Gerade als Randirion mit Leirix und Shantalia die Treppe zum Erdgeschoss hinunter geht, kommt ihnen Celissa entgegen.

Verdutzt bleibt die Donna stehen. "Gerade wollten wir zu Dir, hast Du etwas gefunden?"

"Nein. Und ihr?"

"Wir glauben, dass der ganze Spuk mit ihm," die Donna nickt kurz in Richtung des Angestellten, "zu tun hat."

"Ach", macht Celissa wenig überrascht.

Leirix lehnt sich nur amüsiert mit verschränkten Armen gegen die Wand.

"Wir sind noch ein weiteres Mal in Mademoiselle Dorides Zimmer gewesen", berichtet der junge Adlige seiner Freundin, während er, das Rapier in der Hand, den Schreiber aufmerksam beobachtet und bereit ist, diesen mit der Klinge in Schach zu halten. "Dort haben wir etwas entdeckt, das einer genaueren Untersuchung bedarf. Ein Schriftstück, dessen verborgener Inhalt noch zu offenbaren wäre. Kennt Ihr Euch mit Geheimschriften aus, Celissa?"

"Leider nicht", muss diese zugeben. "Es ist also verschlüsselt?" fragt sie dennoch interessiert.

"Im Moment ist es noch unlesbar", beantwortet Randirion Celissas Frage und tritt an sie heran. "Doch alle Anzeichen weisen darauf hin, dass etwas niedergeschrieben wurde. Seht es Euch an." Er zieht mit der linken Hand das Tagebuch aus seiner Kleidung und reicht es ihr hin, dabei lässt er Leirix nicht aus den Augen.

Der tut völlig uninteressiert.

"Da steht ja gar nichts drin!" sagt Celissa überrascht, als sie das Buch durchblättert, aber dann kapiert sie. "Ach so, Ihr meint, die Schrift ist irgendwie unsichtbar … hmm. Eine magische Begabung hat die junge Dame nicht, oder?"

Randirion zuckt mit den Schultern. "Das sollten wir die Mademoiselle fragen."

"Naja." Mit der Antwort ist Celissa nicht wirklich zufrieden. "Vielleicht ist es auch einfacher, und man muss die Seiten nur warm machen oder anfeuchten oder so etwas."

Sie probiert das gleich aus, indem sie das aufgeschlagene Buch vorsichtig nahe an die Lampe hält.

"Eine gute Idee", lobt der Cavalliere die Idee seiner Gefährtin, lässt aber trotz seiner Neugierde auf das Ergebnis ihres Versuchs den Schreiber keine Sekunde aus den Augen.

Der schaut interessiert zu.

Es ist wirklich die älteste Art und Weise, eine unsichtbare Schrift herzustellen und anschließend wieder sichtbar zu machen, jedes Kind, dass nur ein wenig lesen und schreiben gelernt hat, hat davon gehört: das Schreiben mit Essig oder Zitronensaft.

Es entstehen sichtbare Buchstaben, eine Mädchenschrift. Das Wort 'Pferd' ist deutlich lesbar.

"Es funktioniert!" freut sich Celissa. Sie blättert zur letzten benutzt aussehenden Seite und erwärmt diese, bis sie lesbar ist.

Bingo! Der letzte Eintrag des Tagebuches lautet: "Alvide heiratet jetzt doch nicht Leirix, sondern den doofen Berthol Heff-Bennain, der die schlechten Theaterstücke schreibt und ein entfernter Neffe unseres Fürsten ist."

Interessiert sieht Celissa nach, ob direkt danach oder etwas davor noch mehr darüber zu lesen ist - etwa, warum Alvide jetzt Berthol heiraten soll und vor allem, ob Leirix formal mit ihr verlobt war oder sich Doride mit diesem Eintrag nur auf die Gefühle des Schreibers bezogen hat.

Erst danach wird sie ihre neuen Erkenntnisse bekannt geben.

Das war der letzte Eintrag. Alles auf dieser Seite über dem interessanten Eintrag bezieht sich auf Dorides Pferd. Flöckchen heißt es.

"So so, Ihr wart also mit Alvide verlobt", spricht Celissa daraufhin den Schreiber an. Sie geht einfach mal das Risiko ein, dass ihre Vermutung falsch sein könnte, denn es geht ihr sowieso mehr darum, Leirix noch einmal unter Druck zu setzen.

Celissas Äußerung lässt Randirion eine Augenbraue hochziehen, überrascht ist er nicht wirklich. In Erwartung einer heftigen Reaktion des Schreibers spannt er sich an und positioniert sich so, dass er diesen an einer plötzlichen Flucht hindern kann.

Leirix entgleisen die Gesichtszüge: "W…wie kommst Du darauf? Hat Doride?"

"Genau, hat sie", bestätigt Celissa ihm ruhig. "Warum hast du uns das verschwiegen?"

Sie sieht keinen Grund mehr für ein 'Ihr', wenn Leirix sich auch ständig unhöflich benimmt.

"Weil es euch nichts angeht", entgegnet Leirix beherrscht.

"Uns nicht …" sagt die Donna gedehnt.

"So?" fragt Celissa zurück. "Da wäre ich nicht so sicher. Alvide war also erst dir versprochen, dann hat sie sich anders entschieden (warum wohl?) und gleich darauf tauchen hier zwei Kobolde auf, die alle verjagen. Und das soll wohl Zufall sein? Du weißt doch mehr!"

Bisher war Celissa davon ausgegangen, dass die Kobolde aus eigenem Antrieb kamen, weil dieses Kleid nicht angemessen bezahlt wurde. Das kann auch immer noch sein; vielleicht hat Alvide es in Auftrag gegeben, nachdem sie sich in Berthol verliebt hat. Aber vielleicht war es ja auch doch anders; vielleicht verrät Leirix etwas, wenn man nur genug bohrt.

"Alles Spekulation", versucht Leirix abzuwiegeln. "Wenn ihr damit zu Rastburger geht, wird er euch fragen, ob ihr etwas Neues herausgekriegt ab."

Celissa runzelt die Stirn. Das ist nicht die Antwort eines Unschuldigen.

"DANN brauchst Du ja keine Angst haben und WIR können gehen." sagt die Donna.

"Natürlich." entgegnet Leirix lächelnd.

"Na dann los", meint Celissa. "Sobald uns Alvide gesagt hat, woher sie dieses Kleid hat, wird sich alles aufklären."

"Das hat sie von mir, und das ist auch kein Geheimnis. Was soll das aufklären?" wundert sich Leirix.

Von dieser Enthüllung wird Celissa dann doch überrascht. "Aha!" ruft sie aus und wendet sich wieder voll dem Schreiber zu. "Noch etwas, was du uns bisher verschwiegen hattet. Mit gutem Grund, denke ich, aber jetzt hast du dich verraten", erklärt sie triumphierend. "Das Kleid wurde von Kobolden hergestellt. Wenn es von dir kommt, hattest du also Kontakt mit Kobolden. Und der 'Spuk' hier wird auch von Kobolden verursacht, wie wir herausgefunden haben. Also bist du schuld an der ganzen Sache!"

Stolz auf ihre Logik wartet sie auf Leirix' Reaktion.

"Es sollte Beweis genug sein", kommentiert Randirion die Schlussfolgerungen seiner Freundin.

"Das Kleid hab' ich von einem Händler aus Brabak gekauft", behauptet Leirix. "Ich weiß gar nicht, was ihr wollt."

"Und das kannst du bestimmt beweisen, oder?" fragt Celissa spöttisch.

"Ich muss hier nix beweisen", verteidigt sich Leirix.

"So?" macht Celissa im gleichen Tonfall. "Mal sehen, ob Herr Rastburger da der gleichen Meinung ist. Vor allem wenn wir ihm noch den Rest über dich erzählt haben. Oder hast du das schon vergessen?"

Leirix zuckt die Achseln. "Macht doch, was ihr wollt." Wenn Leirix wirklich der Übeltäter ist, dann hat er eiserne Nerven.

"Werden wir", versichert ihm Celissa. Sie fragt sich, warum diese Drohung nun schon das zweite Mal nicht funktioniert. Hat Leirix irgendetwas gegen Rastburger in der Hand? Das wäre nicht unmöglich; wenn der Kaufmann zum Beispiel Steuern hinterzieht, könnte sein Schreiber davon wissen. Andererseits, zu stark kann das Druckmittel auch nicht sein, sonst könnte Leirix dadurch Alvides Hand gewinnen.

"Und dann wird Herr Rastburger dich rausschmeißen und Alvide wird dich verfluchen", fährt sie fort. "Aber wie ich schon einmal sagte, daran bist du mit deiner verstockten Haltung ja dann selber schuld."

Ein leichtes Gefühl von Trauer überzieht Leirix' Gesicht. "Wenn Alvide mich verflucht, was soll's. Sie hat den anderen vorgezogen. Und Herr Rastburger hat mich trotz der aufgelösten Verlobung in seinen Diensten behalten."

Celissa verdreht die Augen. Wie kann man nur so begriffsstutzig sein?

"Na schön, wenn du Alvide sowieso aufgegeben hast und es dir egal ist, wo du arbeitest, meinetwegen. Dann kann ich dir eben auch nicht helfen."

Sie wendet sich an die anderen. "Gehen wir?"

"Ja." ist die knappe Antwort der Donna.

Randirion will schon zustimmen, als der Schreiber einlenkt.

"Halt!" Leirix hebt plötzlich die Hand. In bittendem Tonfall fährt er fort. "Hättet ihr denn eine Idee, wie ich Alvide wieder gewinnen kann?"

"Tja." Abschätzend sieht Celissa ihn an. "Ich kenne sie ja nicht, aber dieser Berthol scheint mir doch eher ein Langweiler zu sein. Also wenn du von hier als mutiger Held zurück gekommen wärst, der dem Spuk - mit ein bisschen Hilfe von uns - ein Ende bereitet hat, wäre das bestimmt ein guter Anfang gewesen. Aber du willst ja nicht."

"Meinst Du wirklich, dass das reicht?" Leirix ist nicht wirklich überzeugt.

"Nein", antwortet ihm Celissa offen. "Ich meine, es wäre ein guter Anfang. Es würde ihr Interesse erneuern und sie würde sich fragen, ob sie sich richtig entschieden hat. Es läge dann bei dir, diese Chance zu nutzen."

"Was könnte ich denn noch tun?" will Leirix wissen. Er schaut Celissa und die anderen beiden hoffnungsvoll an.

Randirion mustert den Schreiber eingehend von Kopf bis Fuß, dabei denkt er an die luxuriösen Bekleidungsstücke samt Degen in Leirixs Zimmer, und an seine angespannte Haltung, als er nach deren Herkunft fragte.

Jetzt ist er in einen einfachen, aber sauberen Schreiberkittel gekleidet.

Celissa seufzt innerlich. Soll sie ihm jetzt auch noch beibringen, wie man ein Mädchen umwirbt, damit er gesprächiger wird?

"Das kann ich schlecht sagen, ohne sie zu kennen", versucht sie Leirix hinzuhalten. "Hör ihr zu. Bring sie zum Lachen. Mach ihr kleine Geschenke. Teile ihre Interessen. So was eben." Sie sieht kurz zu Randirion.

Dieser schmunzelt und zwinkert seiner Herzdame zu. "C'est ça!" bestätigt der Cavalliere Celissas Vorschläge. "Salopp gesprochen, werft Euch in Schale und geht mit Eurer Verehrtesten aus, führt sie zum Essen, zum Tanzen, ins Theater, arrangiert kleine Ausflüge par deux … kurz, macht Ihr den Hof und zeigt Euch von Euren besten Seiten. Ihr habt die Voraussetzung dazu." Bedeutungsvoll schaut er den Schreiber an. "Doch unterbindet diesen Spuk hier in dem Haus, denn so treibt Ihr sie nur von Euch fort und die Arme des concurrent."

"Und habe den richtigen Namen. Alles andere habe ich schon gemacht." Leirix setzt sich auf die Treppenstufe und rauft sich die Haare.

Randirion runzelt die Stirn. "Was ist so falsch an Eurem Namen?" will er wissen. "Woher stammt Ihr?"

"In meinem Namen ist kein Bennain", seufzt Leirix.

"Ist das nötig?" fragt Randirion weiter. "Wenn Ihr Euch jetzt als Held erweist, ist Euer Name, den Ihr uns bisher vorenthalten habt, so gut wie der eines Bennain. Doch beantwortet mir doch meine Frage nach Eurer Herkunft, wenn Ihr so freundlich sein wollt."

"Einheiraten in eine Adelsfamilie scheint ihr größtes Ziel zu sein, und ihr Vater, mein Arbeitgeber fördert es sogar." Jetzt stehen Tränen in Leirix' Augen. "Ich komme aus Weiden."

"Ach was", meint Celissa. "Das mag das Ziel ihres Vaters sein, aber Alvide kannst du bestimmt überzeugen, dass das nicht so wichtig ist wie andere Dinge. Oder dass du sogar selbst einmal geadelt wirst. Bei Helden ist das gar nicht so ungewöhnlich, frag nur Cavalliere Randirion."

Sie ist kurz in Versuchung, noch hinzuzufügen, dass man beim Fürsten ein gutes Wort für Leirix einlegen könne, findet das dann aber zu dick aufgetragen.

"Was kann ich denn noch machen, um sie zu überzeugen?" fragt Leirix hoffnungsvoll nach.

Jetzt sieht Celissa ein bisschen ratlos zurück. Genau die gleiche Frage hat er gerade eben schon gestellt, und Randirion und sie selbst haben sie beantwortet.

"Ob Madame Engstrand helfen könnte?"

"Warum sollte sie es sich mit dem Fürstenhaus verderben wollen?" fragt Leirix verwundert zurück.

"Wieso verderben, intervenieren." antwortet die Donna mit einem Lächeln.

"Hä?" Leirix scheint Shantalia nicht zu verstehen.

"Wir sind mit Madame Engstrand befreundet, und sie hat viel Einfluss."

"Mehr als der Fürst?" fragt Leirix nach.

Randirion macht eine nachdenkliche Miene. Bisher hat Leirix zwar sein Geburtsland genannt, jedoch noch nicht seinen vollen Namen, ebenso wenig seine Herkunft und den Stand seiner Eltern. Sobald Shantalia seine Frage beantwortet hat, wird er da noch einmal nachhaken, denn irgendwie nimmt er dem Schreiber die Geschichte mit dem spendablen Arbeitgeber nicht so ganz ab.

"Sie hat Einfluss auf den Fürsten", behauptet Celissa.

Kurz nickt die Donna ihr zu.

"Und sie würde für mich, Einfluss auf den Fürsten nehmen?" Ungläubig schüttelt Leirix den Kopf.

"Wenn Du ehrlich zu uns bist, und wir sie bitten, ja."

Leirix schüttelt stärker den Kopf. "Das glaube ich euch nicht, aber das ist ja auch egal. Ich glaube es ist Zeit, dass ich weiterziehe."

Shantalias Kopf wird langsam aber sicher puterrot, dann zischt sie hervor: "Ich glaube, es ist Zeit, dass Du ein Mann wirst! Bei uns im Süden würde ein Mann nicht lange warten, seiner Dame des Herzens die Aufwartung zu machen, er würde um sie kämpfen! Was bist Du für ein Weichei, dass Du bei den kleinsten Komplikationen wegläufst! Kein Wunder, dass sie Dich nicht will! Mann!!! Fass Dir ein Herz, sprich sie noch mal an, wir HELFEN Dir!"

Leirix zuckt zusammen, zieht den Kopf ein und die Schultern hoch. "Aber Liebe soll doch Freude machen!" jammert er.

Celissa hat jetzt genug, ihre Geduld ist am Ende. Mit Leirix ist offensichtlich nichts anzufangen, sein Selbstmitleid viel zu groß. Bleibt noch die Chance, dass er unter Druck sein Schweigen bricht …

"Wer um seine Frau nicht kämpfen will, hat sie auch nicht verdient", erklärt sie kategorisch und tritt dicht an den Schreiber heran. "Aber du wirst uns jetzt trotzdem sagen, was es mit den Kobolden auf sich hat. So oder so."

"Das sind meine Freunde", kommt es von Leirix. "Manchmal kommen sie, wenn ich sie rufe. Ach war das schön!" Seine Augen gehen unbestimmt in weite Ferne.

'Endlich erzählt er etwas!' freut sich Celissa, dann fragt Randirion schon nach.

"Was meint Ihr damit, Monsieur?" fragt Randirion nach. "Was war schön?"

Ein versonnenes Lächeln überzieht Leirix' Gesicht. "Meine Kindheit."

Blitzschnell wechselt sein Ausdruck von Freude zu Melancholie. "Bis ich gehen musste"

"Erzählt uns mehr darüber", hakt der Cavalliere schnell nach. "Wer waren Eure Eltern und wie lautet Euer Familienname? Und wie seid Ihr an die Freundschaft mit den Kobolden gelangt"

"Meine Geburtseltern kenne ich nicht", fängt Leirix an zu erzählen. "Meine Zieheltern waren Kobolde. Das war lustig. Ihre Namen darf ich euch natürlich nicht verraten." Er grinst breit.

Bei dieser Enthüllung bleibt Celissa erst einmal der Mund offen stehen. Das gibt es doch nicht! Kobolde als Zieheltern?

Sinnierend betrachtet der junge Adlige den Schreiber. "Aus uns bereits bekannten Gründen", bemerkt er trocken und mustert den Mann. "Alors, etwas ungewöhnlich, von Kobolden groß gezogen zu werden, würde ich meinen. Sind Eure Eltern verstorben und Ihr hatte keine Verwandten, die sich Euer annehmen konnten? Oder seid Ihr bei einer Reise verloren gegangen? Ihr seid doch von bürgerlichem Stand, nehme ich an?"

"Meinen Stand kenne ich nicht", erklärt Leirix weiter. Es scheint so, als ob in ihm ein Damm gebrochen ist. "Kobolde tauschen manchmal ihre eigenen Kinder und mit Menschenkindern aus. Es gibt nicht viele von uns."

"Dann haben irgendwo Menschen ein Koboldkind aufgezogen?" fragt Celissa etwas ungläubig.

"Ha!" Leirix prustet los. "Das war bestimmt lustig. Wechselbalg heißt es, glaube ich."

"Hmm." Celissa glaubt sich erinnern zu können, dass die Bauern Angst vor so etwas haben, aber dass sie echt nicht merken sollen, dass ihr Kind ein Kobold ist? Naja.

"Wie kann man denn nun die Kobolde dazu bringen, dass sie wieder gehen?" kehrt sie zurück zu wichtigeren Dingen.

"Das habe ich schon getan", antwortet Leirix schlicht.

"Ach was", macht Celissa verdutzt.

Aber eigentlich hat Leirix recht. Die Kobolde sind nicht mehr in der Küche, da war Celissa ja gerade eben erst.

"Und wo habt Ihr sie hingeschickt?" will Randirion nun wissen. "Sie werden doch sicher in Eurer Nähe bleiben, oder?"

"Wer weiß schon, wo Kobolde wohnen." Leirix' Augen bekommen wieder einen sehnsüchtigen Glanz. "Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht hier."

"Nun, man hätte annehmen können, Ihr wüsstet es, seid Ihr doch von ihnen großgezogen worden", erwidert der Cavalliere höflich. "Hat man für Euch keine Erinnerungsstücke an Eure Familie mitgenommen? Hinweise, woher Ihr stammen könntet?"

Leirix seufzt ganz tief. "Das ist nicht erklärbar. Es gibt für mich keinen Weg zurück. Ich weiß, wie Kobolde sind, aber nicht wo."

"Tja, jedenfalls scheint das Problem mit dem 'Spuk' dann gelöst zu sein", stellt Celissa fest. "Wollen wir zurück zu Herrn Rastburger und ihm die freudige Nachricht überbringen?"

"Is gut." Leirix steht auf. "Eine Bitte hätte ich noch." Er streckt die Hand aus. "Das Tagebuch der Jungfer Doride. Dann garantierte ich, dass es ruhig bleibt."

'Dafür wird schon jemand anders garantieren', denkt sich Celissa. Laut sagt sie: "Doride ist ihr Tagebuch bestimmt wichtig. Sie wird es zurück haben wollen."

"Dann ist es wohl am besten, wenn es wieder da liegt, wo es vorhin war", schlägt Leirix vor.

"Stimmt", räumt Celissa ein, der so ein Vorgehen auch intuitiv gefällt. "Randirion, wollt Ihr das Buch zurück bringen?"

"Nachdem wir es uns eingehender angesehen haben, Monsieur", beharrt Randirion misstrauisch. "Euer Verhalten bezüglich des Tagebuchs ist auffällig. Was erwartet Ihr darin geschrieben zu finden, dass Ihr verbergen wollt?"

Leirix bekommt rote Ohren. "Ähm, es könnte drin stehen, was ich noch kann, Baureden und so. Es ist unser Geheimnis, und sie würde es niemand sagen."

Nachdenklich betrachtet der junge Adlige den verlegen wirkenden Schreiber. "Alors, wenn dem so ist …" er schaut die Horasierin kurz an und streckt die Hand aus, "Ja, Celissa, ich werde das Buch zurückbringen. Und bei der Gelegenheit …", er wendet sich wieder an den Schreiber, "solltet Ihr Euch noch mal Gedanken über die herrschaftliche Bekleidung samt Degen und Siegelring machen, die dieser wohlwollende Dienstherr Euch überlassen hat und uns auch darüber reinen Wein einschenken."

Celissa gibt ihm das Buch.

"Kann man sich den gar nichts nettes mehr kaufen in dieser Welt?" entfährt es Leirix.

Randirion zieht die Augenbrauen hoch. "Aha, also habt Ihr sie doch nicht geschenkt bekommen? Warum sagt Ihr das nicht gleich? Gekauft also, hmm, einen Siegelring angeboten zu bekommen und käuflich erwerben zu können ist gewiss nicht alltäglich. Doch sei es, ich hatte ja den Verdacht, Ihr hättet diese Gegenstände als Erbe Eurer leiblichen Eltern erhalten, was einen Hinweis auf Eurer Herkunft hätte geben können."

"Tja …" Leirix hält Randirions Fragen offenbar für rhetorische.

"Hmm …, wie wird es wirken, wenn wir sagen, dass Du den Spuk beendet hast?"

Leirix' Miene hellt sich bei der Bemerkung der bislang schweigsamen Shantalia auf. "Könnte das bei Alvide …?"

"Klar", versichert ihm Celissa, obwohl sie keineswegs vor hat, Leirix irgendwie als Held darzustellen - ganz im Gegenteil.

"Und wenn ich mich noch umziehe?" hakt Leirix nach.

"Nur zu."

"Ich bin dann gleich zurück." Leirix steht auf, um nach oben zu seinem Zimmer zu gehen.

Randirion folgt ihm, will er doch eh das Tagebuch wieder in Dorides Zimmer bringen. Er wartet vorerst, bis der Schreiber sein Zimmer wieder verlassen hat und sich nach unten zu seinen Begleiterinnen begibt.

Leirix sieht richtig … flott aus. Das ist das Wort, welches Randirion bei seinem Anblick in den Sinn kommt. Der schlank geschnittene grüne Anzug kontrastiert in hervorragender Weise mit Leirix' kupferroten Haaren. Mit dem Degen an der Seite könnte er auch als horasischer Edelmann durchgehen.

"Na, wie sehe ich aus?" fragt Leirix fröhlich lachend.

"Formidable!" kann Randirion nur bestätigen. "Als ob Ihr in diese Kleidung geboren wäret …" Er lächelt schief und neigt den Kopf. "Excusez-moi, ich bringe schnell noch das Tagebuch zurück", spricht er und beeilt sich, Dorides Eigentum zurück auf seinen Platz zu legen, bevor er sich wieder zu Leirix gesellt und diesen nach unten begleitet.

Celissa nickt anerkennend, als sie Leirix' neue Kleidung sieht. 'Das hätte er sich früher überlegen sollen, jetzt hilft ihm das auch nicht mehr', denkt sie sich.