Die vom Eingangsflur ausgehende hölzerne Treppe nach oben steigt steil an und ist sehr eng gebaut. Sie ist nur knapp ein Schritt breit. Auf den Stufen liegt ein roter Läufer, der mit Messingstangen befestigt ist.

Vorsichtig steigt Celissa die Treppe hinauf. Falls hier eine Stufe präpariert sein sollte oder plötzlich etwas von oben kommt, will sie einen Sturz unbedingt vermeiden.

Angespannt hält sich Randirion mit etwas Distanz hinter ihr, bereit, sie zu halten, sollte ein Schabernack der Kobolde sie zum Stürzen bringen.

Als Celissa die erste Treppenstufe betritt, ertönt ein lautes Verdauungsgeräusch, worauf der sonst so schweigsame Leirix Celissa sofort ermahnt: "Bitte, seid leise! Ihr werdet Euch doch für einen Moment zusammennehmen können!"

Auch die Donna erreicht nun die Treppe.

Und auch sie hat das Geräusch, das prosaische Naturen als "Furz" bezeichnen würden, gehört.

Ein leichtes Kichern kann sie sich nicht verkneifen.

Missbilligend schaut der Cavalliere den Schreiber an. "Etwas mehr Diskretion, wenn ich bitten darf", rügt er Leirix. Er nimmt nicht an, dass das Verdauungsgeräusch von Celissa stammen.

"Ähmm", räuspert sich Leirix.

Sie ignoriert den frechen Schreiber und geht weiter.

Als Celissa ihren Weg auf der Treppe fortsetzt, verschwinden vor ihr drei der Messingstangen, die den Teppichläufer halten; der Vorgang wird von einem markerschütternden Rülpser begleitet.

Langsam ist die Donna von diesen kindlichen Scherzen genervt. "Komm raus, wer immer Du bist!"

Als Antwort ist aus dem Obergeschoss ein fernes Poltern zu hören.

Celissa geht weiter. Auch sie nerven die 'Scherze', aber so etwas ist ihr immer noch lieber als etwas, was tatsächlich gefährlich würde.

Randirion folgt seiner Gefährtin in gewissem Abstand die Treppe hinauf.

Wie auch die Donna, völlig entnervt.

Die Treppe erweist sich als vollkommen ungefährlich. Oben kommt Celissa in eine wie ein "L" geformte Diele, wobei der eine Schenkel vom Treppenende aus nicht richtig einsehbar ist.

Durch die Fenster fällt Tageslicht in die Diele. Eine weitere Treppe führt weiter nach oben.

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Der Holzboden der Diele ist mit dicken Läufern belegt. Neben der einen sichtbaren Tür stehen zwei blankpolierte Ritterrüstungen auf Ständern. Die Rüstungen sind auffällig klein, sie messen von den eisernen Stiefelsohlen bis zu den Helmspitzen nur knapp anderthalb Schritt. Jede Rüstung hält einen kurzen Morgenstern in der rechten Faust.

"Man könnte meinen, diese Rüstungen wären für die beiden Kobolde bestimmt", bemerkt Randirion trocken, als er neben Celissa in der Diele ankommt. Er zieht vorsichtshalber sein Rapier.

"In der Tat", bestätigt Celissa. "Waren hier immer schon Rüstungen?" fragt sie in Richtung Leirix die Treppe hinab.

"Ja", bestätigt Leirix, der auch nachgekommen ist. "Herr Rastburger hat sie wohl von einer Reise mitgebracht." Eine der Rüstungen schüttelt mit dem Kopf. Dabei entsteht ein schepperndes Geräusch.

"Die eine Rüstung ist nicht Eurer Ansicht, Monsieur", bemerkt der Cavalliere knapp. "Woher soll er sie mitgebracht haben, würdet Ihr meinen?"

Leirix kratzt sich am Kopf. "Aus Elenvina, glaube ich."

"Und, was meint Ihr, welche Krieger sollen diese Rüstungen einst getragen haben?" forscht Randirion nach.

"Krieger?" fragt Leirix zurück. "Eher Kinder, so schmal wie die Schultern sind."

"Das man dort Kinder in Rüstungen steckt, ist mir neu." Randirion wirkt irritiert.

"Was weiß ich denn? Am besten fragst Du Herrn Rastburger!" Der Schreiber scheint zum Thema nichts mehr sagen zu können.

Celissa zuckt zusammen, obwohl sie so etwas schon halb erwartet hatte. "Selbst wenn, haben sie sich früher bestimmt nicht von selbst bewegt", murmelt sie.

Leirix nickt.

Als die vier vorsichtig vorwärts gehen, können sie auch in den bislang unsichtbaren Bereich der Diele schauen. Am Ende des Flures gibt es noch einmal drei Türen: geradeaus, links und rechts.

"Das sollten wir uns wahrscheinlich ansehen", meint Celissa leise zu Randirion. "Andererseits möchte ich ungern in eine Auseinandersetzung mit diesen Rüstungen verwickelt werden. Mein Degen dürfte da nicht viel helfen, und ich habe auch nie gelernt, einen Morgenstern zu parieren. Habt Ihr vielleicht eine Idee, wie wir ihnen beikommen könnten, wenn sie sich feindlich verhalten?"

"Es bleibt wohl nur die hohe Kunst des Ausweichens als Alternative", antwortet Randirion sinnierend, als sich bereits Shantalia zu einer Aktion entschließt.

"Ja, sie sind unbeweglich, wir rennen sie einfach überraschend um." Sagt es, und rennt mit voller Wucht auf die nächste Rüstung - Schulter voraus - zu.

*Schepper*,*krabumms* mit gewaltigem Getöse fällt die erste Rüstung um.

'Riskant, aber funktioniert', denkt sich Celissa, die bei so einer Aktion befürchtet hätte, von einem geschwungenen Morgenstern empfangen zu werden. Bei dem Anblick muss sie grinsen.

"Nach Euch", sagt sie zu Randirion mit einladender Handbewegung.

"Avec plaisir …", kann der Cavalliere gerade noch antworten, da hat Shantalia den zweiten Wächter der Tür schon zu Fall gebracht. "Dann sehen wir uns zuerst mal hier um", spricht er und betritt den Raum, wenn dieser zugänglich ist.

Da Ihre beiden Begleiter nicht reagieren versucht die Donna mit einem kräftigen Stoß die zweite Rüstung umzustoßen.

Mit dem gleichen Ergebnis.

Randirion betritt einen großen Raum, bei dessen Anblick ihm der Begriff 'Salon' durch den Kopf schießt.

Der große, protzig, aber nicht unbedingt geschmackvoll möblierte Raum wird durch 2 hohe, bunt verglaste Fenster zur Straße in farbiges Licht getaucht. Der größte Teil des Zimmers wird von einer mit Plüsch bezogenen Sesselgruppe und einem schwarzen Marmortisch eingenommen.

"Pompös", fällt dem Cavalliere dazu knapp formuliert ein, während er vorsichtig weiter geht und einen Blick auf den Marmortisch wirft.

"Der Tisch ist aber schön", meint Celissa, die ihm gefolgt ist.

Auffälligster Gegenstand ist das lebensgroße, bronzene Abbild eines Fuchses, das in der Südwestecke des Zimmers auf einer 1 Meter hohen Steinsäule steht.

Mit einer gewissen Achtung nähert er sich der bronzenen Statur, von der er annimmt, dass sie den von dem Kaufmann verehrten Gott Phex gewidmet ist. "Messieurs Dank an den Geschäftstüchtigsten der Zwölfe nimmt hiermit wohl Gestalt an", bemerkt er dabei respektvoll.

Ja, wirklich, das ist ganz bestimmt eine Darstellung Phexens.

"Eine gute Arbeit", kommentiert Celissa und tritt näher zu der Statue. "Da hat sich jemand Mühe gegeben." 'Könnte auch in einem Tempel stehen', denkt sie sich.

Eine weitere Tür führt in den hinteren Bereich des Hauses.

Darauf wird er, so ihm nichts weiter auffälliges davon abhalten sollte, zuhalten.

Hinter der Tür ist ein Schlafzimmer, nicht ganz so groß wie der Salon. Rechts führt noch eine Tür in ein weiteres Zimmer.

Beherrschendes Möbel in diesem Zimmer ist ein breites Ehebett, über dessen Giebel ein Gemälde hängt, das die Liebesgöttin Rahja bei einem Ritt über einen Meeresstrand zeigt. In der Ferne erhebt sich Efferds Haupt aus den Fluten.

Aus einer Kommode vor der linken Wand wurden alle Schubladen herausgerissen. Der Inhalt, natürlich Kleidungsstücke, ist auf dem Boden verstreut. Auf dem mit Teppich bedeckten Boden liegt eine ca. 3 Meter lange Leiter. Quer über das Bett gestreckt, den Kopf tief in die Kissen gewühlt, ruht eine junge, schwarzhaarige Frau, die ein enganliegendes, schwarzes Gewand trägt. Ein kleiner Dolch steckt in ihrem Gürtel, sie hat keine Schuhe an den Füßen.

Neben dem Bett liegt eine kleine Glasflasche auf dem Boden, die mit einem Schildchen mit der Aufschrift "Premer Feuer" beklebt ist.

Die Frau ist nicht tot, denn man kann deutlich die Atembewegungen ihres Brustkorbs sehen.

Erstaunt hält Celissa inne, als sie die Tür zu diesem Zimmer erreicht. Einen Menschen hatte sich im Haus nicht erwartet! Ihre Augen wandern umher, prüfen, ob die Leiter vielleicht von draußen durch ein Fenster gezogen worden sein könnte oder ob es eine Falltür in der Decke gibt.

Die unlackierte Holzleiter ist von der Art, wie man sie überall in Aventurien findet. Sie ist sicher schon oft benutzt worden, so abgewetzt sind die Sprossen. An einem der beiden gesägten Enden der Leiter haftet Erde.

Auch die Frau versucht sie näher einzuschätzen.

Die Fußsohlen der Frau sind verhornt und nicht ganz sauber. Die Haare sind kurzgeschnitten, der Dolch einfach und bestimmt nicht zur Zierde.

Bluse und Hose liegen eng an, aber nicht so eng, dass sie die Trägerin in der Bewegung behindern würde.

'Ah, da wollte wohl jemand die Leere des Hauses ausnutzen.' Celissa fragt sich, ob diese Frau auch für den Zustand im unteren Stockwerk verantwortlich ist. Dagegen spricht aber, dass sie gerade im Raum mit der Leiter liegt.

Vorsichtig zieht sie ihren Degen, hält ihn aber locker an der Seite gegen den Boden gerichtet.

"Ein ungebetener Gast?" bemerkt Randirion leise und räuspert sich laut und vernehmlich, um ihre Anwesenheit bekannt zu machen.

Wenn man bedenkt, dass Shantalias Umstoßen der Rüstungen gerade eben die Schlafende nicht aufgeweckt hat, so ist es nicht verwunderlich, dass Randirions Räuspern nichts bewirkt.

"Scheint ganz so, als hätte sie was falsches getrunken", meint Celissa. Allerdings kommt ihr das komisch vor - wenn man irgendwo einsteigt, besäuft man sich doch nicht währenddessen. Und die Flasche sieht auch etwas zu klein aus, um so einen tiefen Schlaf hervorzurufen.

Sie geht zum Bett und beugt sich vorsichtig über die Einbrecherin, um festzustellen, ob diese auch nach 'Feuer' riecht.

Die Schlafenden hat eindeutig von dem Feuer getrunken. Die Fahne ist leicht zu riechen.

"Wir sollten sie wecken und darauf hinweisen, dass ihr Eindringen und Aufenthalt hier weder gewünscht noch gestattet sind", schlägt Randirion vor.

Die Donna fängt schallend zu lachen an: "Glaubt Ihr echt, dass Ihr die wach kriegt, und wenn ja, dass sie uns in diesem Zustand versteht?"

"Eher nicht", antwortet Celissa. "Aber ich frage mich, warum sie hier getrunken hat. Naja." Sie geht zum Fenster und wirft einen Blick nach draußen.

Dort geht es auf den Hinterhof. Celissa vermag die Rückseiten mehrerer Häuser zu sehen. Sie will sich schon wieder abwenden, da sieht sie, dass das Fenster von außen aufgehebelt wurde.

"Wir sollten sie wecken und fragen", beschließt Randirion und tritt an das Bett, um die darin liegende Frau durch nachhaltiges Rütteln am Arm aus Borons Armen zu reißen.

Die Frau schläft wirklich tief. Es braucht fast eine Minute, bis sie erstmals mit einem "Wa…?" reagiert, die Augen immer noch geschlossen.

"Aufgewacht, Madame!" versucht Randirion mit lauter Stimme in das Bewusstsein der Erwachenden zu dringen.

Etwas später gehen erstmals kurz die Augen der Frau flatternd auf. Randirion kann sich nicht erinnern, jeweils so schwer aufzuwecken gewesen zu sein.

"Lasst sie doch schlafen", fordert Celissa ihn auf. "Sie wird uns sowieso nicht weiterhelfen können."

"Woher wollt Ihr das wissen?" erwidert der Cavalliere und wendet sich wieder der Frau zu. "Madame, kommt zu Euch", redet er ihr zu und sieht sich nach einem Krug mit Wasser um.

Jetzt kommt die Frau endlich zu sich, schaut Randirion einen Moment fragend an.

"Bonjour, ich hoffe, Ihr habt gut geruht?" erkundigt sich Randirion leicht ironisch. "Was habt Ihr hier im Haus des Kaufmanns zu suchen, wenn man fragen darf?" stellt er die Fremde zur Rede.

'Na was wohl', denkt sich Celissa ironisch. Es gefällt ihr nicht dass Randirion ihren Rat einfach ignoriert.

Mit einer Geschwindigkeit, die Randirion und die anderen noch nicht gesehen haben, springt die Frau auf, zieht noch im Sprung ihren Dolch und stößt zu, als sie wieder landet. Trotz seines Küraß wird Randirion leicht verletzt.

Celissa ist zuerst völlig überrascht. Die Frau braucht Minuten zum Aufwachen, aber dann bewegt sie sich so schnell?

Aber sie hat ja noch ihren Degen in der Hand. Rasch springt sie vor, um Randirion zu helfen. "Bei Phex!" ruft sie. "Gebt auf! Wir wollen Euch nichts!" Gleichzeitig sticht sie zu.

"Zut!" Völlig überrascht muss der Cavalliere diesen Streich, ohne Parieren zu können, einstecken. Da er jedoch sein Rapier in der Hand hält, versucht er nun seinerseits, sie an einer Fluch zu hindern und greift sie schonungslos an.

Die Donna versucht eine schallende Ohrfeige zu landen.

Und er merkt, wie gut die Schwarzhaarige ist, sie pariert seinen sauberen Stoß und sticht wieder zu - erfolgreich. Dieser Treffer ist schwerer als der erste. Und sie schafft es auch noch in einer Drehbewegung Celissas Streich nur mit ihrem Dolch zu parieren! Shantalia schlägt in die Luft.

Ungläubig registriert Celissa die geradezu übermenschliche Geschwindigkeit der Frau. Aber um darüber nachzudenken, fehlt ihr jetzt die Zeit. Sie bewegt sich leicht seitwärts, damit ihrer Gegnerin ein solches Kunststück nicht noch einmal gelingt. Außerdem greift sie mit der linken Hand nach ihrem Parierdolch.

Als Randirion nachsetzt - so gut kann die Frau doch nicht sein, pariert diese wieder. Wenigstens sticht sie anschließend in die Luft, und Celissa schafft es, einen Stich durchzubringen. Celissas Degen zeigt Rot, als sie ihn zurückzieht.

Leirix hält sich aus dem Getümmel heraus.

Da die Einbrecherin offensichtlich weder Aufgabe noch Flucht in Erwägung zieht, bleibt Celissa keine Alternative. Zorn steigt in ihr hoch, auf Randirion, weil er die Frau unbedingt wecken musste, aber vor allem auf die Frau selbst, die ihnen diesen unnötigen Kampf aufzwingt und Randirion verletzt.

"Das hast du davon!" faucht sie und greift energisch wieder an.

Während Celissa die Fremde attackiert und damit erfolgreich ist, zieht der Cavalliere den Linkhand, um damit seine Parademöglichkeiten zu verbessern. Da sich die Schwarzhaarige trotz Celissas Zuruf uneinsichtig zeigt, greift auch er nun wieder an. "Gebt auf!" ruft er der Einbrecherin zu, während er zustößt.

Jetzt zieht auch die Donna Ihre Waffe.

Es entspinnt sich ein Kampf zwischen der Schwarzhaarigen auf der einen Seite und Celissa und Randirion auf der anderen. Und die eine ist dem gemeinsamen Ansturm von der zwei völlig gewachsen, ja nach einigen Attacken und Paraden, schafft sie es sogar, der ungerüsteten Celissa einen tiefen Stich beizubringen.

Endlich sieht Shantalia die Möglichkeit zu einer Attacke und sie landet sofort einen Treffer, da sich die Schwarzhaarige nur auf Randirion und Celissa konzentriert hat.

Drei gegen eine, das ist selbst für diesen Wirbelwind zu viel. Randirion wird noch zweimal getroffen, Celissa ebenfalls und Shantalia sogar dreimal. Aber nachdem bei der Schwarzhaarigen zum zehnten Mal insgesamt Blut fließt, lässt sie plötzlich den Dolch fallen.

Celissa tritt ihr in die Kniekehlen, sodass sie zu Boden geht.

"Verdammt!" flucht sie. "Was sollte das?"

"Ein Versuch war's wert", presst die Schwarzhaarige zwischen den Zähnen hervor. "Ihr wart besser als ich dachte."

"Es war unnötig wie sonst was!" regt sich Celissa auf. "Was für eine Verrückte bist du eigentlich? Steigst in ein Haus ein, besäufst dich da, und wenn man dich weckt, wirst du zur blutrünstigen Furie?"

"Hab' mich nicht besoffen!" knurrt die Dunkle. "Da muss was drin gewesen sein. Kann ich jetzt gehen?"

"Nein, das hast du dir verspielt!" antwortet die Horasierin und funkelt die Einbrecherin wütend an. Sie tastet mit der linken Hand demonstrativ nach einer ihrer Verletzungen. "Für diese Wunden wirst du bezahlen!"

"Das kann ich", entgegnet die Einbrecherin knapp. "Wenn ihr mich gehen lasst, kann ich die Wunden beseitigen."

"Das wäre schon mal ein guter Anfang", meint Celissa.

Randirion zieht eine überrascht Augenbraue hoch. "Ihr verfügt also über eine magische Begabung?" fragt er erstaunt, sieht man es der Fremden doch in keinster Weise an. "Wenn Ihr uns Auskunft gebt, was Ihr hier zu suchen hattet, werden wir wohl zu einer Entscheidung finden. Wie ist Euer werter Name, wenn ich fragen darf?"

'Ganz schön begriffsstutzig', denkt sich Celissa, die weder versteht, warum Randirion ständig nach den Motiven der Einbrecherin fragt, noch einen Sinn dahinter erkennen kann, irgendeinen erfundenen Namen zu hören.

"Hä? Wir wollten das leere Haus von seinen Wertsachen befreien, ist doch klar. Und dann kommt mir der blöde Schlaftrunk dazwischen. Rena heiße ich."

Randirion deutet eine höfliche Verbeugung an. "Cavalliere Randirion ya Calmatin", stellt er sich vor und mustert die Frau streng. "Alors, nun seid so gut, und wendet Eure Heilkunde an, damit unsere Kleidung nicht noch weiter unnötig ruiniert wird. Und erklärt, wer wir sind, denn außer Euch und ein paar Kobolden sind wir weiter niemandem hier im Haus begegnet."

Celissa nickt bestätigend.

"Gut!" bestätigt Rena. "Dann lasst mal sehen."

Celissa, Randirion und Shantalia machen nun mit etwas Bekanntschaft, das sie bislang nur vom Hörensagen kannten, dem Zauber "Balsamsalabunde, heile Wunde", vernehmlich gesprochen und wirksam. Alle drei. Sind völlig anschließend geheilt. Anschließend sorgt Rena dafür, dass auch bei ihr selbst, sich die Wunden zumindest schließen.

Celissa hatte früher schon einmal die Gunst, die Wirkung dieses wundervollen Zaubers erfahren zu können. Aber auch beim zweiten Mal hat er für sie nichts von seiner Faszination eingebüßt. Erfreut lächelt sie ob des guten Gefühls, wieder geheilt und fit zu sein.

Während Rena ihre heilende Magie auf Celissa wirken lässt, schaut Randirion anfangs skeptisch, doch zusehends begeistert zu. "Fantastique! Hesinde sei gelobt!" ruft er leise aus und gibt sich vertrauensvoll der Behandlung hin, spürt das Kribbeln des heilenden Gewebes, betrachtet erfreut die narbenlos verheilten Wunden. "Vergleichbar eines guten Heiltranks, n'est-ce pas?" stellt er zufrieden fest und beginnt, seine Kleidung wieder zu richten.

Rena nickt.

Die Donna schaut verwundert, kannte sie diese Behandlung doch bisher nur aus Erzählungen. Verwundert sieht sie sich an, am Ende strahlt sie über das ganze Gesicht.

"So", fährt Rena fort, als sie fertig ist. "Wir das sind außer mir noch Finger-Tok, Nase-Elech und die Schöne-Ile. Die müssten eigentlich noch hier irgendwo im Haus sein. Wenn nicht können die was erleben!"

"Dann schlage ich vor, du kommst mit uns", meint Celissa. "Wir wollen uns sowieso noch das restliche Haus ansehen, und wenn du dabei bist, verhindert das vielleicht weitere Missverständnisse." 'Und du kannst ein paar Türen für uns öffnen', denkt sie sich im Stillen.

"Gut!" erwidert Rena. "Ich habe sowieso bisher nur dieses Zimmer gesehen. Wo lang?"

"Dem kann ich nur beipflichten", äußert sich der Cavalliere zu Celissas Vorschlag. "Man kann wohl annehmen, ihr habt euch den Zutritt allein mit dieser Leiter verschafft, so dass Eure complices sich noch in diesem Haus befinden müssten?" fügt er seine Vermutung an, mit einer Handbewegung auf die Leiter deutend und sich die verschlossenen Fensterläden und Türen im Erdgeschoss in Erinnerung rufend.

"Haben wir", bestätigt Rena und bückt sich nach ihrem Dolch.

"Erstmal dort" - Celissa weist auf die noch nicht benutzte Tür. Außerdem holt sie die fehlenden Vorstellungen nach: "Dies ist übrigens Donna Shantalia, das ist Leirix, und ich heiße Celissa."

Die Donna neigt sich kurz.

In einer fließenden Bewegung greift Rena ihren Dolch, springt zum Fenster, reißt es auf und springt hindurch.

Rasch ist Celissa ebenfalls am Fenster. Sie ist gespannt, wie 'Rena' mit dem Fall aus mehreren Schritt Höhe fertig wird. Angesichts dessen, was diese Frau bisher schon gezeigt hat, ist sie aber ziemlich sicher, dass ihr auch das keine Probleme bereiten wird.

"Ist sie denn von allen guten Geistern verlassen!" ruft Randirion perplex aus und macht unwillkürlich einen Schritt in Richtung Fenster, durch das die Fremde verschwunden ist. "Sie wird sich alle Knochen brechen!"

Celissa sieht noch, wie Rena vom Boden in einer Rolle wieder hochkommt, unverletzt versteht sich. Und sie sieht noch etwas: Unten kommen aus dem Haus drei zwielichtige Gestalten gelaufen, zwei Männer und eine Frau.

"Nein, es geht ihr gut", berichtet Celissa. "Und um ihre Freunde müssen wir uns auch nicht mehr sorgen, die sind gerade geflüchtet."

"Wie ist das möglich?" fragt der junge Adlige sinnierend mehr sich als die Horasierin. "Und wo kamen die anderen her? Es gab kein Anzeichen dafür, dass sich noch weitere Personen hier im Haus aufhalten würden …"

Randirion fällt das Poltergeräusch aus dem Kellerbereich ein.

Da er aber nach den bisherigen Begegnungen nicht mit Sicherheit sagen kann, ob sich dieses Geräusch nicht auch auf die Anwesenheit von Kobolden, Spukgestalten oder sonstigen Poltergeistern zurückführen lässt, mag er diese Wahrnehmung nicht explizit den Einbrechern zuordnen.

Außerdem hat Shantalia den Keller doch untersucht.

Celissa kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass Shantalia im Keller etwas übersehen hat.

Sie nimmt sich vor, später noch einmal selbst nachzusehen.

Sie denkt kurz nach. "Die müssen irgendwo hier oben gewesen sein und die Treppe hinunter, während Rena uns geheilt hat. Gut, dass sie nicht direkt nach ihr geschaut haben, gegen vier hätten wir einen schweren Stand gehabt. Aber warum ist sie so plötzlich geflohen? Wenn sie das gewollt hätte, hätte sie uns doch nicht erst heilen müssen …"

"Eine gute Frage, Celissa", erwidert der Cavalliere, dem das Verhalten der Einbrecherin gleichermaßen unverständlich ist. "Möglicherweise überkam sie ein Schuldgefühl, dass sie zu diesem anständigem Verhalten anhielt. Doch wer weiß, den Göttern sei Dank, das geschehen ist, was als Wiedergutmachung geschah."

"Ja, wenigstens ist uns im Endeffekt nicht mehr passiert als ein paar Schmerzen, die schon vorbei sind", stimmt Celissa zu. "Die konnte ganz schön gut zaubern, bestimmt war sie auch deshalb so schnell."

"Anzunehmen", sinniert Randirion. "Ich fühlen mich jedenfalls wieder im Vollbesitz meiner Kräfte. Habt Ihr eine Vorstellung, welche Art der Magie sie so gewandt und schnell werden lassen kann?"

"Nein, mit sowas kenne ich mich nicht aus."

Sie geht nun selbst zur Tür und versucht, sie zu öffnen.

Randirion folgt ihr, Rapier und Linkhand noch in den Händen.

Auch die Donna folgt.

Hinter der unverschlossenen Tür ist ein kleiner, nur 4 x 2 Schritt großer Raum, der von links durch ein kleines Fenster erhellt wird. Rechts in der gegenüberliegenden Wand befindet sich eine weitere Tür.

Hohe Schränke an beiden Längswänden des Zimmers enthalten die Garderobe des Kaufmannspaares. Sämtliche Schranktüren stehen offen, der Inhalt liegt teilweise am Boden verstreut.

Celissa sieht sich nur kurz um und öffnet dann gleich die nächste Tür.

Dort geht es wieder in die Diele. Gleich links, am Ende des "L" ist eine Tür und schräg rechts gegenüber.

Randirion widmet der Einrichtung ein wenig mehr Aufmerksamkeit und untersucht auch die Schränke nach Hohlräumen an den Rückseiten.

Randirion findet ein Geheimfach. Leer.

Ob es durch die Diebe geleert ist oder schon immer leer war, vermag Randirion nicht sicher zu sagen. Da Randirion das Fach aber geschlossen vorfand, vermutet er, dass es schon vorher leer war.

So schließt der Cavalliere seine Inspektion ab und folgt Celissa zurück in den Gang. "Ein Geheimfach in einem der Schränke war leer", lässt er sie wissen. "Wenden wir uns also dem nächsten Zimmer zu."

Celissa nickt. "Die Wertsachen werden die Einbrecher schon gefunden und mitgenommen haben", vermutet sie.

"Darin bin ich mir nicht so sicher", antwortet Randirion, angespannt die Öffnung der nächsten Tür abwartend. "Das Fach war geschlossen, könnte also genauso gut von vornherein ohne Inhalt gewesen sein."

"Ich denke nur, wenn Ihr das Fach finden konntet, dann sie wahrscheinlich auch", erklärt Celissa.

"Das ist anzunehmen", erwidert der Cavalliere, der sich von dieser Äußerung nicht kränken lässt, ist es doch nicht sein Geschäft, in fremden Häusern nach den Wertsachen der Bewohner zu suchen.

Als Celissa die Tür linker Hand, also die am Gangende öffnen will, drängelt sich Leirix nach vorn, mit den Worten: "Spart Euch die Mühe; in diesem Raum gibt es ganz gewiss keine Geister! Es gehört sich nicht, dass man in den persönlichen Dingen einer jungen Frau wühlt, auch Abenteurer wie Ihr sollten das wissen!"

Verblüfft schaut die Donna ihn an, geht zu ihm und versucht ihn mit den Worten: "Wir haben den Darfschein!" beiseite zu schieben.

"Nein, nein, alles was recht ist!" Leirix lässt sich nicht beiseite schieben. Er stellt sich breitbeinig vor die Tür.

"Jetzt werde ich aber wirklich neugierig, Cavalliere?"

"Ihr macht Euch verdächtig, Monsieur!" fährt Randirion den Schreiber, dessen Verhalten ihm äußerst seltsam vorkommt, scharf an. "Tretet beiseite und macht uns den Weg frei, jeder Raum dieses Hauses wird von uns im Auftrag von Monsieur Rastburger durchsucht, ohne Ausnahme!" Sein Rapier wippt leicht, als er einen Schritt auf Leirix zu macht.

"Das ist doch kein Grund, sich zu streiten", mischt sich Celissa ein und richtet ihr Wort zunächst an den Cavalliere. "Er hat doch Recht, Randirion, es wäre nicht schicklich, wenn Ihr oder Herr Leirix die Sachen einer jungen Frau durchsuchen würdet." Sie wechselt aber gleich zu Leirix. "Allerdings sind Donna Shantalia und ich ja nun ebenfalls junge Frauen, und" - ihr Blick wird strenger - "keineswegs 'Abenteurer', sondern von gutem Stand und mit hervorragender Reputation hier in Havena. Es ist also überhaupt nichts dabei, wenn wir beide uns in diesem Raum umsehen."

Anerkennend nickt die Donna Ihr zu.

"Wenn Ihr darauf besteht, kann ich euch nicht daran hindern", seufzt Leirix. "Und dann ist es auch egal." Er tritt mit hängenden Kopf zur Seite, gibt die Tür frei.

"Na also." Die Donna zieht Ihre Waffe und versucht die Tür zu öffnen.

Celissa zwinkert Randirion zu und folgt Shantalia in das Zimmer. Sie durchsucht Kommode und Schrank; vielleicht gibt es hier ja noch etwas, was für sie interessant ist, aber nicht für die Einbrecher.

Jungmädchenkleidung, obere Preisklasse - das ist der Eindruck den Celissa gewinnt.

Ein Kleid aus einem in vielen Farben schillernden Stoff, das jemand achtlos in einen Wäschesack neben dem Schrank gestopft hat, ein Zipfel hängt noch heraus, erregt Celissas Aufmerksamkeit.

Randirion mustert der Schreiber kritisch, verärgert über dessen Auftreten, und auch über Celissas Rüge, die in seinen Augen unangemessen war. Schließlich haben sie bereits festgestellt, dass das Haus eingehend von den Einbrechern auf den Kopf gestellt wurde, da wird dieses Zimmer sicher auch keine Ausnahme darstellen. Er vermutet nun schwer, dass man im Zimmer der jungen Dame, wohl einer von Rastburgers Töchtern, der siebzehnjährigen schönen Alvide, die demnächst verheiratet werden soll, oder dem fünfzehnjährigen Pummelchen Doride, wie Leirix sie bezeichnete, möglicherweise Hinweise auf ein Techtelmechtel mit dem Schreiber finden könnte.

Hinter der Tür ist ein großes, von 2 Fenstern und einer Glastür, die anscheinend auf einen Balkon führt, erhelltes Zimmer. Die Möbel (Bett, Schrank, Kommode, Nachtschränkchen, zwei Stühle mit Tisch dazwischen) sind von einer Eleganz und handwerklichen Qualität, die man sonst nur in Fürstenhäusern findet. Auch dieses Zimmer wurde offenbar bereits von den Dieben durchsucht, denn die Laden sind halb aus der zierlichen Kommode gezogen, die Schranktüren stehen offen.

"Cavalliere, schaut, wie elegant!"

Auch Leirix schaut in den Raum. Celissa vermeint einen Mischung aus Schüchternheit und Neugier bei ihm zu verspüren. Vorsichtig tritt er ein.

"Wolltet Ihr nicht draußen warten?" fragt Celissa ihn spitz.

Leirix zuckt zusammen. Seine Ohren verfärben sich rot. Er geht ohne ein Wort zu sagen zu Randirion.

"Geht nur und lasst keinen Hinweis unbeachtet", entgegnet Randirion abwinkend und tut desinteressiert. "Aus Gründen der Diskretion soll es ja nun unangebracht sein, wenn ich mich dort umsehe. Daher werde ich den Gang im Auge behalten." Kopfschüttelnd registriert er Leirix Neugierde, folgt diesem jedoch nicht.

Die Donna widmet sich den Möbeln.

Auf dem Nachttisch liegt ein schmales Büchlein. Es ist außen unbeschriftet. Als Shantalia das Büchlein aufschlägt, liest sie auf der ersten Seite die handgeschriebene Widmung An Alvide.

Sie blättert um.

Das Buch enthält mittelmäßige Verse, die in einem reimlosen Stil geschrieben sind, den Shantalia als "Garether Stil" kennengelernt hat. Ein Beispiel sei dem Leser nicht vorenthalten:

"Ach, Alvide!
Blaue Taube im Daunenkleid,
auf beschwingten Schwingen in die sinkende Sonne singend,
ach, dass Deiner Flügel Flug zu mir sich füg'!"

Auf der letzten Seite steht:

"In Liebe, Dein Berthol".

Enttäuscht legt sie es beiseite und greift zum nächsten Schriftstück.

Ein weiteres Schriftstück ist nicht zu sehen, aber als Shantalia das Buch hinlegen will, fällt ein gefalteter kurzer Brief heraus. Shantalia liest:

"Liebe Alvide,

ich würde mich sehr freuen, wenn Du mich zum Ball bei Cuanu am kommenden Markttag begleiten könntest.
Aber bitte trage nicht wieder dieses seltsame Kleid. Die merkwürdigen Farben machen meine Mutter (und auch mich) nervös. Mutter sagt, der Kleiderstoff sei Koboldseide; nur Kobolde könnten ihn weben, und sie schenken ihn Menschen, die sie sehr verehren. Ich nehme aber nicht an, dass sich unter Deinen Verehrern ein Kobold befindet, oder?
Also dann bis zum Ball, ich zähle schon die Tage.
Dein Berthol Heff"

Kurz denkt die Donna nach, dann wendet sie sich Celissa zu. "Hier ist ein Brief an die junge Dame, sie spricht der Autor spricht von einem Kleid aus Koboldseide …"

"Tatsächlich? Ich hatte da etwas gesehen …" Sie geht zu dem Wäschesack und zieht das schillernde Kleid hervor, um es näher zu betrachten.

Ja, es ist ein Kleid, ganz fein gewebt und perfekt für eine junge Frau geschnitten. Es schillert in allen Regenbogenfarben. Ganz glatt ist es und etwas kühl. "Koboldseide" könnte als Bezeichnung passen.

"Das ist ja toll", meint Celissa bewundernd und streicht mit der Hand über das Kleid. "Bestimmt auch viel wert. Wer ist denn der Autor des Briefes? Hat er ihr etwa dieses Kleid geschenkt?"

"Der Autor heißt Berthol."

Randirion vermeint, ein Grollen aus Leirix Richtung zu hören.

Verwundert schaut der junge Adlige den Schreiber an. "Kennt Ihr diesen Mann?" will er wissen.

"Nicht persönlich, seine Stücke werden aber in letzter Zeit immer wieder im Theater gespielt. Er soll ein entfernter Verwandter des Fürsten sein." Leirix' Tonfall ist betont neutral.

"Ist er es, mit dem Monsieur Rastburgers Tochter vermählt werden soll?" fragt Randirion weiter.

"Ja." Leirix' Gesicht bleibt ausdruckslos.

"Wann soll die Vermählung stattfinden?" Randirions Tonfall klingt mitfühlend, denn aus Leirix vorherigen Reaktionen meint er schließen zu können, dass der Schreiber selber ein Auge auf die schöne Alvide geworfen hat. "Und kann der Termin überhaupt eingehalten werden, nachdem hier der Spuk Einzug gehalten hat und das Anwesen unbewohnbar wurde? Es behindert ja schließlich die Vorbereitungen." Während er spricht, beobachtet er den Schreiber sehr genau.

"Keine Ahnung." Leirix behält seine ausdruckslose Miene. "Irgendwann in nächster Zeit. Und das muss euch ja auch nicht kümmern. Ihr sollt dem Spuk auf den Grund gehen." Randirion ist sich sicher, dass Leirix lügt.

"Der Spuk, ja, deshalb sind wir hier …" sinniert Randirion in Gedanken weiter über den Zusammenhang zwischen der Hochzeit und den Vorkommnissen in diesem Haus. 'Die Kobolde, die wir angetroffen haben, haben sicher damit zu tun …' Nachdenklich streicht er sich über sein glattrasiertes Kinn. Hatte er nicht Shantalia und Celissa von einem Kleid aus Koboldseide reden hören, das dem zukünftig Angetrauten nicht behagt? Und warum lügt der Angestellte des Kaufmanns. Steckt er etwa dahinter?

"Begann der Spuck zufällig, nachdem die Vermählung bekanntgegeben wurde?"

"Hmm." Leirix denkt nach. "Ich weiß gar nicht, wann die Vermählung genau bekanntgegeben wurde. Ich habe das auch nur aufgeschnappt."

"Jedenfalls muss dieser Berthol eine gute Partie sein, wenn er seiner Verlobten Kleider aus solch einem kostbaren Stoff schenken kann", provoziert Celissa. Sie hat aus Leirix Verhalten ebenfalls ihre Schlüsse gezogen und versucht nun, ihn aus der Reserve zu locken, um Klarheit zu erhalten.

Leirix geht zu Celissa und streicht versonnen über das Kleid. "Schön, nicht wahr", sagt fast zu sich selbst. "Dieses edle Stück soll der Schreiberling Alvide geschenkt haben?" fragt er dann.

Diese Reaktion entspricht dann doch nicht dem, was Celissa erwartet hatte. Wenn Leirix eifersüchtig wäre, würde er doch nicht ein Geschenk seines Konkurrenten loben? Auch kommt es ihr seltsam vor, dass ein Schreiber das Wort 'Schreiberling' verwendet.

"Scheint so", antwortet sie etwas verunsichert.

"Schon wieder habt Ihr diesen Raum betreten, in dem Eurer Aussage nach, kein Mann etwas zu suchen hätte. Kann es sein, dass der Brief und das Kleid von einem Anderen stammen? Das hier ein falsches Spiel läuft?"

Verständnislos schaut Leirix Shantalia an.

Fragend schaut die Donna Celissa und Randirion an.

"Worauf wollt Ihr hinaus?" fragt Celissa sie, denn auch sie weiß nicht so recht, was Shantalia mit ihren letzten Fragen gemeint hat. Den Inhalt des Briefes kennt sie schließlich auch nicht.

"Wenn Du den Brief vorliest, dann können wir vielleicht Deine Frage beantworten", kommt Leirix eine Idee.

Wortlos reicht die Donna Celissa den Brief.

Während Celissa den Brief liest, versucht Leirix mitzulesen.

Celissa dreht den Brief weg. "Das ist die private Korrespondenz der jungen Dame" weist sie Leirix zurecht. "Und geht Euch daher überhaupt nichts an."

Leirix macht leicht schmollend einen Schritt zurück.

Nachdem sie den Brief gelesen hat, muss sie erst einmal kurz über den Inhalt nachdenken. "Das Kleid ist nicht von diesem Berthol", erklärt sie dann den anderen. "Hier steht, dass dieser Stoff von Kobolden hergestellt würde. Normalerweise würde ich sowas ja nicht glauben, aber in diesem Fall … mir scheint, wir kommen der Lösung näher. Wir sollten mal mit diesem Mädchen reden."

Mit nachdenklicher Miene hört Randirion von der Tür aus zu. "Das sollten wir, in der Tat", stimmt er Celissa zu und wendet sich an Leirix.

"Monsieur, wo hält sich Mademoiselle Alvide zur Zeit auf?" will er von ihm wissen.

"Das weiß ich leider nicht, ich glaube bei ihren Eltern", erwidert Leirix nach kurzem Nachdenken.

Randirion schaut seine beiden Begleiterinnen an. "Was also tun wir nun? Durchsuchen wir den Rest des Hauses, oder statten wir der jungen Dame einen Besuch ab, um sie über ihre Verbindung zu den Kobolden zu befragen?" will er wissen, denn er ist sich nun sicher, dass der Spuk mit den Kobolden und der baldigen Vermählung Rastburgers Tochter zu tun hat.

"Ich würde sagen, wir schauen uns hier noch voll um", schlägt Celissa vor. "Jetzt sind wir schon hier, und vielleicht finden wir ja noch etwas."

"Bien", stimmt Randirion zu. "Dann weiter. Nehmt bitte das Büchlein mit dem Schreiben und das Kleid mit." Er wartet, bis alle den Raum wieder verlassen haben, um gemeinsam die Erkundung des Hauses weiterzuführen.

Es gibt noch eine Tür am Gangende schräg gegenüber der Tür zum Ankleidezimmer, die die Helden noch nicht geöffnet haben.

Hinter der Tür befindet sich ein etwas kleinerer Raum als der von Alvide, der durch ein kleines Fenster an der gegenüberliegenden Wand erhellt wird.

An der Einrichtung des Zimmers kann man auf den ersten Blick erkennen, dass es sich bei der Bewohnerin um ein junges Mädchen handeln muss, das soeben dem Kindesalter entwachsen ist: Auf dem kleinen Bett mit den bunt bemalten Giebeln liegen hölzerne Gliederpuppen und Stofftiere, aber an der Wand hängt ein kleiner Scherenschnitt, der einen jugendlichen Helden zeigt, neben dem Schnitt ist ein Blatt der Havena-Fanfare befestigt.

Außer dem Bett enthält das Zimmer zwei kleine Sessel, einen Stuhl, über dessen Lehne ein Sattel geworfen ist, eine Kommode und einen schmalen Kleiderschrank. Schrank und Kommode wurden offenbar hastig durchsucht. Ein paar Wäschestücke, Schleifen und Kämme liegen auf dem Teppich verstreut.

Interessiert liest sich die Donna die Havena Fanfare durch.

Es handelt sich um die Kritik eines Theater-Stückes mit dem Titel "Geliebter Streuner". Die besondere Aufmerksamkeit Shantalias erregt ein kurzer Abschnitt:

"… stammt wiederum aus der Feder des berüchtigten Autors Berthol Heff.
Es handelt sich um eine wirre Erbschleicher-Geschichte, der weder das Publikum noch die Akteure selbst so recht zu folgen vermögen. Einzig das grandiose Spiel des Herrn Iomchad mag den Rezensenten milde stimmen.
Leider aber …"

(Die Worte "grandioses Spiel" und "Herr Iomchad" sind von Hand dick unterstrichen).

Der Cavalliere, der an der Tür stehen geblieben ist, da es sich augenscheinlich erneut um ein Mädchenquartier handelt, sieht, wie Shantalia aufmerksam die den Zeitungsausschnitt studiert. "Worüber berichtet denn dieser Artikel?" fragt er interessiert, während er Gang und Zimmer im Auge behält.

"Kommt rein."

Randirion runzelt die Stirn über Shantalias Weigerung, seiner Frage nachzukommen, und nickt Celissa zu. "Ich werde hier darauf achten, dass uns der Rückzug frei bleibt", lässt er sie wissen.

"Schaut mal hier! Hier hat die junge Dame einiges markiert!"

Celissa nickt und tritt zu Shantalia, um ebenfalls den Artikel zu lesen.

"Die jüngere Schwester gehört wohl zu den Bewunderern eines Schauspielers. Ein gewisser Herr … Iomchad." Sie wirft einen Blick in die Runde. "Kennt Ihr den vielleicht?"

Leirix entgegnet freundlich: "Der Mann spielt wirklich gut! Doride schwärmt für ihn."

"Nur Doride, oder etwa auch Alvide?" fragt der Cavalliere nach, der nach kurzem Überlegen zu dem Schluss kommt, dass er hat bisher noch nichts über diesen Künstler gehört hat.

"Alvide schwärmte doch für Berthol", erinnert Leirix.

"Wieso schwärmte?" fragt Celissa nach. "Tut sie das jetzt nicht mehr?"

"Ich meinte schwärmt", korrigiert sich Leirix.

Skeptisch sieht sie ihn an. "Ach so? Na gut, wir können sie ja nachher fragen. Haben wir jetzt eigentlich das ganze Haus gesehen oder fehlt noch etwas?"

Der Cavalliere wartet auf die Antwort des Schreibers. Seiner Meinung nach müssten sie alle Räume untersucht haben

Wobei der letzte Raum nicht wirklich untersucht wurde, fällt Randirion auf.

"Es gibt noch das Dachgeschoss, da ist mein Zimmer und der Dachboden" hilft Leirix.

"Ich wusste gar nicht, dass Ihr in diesem Haus Eure Unterkunft habt", bemerkt der Cavalliere erstaunt und mustert Leirix kurz. Erneut wird sein Verdacht bestärkt, dass der Schreiber des Kaufmanns aus Liebe zu der ältesten Tochter mit den seltsamen Vorgängen in diesem Haus zu tun haben könnte. Doch wie, hat sich ihm bisher noch nicht erschlossen …

"Herr Rastburger fand, dass es gut sei, wenn er seinen Schreiber, also mich, in seiner Nähe weiß", antwortet Leirix.

"Aha," bemerkt der Cavalliere knapp.

"Na dann los", meint Celissa und begibt sich zur Treppe.

Die Treppe führt ins Dachgeschoss in einen Raum, der sowohl als Korridor als auch als Abstellraum dient. Von hier aus führen drei Türen weiter. Zwei an der Nord- und eine an der Westwand. Die Südseite wird von der Dachschräge gebildet. Unter der Schräge stehen zwei große Weidentruhen, an der Ostwand ein Schrank und eine Kommode.

"Was ist hier drin?" fragt Celissa den Schreiber, mit der Hand vage auf die Möbel deutend.

"Sachen der Herrschaft", ist die ebenso vage Antwort des Schreibers.

Mit diesen Worten schiebt die Donna ihn beiseite.

"Dann schauen wir uns doch mal um."

"Hmm." Die Diebe scheinen hier noch nicht gewesen zu sein, also vielleicht lässt sich noch etwas finden. Celissa geht zum Schrank und öffnet ihn.

Im Schrank befindet sich - wie man es von einem Kleiderschrank erwartet - Kleidung. Celissa bemerkt, dass diese nicht dem aktuellen modischen Geschmack entspricht, aber immer noch einen recht prächtigen Eindruck macht. An einem Teil der Kleidung sind Gebrauchsspuren zu erkennen, die aber sorgfältig ausgebessert wurden. Vor einiger Zeit als das Geld nicht so üppig war, hätte sie sich für das ein oder andere Stück begeistern können.

Die Donna widmet sich der Truhe.

In jeder der Truhen findet die Donna ordentlich und sorgfältig in Stoffreste und Hobelspäne verpacktes Glas und Porzellan.

Die Donna klopft Deckel und Boden der Truhe ab.

Beide klingen massiv. Es sind so vermutet Shantalia nach der genauen Begutachtung der Inhalte, wohl die Aussteuertruhen der beiden Töchter.

Enttäuscht schaut sie Celissa bei Ihrer Arbeit zu.

Sie durchsucht die Kleidung flüchtig. Vielleicht ist ja etwas zwischen oder unter den Textilien versteckt.

Bei der schnellen Untersuchung der Kleidung findet sie nichts, aber in so kurzer Zeit kann sie nicht alle Taschen und Säume abtasten. Zwischen den Kleiderstapeln ist auch nicht zu ertasten.

Shantalia beobachtet etwas verwirrt Celissa. "Meinst Du nicht, Du solltest gründlicher suchen?"

"Glaubst du, hier ist etwas?" fragt Celissa zurück.

Wir sollten zumindest keine Möglichkeit auslassen." antwortet die Donna.

"Dann mach' du das, ich sehe mir die Kommode an." Die Horasierin wendet sich ab und lässt ihren Worten Taten folgen.

Die Donna untersucht die Kleidung genauer, besonders achtet sie auf Taschen.

Aber weder Celissa noch Shantalia findet etwas. Leirix beobachtet die beiden und fragt nach einer Weile: "Wollt ihr heute noch etwas anderes machen?"

Celissa ignoriert ihn.

Während seine beiden Begleiterinnen sich den Truhen und dem Schrank widmen, nähert sich Randirion bedächtig der Tür in der Westwand, um nach Geräuschen dahinter zu lauschen.

In dem Raum dahinter ist es ruhig - soweit es Randirion durch das Klappern der beiden Frauen vernehmen kann.

"Und welches dieser Zimmer ist das Eurige?" will er wissen und fügt gleich an: "Ich nehme an, wir können dort ebenfalls einen Blick hineinwerfen."

Leirix weist auf die linke der beiden Türen, die in den rückwärtigen Teil des Dachgeschosses führen. "Dort ist mein Zimmer", erklärt er.

"Es steht euch offen." Ist da eine Spur Müdigkeit aus Leirix' Stimme herauszuhören?

"Dann begleitet mich bitte", fordert Randirion den Schreiber freundlich auf und begibt sich zu der besagten Tür, um einzutreten.

Celissa folgt ihnen, nachdem sie mit der Kommode fertig ist.

Was auch die Donna tut.