage interessiert auch Randirion, der sich zudem fragt, warum auf Celissas Frage nach dem Rat der Borongeweihten keine Antwort erfolgte.

"Nein", gesteht Rastburger Hände ringend, "aber es spukt eindeutig. Ich hoffe, den Spuk loszuwerden, ohne offizielle Stellen einzuschalten. Könnt Ihr da vielleicht helfen?"

Celissa fragt sich, was die Geweihten wohl nicht sehen sollen. Was will dieser Reeder verbergen? Vielleicht kennt er die Ursache des Spuks bereits, und will nicht, dass sie bekannt wird? Aber Borongeweihte sind nicht gerade als Plaudertaschen berüchtigt … also ist der Grund vielleicht etwas gesetzwidriges oder gar frevelhaftes? Wie zum Beispiel … ein Mord?

Randirion wirft seinen beiden Begleiterinnen einen Blick zu. "Ein Glück für den Bedauernswerten", bemerkt er zu der beruhigenden Tatsache, dass die Verwandlung nicht von Dauer gewesen ist. Nachdenklich schaut er den Reeder an. "Ohne Frage ist unter diesen Umständen Euer Haus als unbewohnbar zu bezeichnen. Ich denke schon, dass wir uns das Objekt ansehen und nach der Ursache für diese bedrohlichen Vorgänge forschen können. Ob wir jedoch etwas ausrichten und den Spuk beseitigen können, wird sich zeigen müssen, Versprechungen in dieser Hinsicht abzugeben, wäre zweifelsohne unseriös." Er zuckt entschuldigend mit den Schultern.

"O, da bin ich euch dankbar!" Die Dankbarkeit ist dem Reeder ins Gesicht geschrieben.

"Gibt es einen Anhaltspunkt, was zu diesem Spuk geführt haben kann? Einen Todesfall oder ein anderes, ursächliches Ereignis? Kommt es neben den bisher beschriebenen Anzeichen eines Spuks zu weiteren Erscheinungen?" will er weiter wissen, da ihn eine gewisse Neugierde erfasst hat.

"Ich habe nicht die Spur einer Ahnung und Leirix auch nicht, woran es liegen könnte. Und nach der Verwandlung habt sich niemand mehr ins Haus getraut." Rastburger schaut echt bekümmert und der Schreiber hebt entschuldigend die Schultern.

'Natürlich.' Celissa glaubt ihm kein Wort. "Können wir mit diesem Abenteurer sprechen?" fragt sie laut. "Ist er alleine in das Haus gegangen oder hatte er Begleiter?"

"Sie waren zu viert", erklärt Rastburger, "und sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden."

"So, so, auf Nimmerwiedersehen verschwunden," lässt sich die Donna das erste Mal vernehmen, "und wer sagt, dass das nicht Ihr wart? Verzeiht meine Direktheit, aber da wo ich herkomme ist diese Möglichkeit wahrscheinlicher, als eine übernatürliche."

Isida Engstrand schaltet sich ein. "Herr Rastburger ist ein erfolgreicher Reeder, der durch nichts mit irgendwelchen ungesetzlichen Aktivitäten in Verbindung gebracht wird. Wir sind hier nicht in Al'Anfa."

Rastburger verbeugt sich leicht im Sitzen. "Danke für den Leumund, gnädige Frau."

'So so', denkt sich Celissa. Sie glaubt eher, dass dieser Rastburger seine Aktivitäten bisher gut verbergen konnte.

"Ihr wärt uns natürlich einen kleinen Gefallen schuldig", meint Celissa. 'Der umso größer werden könnte, je mehr wir herausfinden', denkt sie sich.

Rastburger zuckt zusammen, während sein Schreiber grinst. Als sich der Reeder gefangen hat, fragt er vorsichtig: "An wie viel hättet ihr denn gedacht?"

"Oh, Ihr meint Geld?" fragt die Horasierin mit erstauntem Gesichtsausdruck. Sie muss wohl mal wieder auf einen Unterschied zwischen ihrer Heimat und dem Mittelreich gestoßen sein. "Ich dachte mehr an eine Art Verpflichtung … aber wenn Euch das lieber ist, werden wir uns sicher auch anderweitig einigen können."

"200 Dukaten bei Erfolg!" schaltet sich Isida Engstrand ein. Rastburger erbleicht.

"Ich weiß nicht, was der Cavalliere meint, ich dachte eigentlich nicht an Geld sondern wirklich an einen Gefallen."

Randirion lächelt amüsiert über seine beiden Begleiterinnen. "Was soll ich meinen, Domna? Lasst uns wissen, an welche Art Gefallen oder Verpflichtung Ihr und Celissa gedacht habt", bemerkt er ihr gegenüber mit einem Schmunzeln, um sich dann bei Isida mit einem freundlichen Lächeln für ihre Vermittlungsbemühungen zu bedanken und anschließend Celissa mit einem warmherzigen Blick zu bedenken. "Monsieur Rastburger wird uns sagen können, was ihm eine erfolgreiche Lösung seines Problems wert sein mag."

"Ähmm, ich hätte da eher an 10 Dukaten pro Person gedacht", beginnt Rastburger. "Waaaas? Seid Ihr von allen Göttern verlassen?" schaltet sich Isida Engstrand ein. Es beginnt ein Handel zwischen den beiden, der sich gewaschen hat. es scheint de beiden Spaß zu machen. Schließlich einigen sich Rastburger und Isida Engstrand auf ein Erfolgshonorar von 80 Dukaten zuzüglich eines Gefallens, der noch näher zu spezifizieren ist.

Der Cavalliere deutet seine Zustimmung zu dem ausgehandelten Salär mit einem zufriedenen Nicken an.

Wie auch die Donna.

Mit diesem Ergebnis ist auch Celissa vollkommen zufrieden. Schließlich kann auch dieser Gefallen noch größer ausfallen, je nachdem, was man herausfindet … und die Dukaten sind ebenfalls nützlich.

"Können wir einen Plan des Hauses bekommen?" fragt sie den Reeder dann.

Der kratzt sich am Kopf. "Einen Plan gibt es nicht, aber Leirix wird euch begleiten. Er kann euch führen."

"Ach so?" Celissa mustert den Schreiber genauer. "Habt Ihr keine Angst, verwandelt zu werden oder so etwas?" fragt sie ihn.

Leirix windet sich ein wenig. Schließlich gesteht er. "Ein bisschen Angst habe ich schon, aber ihr geht ja vor."

"Bien, dann wäre das geklärt", lässt sich Randirion vernehmen. "Wann sollen wir das Objekt in Augenschein nehmen?" fragt er weiter.

"Wie wäre es morgen zur neunten Vormittagsstunde, also nach dem Morgenmahl?" schlägt Rastburger vor.

"Das klingt gut."

"Ich würde Euch bitten, uns dennoch bis dahin einen Plan zu zeichnen", beharrt Celissa dem Schreiber gegenüber. "Dann haben wir ihn in Reserve, falls Ihr - aus welchem Grund auch immer - unpässlich werden solltet."

"Einen Plan zeichnen?" Leirix schaut völlig verdutzt. "Wie geht denn das? Machen sowas nicht Baumeister?"

Die Horasierin schaut genauso verdutzt zurück. "Äh … ja, ich glaube schon, aber bestimmt anders … irgendwie technisch …" Sie schüttelt den Kopf und fasst sich wieder. Stellt sich dieser Mann absichtlich doof? Schließlich ist er Schreiber, er wird doch schon mal eine einfache Zeichnung gemacht haben. "Ich meine nur eine Skizze", sagt sie und fügt beißend hinzu: "Aber wenn es Euch zu schwierig sein sollte, ein paar Striche auf ein Blatt Papier zu machen, dann können wir das auch morgen gemeinsam vor der Untersuchung des Gebäudes bewerkstelligen."

"Ja, das wäre schön!" freut sich der Schreiber erleichtert.

"Dann ist ja alle klar!" stimmt auch Rastburger erleichtert zu.

"Noch nicht zur Gänze", ist von Randirion zu hören, der etwas nachdenklich der Unterhaltung zwischen Celissa und dem Schreiber gefolgt ist. "So treffen wir uns also nach dem Morgenmahl zur neunten Stunde, doch wo? Nennt uns freundlicherweise noch die genaue Adresse Eures Domizil, Monsieur Rastburger. Oder sollen wir von Monsieur Leirix hier abgeholt werden?"

Isida Engstrand raunt Randirion noch beim Herausgehen zu: "Bin gespannt, was ihr herausfindet, was da wirklich los ist."

"Nicht nur Ihr, Madame, nicht nur Ihr", antwortet Randirion sinnierend und ebenso leise. "Eine wahrlich mysteriöse Geschichte, scheint mir."

"Leirix holt euch ab!" bestimmt Rastburger. Zu dem Schreiber gewandt meint er: "Oder verläufst Du Dich immer noch in der Stadt:" Der angesprochene beeilt sich "Geht schon klar!" zu versichern.

"Bien", antwortet Randirion auf den Reeder. "Wir erwarten Euch hier." Er verabschiedet sich höflich von Rastburger und Leirix, als diese aufbrechen.