In meiner Kammer spukt es nicht! Darauf kann ich meinen Kopf verwetten!" protestiert Leirix, als Randirion sich aufmacht die Tür zu öffnen. Er hindert den jungen Adligen aber nicht daran.

Das kleine Zimmer, das zum Wohnen und Schlafen genutzt werden kann, ist mit äußerst schlichten Möbeln ausgestattet: Bett, Schrank, Kommode, Tisch mit Stuhl. Es wird durch ein Mansardenfenster in der gegenüberliegenden Dachschräge erhellt. Auf die Wand über Leirix' Bett hat jemand ein rostrotes, etwa handtellergroßes "A" gemalt.

Randirion betritt den Raum und geht auf das Bett des Schreibers zu. Seine Hand fährt prüfend über den auffällig an die Wand gepinselten Buchstaben. Ob die Farbe noch frisch ist?

Die Farbe ist wohl Blut und ist bestimmt schon ein paar Tage auf der Wand.

"Alors, die Wette hättet Ihr wohl mitsamt Eures Kopfes verloren", bemerkt er mit leicht ironischem Unterton und schaut Leirix kurz an. "Oder wollt Ihr mir erklären, dass Ihr den Anfangsbuchstaben von Alvides Namen höchstselbst an diese Wand gepinselt habt?"

Leirix schaut zu Boden. "Ich will gar nichts erklären", sagt er gepresst.

Die Donna schaut ihn lange an, dann sagt sie: "Du solltest vielleicht langsam mal damit anfangen."

Ohne ein Wort verschränkt Leirix die Arme vor der Brust.

"Cavalliere! Donna!" Shantalia schaut die beiden Anderen an.

"Donna Shantalia hat ganz Recht" unterstützt sie Celissa. "Ob Ihr wollt oder nicht, hier ist eine Erklärung nötig." Verliebte Menschen machen ja viel, aber etwas mit Blut an die Wand zu malen, erscheint ihr doch arg seltsam.

Trotzig schaut Leirix auch Celissa an. "Was werft ihr mir vor?" will er da kurz angebunden wissen.

"Für die merkwürdigen Vorkommnisse hier verantwortlich zu sein?!"

"Pah!" Ist Leirix' einzige Antwort.

"Das kommt auf Eure Erklärung an", antwortet sie.

"Ich habe nichts zu erklären", erwidert Leirix bockig.

Ganz nah baut sich die Donna vor ihm auf, drückt Ihre Hände in Ihre Hüfte, beugt sich nah an sein Gesicht und sagt: "Nun rede hier Tacheles, oder ich verliere meine Geduld!"

Der Versuch geht nach hinten los. Leirix lacht auf. "Da bin ich gespannt", spottet er.

"Es wird Euch nichts nützen, Euch stur zu stellen", sagt Celissa streng. "Seht Ihr, es liegt ganz bei Euch, was wir Herrn Rastburger berichten."

Leirix zuckt zusammen. "Wie meinst Du das?" fragt er nach.

"Wie ich es sage", erwidert die Horasierin gereizt. "Wir werden Eurem Dienstherrn natürlich das eine - oder andere - erzählen. Und er dann sehr wahrscheinlich seiner Familie", setzt sie bedeutungsvoll hinzu.

"Nun, mir wäre es am liebsten, wenn diese Geschichte danach für alle ein gutes Ende nimmt", fährt sie fort und blickt den Schreiber abschätzig an. "Aber glaubt mir, ich würde auch keinerlei Tränen vergießen, wenn es für Euch anders kommt. Aber, wie gesagt, das hängt von Euch ab."

"Was könntet ihr denn erzählen?" will Leirix wissen. Es hat den Anschein, dass Celissa einen Trumpf ausspielen muss, wenn die das Spiel gewinnen will.

"Och." Celissa lehnt sich gegen den Türrahmen. "Dass Ihr uns ständig behindert hättet. Dass Ihr kein Interesse an einer Aufklärung der Sache zeigt. Dass Ihr ein 'A' mit Blut an die Wand gemalt habt. Vielleicht auch, dass Ihr Euch abfällig über Mademoiselle Alvide geäußert hättet. Dass Ihr, ähm, rohe sexuelle Gelüste ihr gegenüber gezeigt hättet."

Leirix atmet scharf ein.

Sie lässt das kurz wirken und fährt im selben eher gleichgültigen Tonfall fort: "Oder aber, dass alles hier nur irgendein Unglück war. Dass Ihr stets hilfreich wart, ein Muster an Elan, Kreativität und so. Ein wahrhaft wertvoller Gefährte. Ein regelrechter Held."

Sie lächelt leicht, siegesgewiss. "Na, was ist Euch lieber?"

Pause. Leirix scheint krampfhaft zu überlegen. "Aber dann ist der Spuk hier nicht erklärt", platzt er dann heraus.

"Correct", wirft der Cavalliere nun ein. "Wir haben unsere enquêtes auch noch nicht abgeschlossen. Wenn Ihr erlaubt?" Ohne auf eine Antwort des Schreibers zu warten beginnt Randirion, die Einrichtung des Zimmers zu untersuchen, als erstes nimmt er sich das Bett vor, unter dessen Kissen, Decken und Matratze er zu suchen beginnt. Da die Profession des Bewohners und Verdächtigen die eines Schreibers ist, besteht immerhin die Möglichkeit, hier etwas Schriftliches zu finden, eine Notiz oder gar ein Tagebuch …

Auffälligste Dinge in Leirix' Besitz sind ein Anzug aus dunkelblauem Samt mit Hermelinbesatz an Ärmeln und Kragen und ein schwerer Siegelring aus massivem Gold. Außerdem steht im Schrank ein Degen mit sehr sauber gearbeiteter Klinge. Etwas informatives schriftliches entdeckt Randirion nicht, Tagebücher werden auch eher selten von erwachsenen Männern geführt. Und dass Unholde ihre bösen Taten minutiös aufschreiben, das gibt es nur in den Schauerromanen, die in letzter Zeit so populär in der horasischen Damenwelt geworden sind.

Auch wenn dem Cavalliere diese Gedanken durch den Kopf zu gehen scheinen, muss er zugeben, Leirix nicht für einen Unhold, sondern eher für einen verkannten Liebhaber zu halten, der verzweifelte Versuche unternimmt, für seine Liebste interessant zu werden oder die bevorstehende Vermählung mit dem Konkurrenten zu verhindern. Doch wie eine Verbindung zu den, den Spuk auslösenden, Kobolden zu ziehen ist, erschließt sich ihm noch nicht, nur der Verdacht erhärtet sich für ihn, dass der Schreiber hinter der ganzen Sache steckt, auch wenn der Beweis bisher zu fehlen scheint.

"Es war ein Poltergeist, den wir ausgetrieben haben."

"Dann müsstet ihr aber gewährleisten, dass er nicht wiederkommt." Ein fast höhnisches Lächeln umspielt Leirix' Lippen.

"Kommt Ihr etwa wieder?"

Das Lächeln verfestigt sich. "Wer weiß?"

"Eins nach dem anderen", meint Celissa. "Jetzt erzählt Ihr erst einmal, was Ihr genau mit der ganzen Geschichte zu tun habt. Und dann kümmern wir uns um die Geister. Oder Kobolde."

Leirix verschränkt die Arme. "Nö!" Sein Widerstand ist noch nicht gebrochen.

Randirion nimmt den Siegelring und schaut ihn sich näher an, denn möglicherweise ist ihm das Siegel bekannt, während er den Schreiber fragt: "Eure Garderobe erscheint mir von ausgesuchter Qualität. Entweder ist Monsieur Rastburger sehr großzügig bei Eurer Entlohnung …", er hebt den Blick und mustert Leirix aufmerksam, während er auf den Samtanzug und den Degen weist, "… oder Ihr seid von anderer Herkunft als Ihr vorgebt."

Leirix macht eine abfällige Handbewegung. "Ach, die Sachen hat mir ein früherer Dienstherr geschenkt, und einem geschenkten Gaul …"

"Gut, wie Ihr wollt." Celissa wendet sich ab und geht. Falls Leirix glauben sollte, dass ihre Drohung eines ungünstigen Berichts bei Herrn Rastburger nur ein Bluff war, wird er sich bald wundern.

Es ist der Donna anzusehen, wie ihr langsam aber sicher der Kragen platzt, dann schießt es laut aus Ihr heraus: "Da, wo ich herkomme, haben wir den Angeklagten erst die Veteranenhand im Bauch umgedreht und dann die Fragen gestellt! In Al'Anfa hättest Du schon längst geredet, Bürschchen, es wird wohl Zeit, dass ich meine Methoden ändere!"

Leirix betrachtet die Donna mit einem Lächeln. "Ein bisschen Farbe im Gesicht steht Dir gut!" bemerkt er dann.

Die Donna versucht ihm aus dem Handgelenk eine Ohrfeige zu geben.

Huch, Leirix war wohl doch etwas weiter weg, als Shantalia geschätzt hat, ihr Schlag geht ins Leere.

Da Randirion die Kinderstube der Domna bereits kennt, wundert er sich nicht groß über ihre Tätlichkeiten und Äußerungen. Er räuspert sich nur vernehmlich.

Zweifelnd schaut der junge Adlige den Schreiber an. "Es ist ungewöhnlich, einen Siegelring zu verschenken, findet Ihr nicht?" hakt er nach.

"Wie ich andeutete, man schaut ihm nichts ins Maul." Leirix entspannt sich langsam, so wie sich Randirion als Jugendlicher entspannte, wenn ihm sein Vater fast auf die Schliche gekommen war, aber eben nur fast.

Man sieht Randirions Gesichtsausdruck an, dass die Aussagen des Schreibers ihn nicht überzeugen können. An seine Begleiterinnen gewandt, fragt er diese: "Ich war bei der Inspektion des Zimmers der jungen Mademoiselle Doride nicht in dem Raum. Habt Ihr Euch dort wirklich gründlich umgesehen? Nicht, dass wir dort etwas wichtiges übersehen haben …"

"Also wirklich gründlich habe ich es nicht durchsucht."

"Dann sollten wir das jetzt nachholen", schlägt der Cavalliere vor.

"Gehen wir in das Zimmer zurück und sehen uns noch gründlich dort um. Auch sollten wir nachsehen, wohin sich Celissa begeben hat."

"Egal!" Leirix bleibt in seinem Zimmer.

"Ihr werdet uns begleiten, Monsieur!" beharrt Randirion, der den Schreiber mit Sicherheit nicht hier zurücklassen wird.

"Ja, ja. Ich komme ja schon." Scheinbar ergeben folgt Leirix Shantalia und Randirion.

Randirion bildet den Abschluss der Gruppe und schaut sich im Gang suchend nach Celissa um. Sein Rapier hält er einsatzbereit in der Hand.

Seine Freundin ist offensichtlich schon wieder die Treppe hinab auf den Weg in den Keller, denn den wollte sie sich ja noch einmal genau ansehen.

Celissa ist nicht mehr zu sehen, als die drei wieder im Obergeschoss ankommen.

"Wo mag sie hingegangen sein?" In Randirions Stimme schwingt eine nicht unbegründete Sorge mit, als er feststellt, dass Celissa anscheinend auf eigene Tour losgezogen ist. "Wir sollten uns beeilen, nun Dorides Zimmer zu durchsuchen. Ich hätte gerne noch gewusst, ob Mademoiselle, wie es bei jungen Damen des öfteren üblich ist, möglicherweise ihre Eindrücke von dem unheimlichen Geschehen hier dem geduldigen Pergament anvertraut hat.

Dann machen wir uns unverzüglich auf die Suche nach der Signorina."

"Lasst uns nach Celissa suchen." fordert die Donna den Cavalliere auf.

"Sobald wir Dorides Zimmer durchsucht haben", beharrt der junge Adlige auf seiner Vorgehensweise. "Signorina Celissa wird selber auf sich achten, wir werden uns nicht lange aufhalten. Geht voran, Monsieur Leirix", fordert er den Schreiber auf.

Leirix geht bis zur Eingangstür von Dorides Zimmer. Er öffnet die Tür und macht spöttisch eine Dienstbotenverbeugung: "Bitte sehr!"

"Du zuerst!" fordert ihn die Donna auf.

Leirix zuckt die Achseln und geht in Dorides Zimmer. "Und nun?" fragt er.

"Spart Euch Euren Spott und stellt Euch dort hin", befiehlt ihm der Cavalliere in scharfem Ton und weist ihn an, in die der Eingangstür entfernteste Ecke zu gehen. Dann schaut er sich die Einrichtung des Zimmers, das er bisher noch nicht betreten hat, genauer an.

Das Grinsen weicht Leirix nicht von den Lippen, als er sich in die befohlene Ecke stellt.

Außer dem Bett enthält das Zimmer zwei kleine Sessel, einen Stuhl, über dessen Lehne ein Sattel geworfen ist, eine Kommode und einen schmalen Kleiderschrank. Als Randirion die Schubladen der Kommode aufzieht und nachschaut, ob da irgend etwas zwischen der Wäsche zu finden ist, entdeckt er zwischen rosafarbenen Leibchen tatsächlich ein kleines, in grünes Leder gebundenes Buch. Oben auf der ersten Seite des Buches steht in sorgfältig gemalten Buchstaben der Schriftzug Mein Tagebuch.

Die Donna hält in der Zeit Leirix fest im Blick.

Der schaut sich scheinbar entspannt die Wände an.

"Sieh an", bemerkt Randirion mehr zu sich selbst, schlägt das Büchlein auf und beginnt darin zu lesen.

Seltsam, die Seiten sind leer. Andererseits ist das Büchlein bestimmt schon öfter benutzt worden. Nur im hinteren Drittel liegen die Seiten fest aufeinander.

Der junge Adlige lässt sich sein Erstaunen nicht anmerken, als er die leeren Seiten sieht. Möglicherweise hat die Mademoiselle ja mit Geheimtinte geschrieben. Die fest aufeinanderliegenden Seiten schaut er sich nun genauer an.

Die sehen völlig unbenutzt aus, wie frisch gebunden. Im ersten Teil des Buches gibt es immer wieder kleine Eselsohren, und die Seiten sind ganz leicht wellig.

Diese Erkenntnisse bestärken den Cavalliere darin, dass auf den Seiten schriftliches niedergelegt wurde. Er zeigt das Büchlein Shantalia. "Auch wenn im Moment noch nichts zu lesen ist, weist doch alles darauf hin, dass die vorderen Seiten mit Inhalten gefüllt sind", lässt er sie wissen. "Wenn wir Celissa gefunden haben, schauen wir uns dieses Schriftstück näher an." Er steckt das Büchlein weg, schließt die Schublade und schaut sich noch den schmalen Kleiderschrank näher an, wenn in der Kommode nichts weiter zu finden ist.

Das Büchlein ist der einzige interessante Gegenstand.

"Was steckst Du denn da ein", will Leirix beiläufig wissen.

"Ich kann mich nicht entsinnen, Euch Vertraulichkeit angeboten zu haben, so bedient Euch bitte der höflichen Anrede", tadelt der junge Adlige den dreisten Schreiber mit hochgezogenen Augenbrauen.

Leirix schnaubt nur belustigt.

Was von dem jungen Adligen mit Missbilligung zur Kenntnis genommen wird.

"Alors! Weiter nun, wir sollten nach Signorina Celissa sehen. Geht bitte vor, Domna, und Ihr bleibt zwischen uns, Monsieur", fordert er die beiden zum Aufbruch auf.