Als die kleine Gruppe wohlbehalten und offensichtlich entspannt das Haus verlässt, brandet in der vor der Tür wartenden Menge Beifall auf.

Celissa winkt der Menge zu.

An ihrer Seite hebt der Cavalliere huldvoll grüßend die Hand und lächelt der Menge würdevoll zu.

Die Donna verneigt sich würdevoll

Rufe sind zu hören: "Wie ist es drinnen? Hab ihr Geister gesehen?"

"Es ist wieder alles in Ordnung!" ruft Celissa der Menge zu, bleibt aber nicht für längere Diskussionen und Erzählungen stehen, sondern schlägt den Weg zu ihrem Auftraggeber ein.

Dies ist ganz in Randirions Sinne und so bahnen sie sich einen Weg durch die zur Seite tretenden Menge.

Der hat auch am Rand der Menge gewartet und führt die Helden in das nächste Gasthaus, wo er ein Seitenzimmer in Beschlag nimmt.

"Erzählt!" bittet er begierig, als die Gruppe unter sich ist. "Habt ihr das Problem gelöst?"

"Nicht wir, er!" Mit diesen Worten deutet die Donna auf Leirix. "Erzähl!"

Rastburger schaut erstaunt zu Leirix: "Du???"

Der zuckt die Achseln. "Kobolde waren es. Sie haben das Haus unsicher gemacht. Als wir uns nicht vertreiben haben lassen, waren sie auf einmal weg."

"Aber der Mantikor ....?" bricht es aus Rastburger heraus.

"Es gibt keinen Mantikor", erwidert Randirion. "Zumindest ist uns keiner begegnet. Scheinbar waren das alles nur Illusionen, durch die Kobolde hervorgerufen, die es wohl ein wenig in Eurem Hause spuken lassen wollten. Euer Mann, Monsieur Leirix, blieb beharrlich und so zeigten sie wohl ein Einsehen und verschwanden, spurlos." Die Unwahrheit zu sagen, liegt dem Cavalliere nicht, daher versucht er, seine Aussagen unverbindlich zu halten.

Celissa ist erstaunt, dass ihre Gefährten jetzt tatsächlich Leirix als den Sieger darstellen wollen. Er war doch nicht einmal auf diesen Handel eingegangen … bevor sie aber etwas dazu sagen kann, lenkt sie Rastburgers Aufregung ab.

"Aber das Picknick, Alvide …" Rastburger lässt sich gar nicht beruhigen.

"Was ist mit Mademoiselle Alvide?" hakt Randirion beunruhigt nach. "Und von welchem Picknick sprecht Ihr?"

Rastburger sackt in sich zusammen. Mit schwacher Stimme fängt er an: "Es gibt noch eine Vorgeschichte. Das Verhängnis begann auf einem Picknick, das ich für meine Familie vor Havenas Toren veranstaltete. Während die wir in der Sonne dösten, trat plötzlich eine schier unbeschreibliche Kreatur aus dem Wald: ein Löwe mit dem Kopf eines Menschen und dem giftstacheligen Schwanz eines Skorpions. Wir sind natürlich schreiend auseinander gestoben, nur Alvide blieb am Picknickkorb zurück. Mit den Worten: 'Geliebtes Wesen, endlich begegne ich dir!' warf sie sich dem Mantikor - denn um ein solches Ungeheuer handelte es sich - an die Brust. Dieser legte eine Vorderpfote um Alvides Schultern und führte sie in den Wald.

Ich fürchtete schon, meine Tochter niemals wiederzusehen, doch nur wenig später tauchte sie wieder auf. Sie berichtete, das 'wunderschöne Wesen' habe sie überraschend verlassen müssen, aber versprochen, sie recht bald in ihrem Hause zu besuchen. Wir traten dann natürlich eilig den Rückmarsch nach Havena an. Daheim erwartete uns eine neue Überraschung: Die steinernen Stufen vor der Haustür ächzten wie verlorene Seelen, als mein Fuß sie betrat. Die Fensterläden klapperten - an einem windstillen Tag! - wie wild, und aus einem Fenster im ersten Stock schaute die hässliche Fratze des Mantikors auf die Straße hinab. 'Geliebter!' rief Alvide verzückt, aber ich konnte sie nach am Arm packen und sie fort zerren. Bitte erzählt das niemandem!"

Hoch erstaunt hat Celissa diese Geschichte angehört. "Natürlich nicht", versichert sie Herrn Rastburger rasch und merkt an: "So etwas Wichtiges hättet Ihr uns durchaus auch erzählen können, bevor wir in das Haus gingen.

Aber wie dem auch sei - dieser Mantikor ist bestimmt auch von den Kobolden geholt worden. Vielleicht war er nicht einmal echt, vielleicht haben die auch Alvide verzaubert. Im Haus haben wir keinen gesehen.

Jedenfalls ist in Wirklichkeit Leirix hier der Urheber des ganzen Übels. Anscheinend gehören diese Kobolde zu seinen Freunden. Er hat sie gerufen, um Alvides Hochzeit zu verhindern, und deshalb konnte er sie auch wieder wegschicken."

Mit unbewegter Miene verfolgt der Cavalliere die Darstellung seiner Geliebten. Nun, er hätte nicht die Unwahrheit sagen können, so ist es ihm ganz recht, wenn sie die Tatsachen auf den Tisch legt. Auch wenn ihm der Mann mit seiner zurückgewiesenen Liebe durchaus Leid tut …

"Was nun?" Rastburger schaut verwirrt hin und her. "Leirix? Bist Du nun ein Held oder der Übeltäter? Habt ihr Beweise?"

Aber Leirix ist nicht mehr da. Die Tür steht offen. Sich eilig entfernende Schritte sind zu hören.

Celissa verfolgt ihn.

"Zut!" Das ist alles, was von Randirion zu vernehmen ist, als er Leirix Abwesenheit bemerkt und sich sputet, mit Celissa Schritt zu halten.

Rastburger und Shantalia bleiben allein zurück. Der Kaufmann schüttelt den Kopf: "Also sowas … ich hätte es ja nicht geglaubt, aber seine Flucht …"

"Er ist ein wenig verwirrt, nehmt ihn nicht zu hart dran."

"Arbeiten wird er nicht mehr bei mir können. Am besten, er verschwindet einfach", stellt Rastburger fest. "Und wenn Kobolde zu seinen Freunden gehören, dann wird mir einiges klar."

"Was wird Ihnen klar?" Die Neugier der Donna ist geweckt.

"Immer diese höchst seltsamen Missgeschicke meiner Konkurrenten: Ein Händler", Rastburger kichert los, "der Waren bei einer trauernden Kapitänswitwe kaufen wollte, stand plötzlich splitternackt vor der empörten Dame. Und dann der andere, der bei einer Versteigerung - statt ordnungsgemäß zu bieten - fortwährend wilde Flüche ausstieß."

"Na, da hat Ihnen doch Leirix sehr geholfen, wollen Sie wirklich darauf verzichten?"

"Und irgendwann kommt es raus. Dann habe ich den Salat. Da verzichte ich in Zukunft lieber drauf. Und Alvide heiratet jetzt auch noch in die erweiterte Fürstenfamilie ein, wenn sie wieder bei Sinnen ist", räsoniert Rastburger.

"Wissen Sie, warum ich aus Al'Anfa floh und nie mehr zurückkehren kann? Weil mein Vater mich verheiraten wollte! Wollen Sie Ihre Tochter ins Unglück stürzen? Wollen Sie, wirklich, dass sie jemanden heiratet, den sie nicht liebt?"

Verzweiflung und Wut macht sich im Gesicht der Donna breit.

Rastburger hebt abwehrend die Hände. "Alvide war zuerst in Leirix verliebt, ein bisschen zumindest. Aber dann hat sie sich für Berthol Heff-Bennain entschieden. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, aber ich würde Alvide nie in eine Ehe zwingen. Aber als dann beim Picknick auf einmal der Mantikor auftauchte und sie mit ihm verschwand, nein, das geht wirklich nicht."

"Männer! Väter!" Mit vor der Brust verschränkten Armen dreht sich die Donna weg.

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Celissa ist schnell, und so schafft sie es tatsächlich, so schnell auf die Straße zu kommen, dass sie den in 10 Schritt Entfernung zwischen Passanten die Straße hinunter laufenden Leirix noch sieht.

"Weiter!" stößt der Cavalliere aus und versucht, seine Schritte zu beschleunigen.

Sie sprintet hinterher. Dabei ruft sie nichts, weil sie aus Erfahrung weiß, dass die Leute zu langsam reagieren würden und eher sie selbst als Leirix aufhalten würden. Statt dessen konzentriert sie sich ganz darauf, den Schreiber einzuholen.

Leirix biegt in eine Seitengasse ab. Als Celissa und kurz hinter ihr Randirion um die Ecke kommen, sehen sie, dass Leirix Pech hat. Das hier ist eine Sackgasse. Das Ende ist durch eine drei Schritt hohe Mauer versperrt.

Randirion bremst seinen Lauf und zieht das Rapier. "Endstation, Monsieur Leirix", bemerkt er, während er sich dem Schreiber langsam nähert. "Es war unvernünftig, zu fliehen."

Leirix bremst erst kurz vor der Mauer ab. Er bleibt mit dem Rücken zu Celissa und Randirion stehen. Seine Hände sind nicht zu sehen.

Auch Celissa zückt ihren Degen und nähert sich dem Schreiber. "Versuch' keine dummen Tricks", warnt sie ihn. "Ich bin ziemlich gut darin, meinen Dolch zu werfen."

Die Mauer sperrt den ganzen hinteren Bereich der Gasse ab. Zwischen ihr und den Häusern rechts und links der Gasse gibt es keinen Spalt. Leirix sitzt in der Falle.

Der rothaarige Schreiber macht plötzlich einen Schritt vorwärts. In die Mauer hinein. Und hindurch. Weg ist er.

Total verdattert sieht Celissa zu. "Was zum Henker …" Sie springt sie nach vorne und tastet mit der Hand die Mauer ab - fest, steinig, eine Mauer eben. Ungläubig dreht sie sich zu ihrem Freund um. "Wie hat er das gemacht?"

Nicht mindert verdutzt tritt Randirion weiter vor, dabei schaut er sich aufmerksam um. "Beherrscht er etwa Zaubereien der Kobolde?" sinniert er.

Celissa steckt ihren Degen in die Scheide. "Wenn ich ihn erwische, frage ich ihn." Sie wendet ihren Blick nach oben. "Los, helft mir hoch. Er muss irgendwo wieder heraus kommen, ich schaue drüben, Ihr passt hier auf."

Skeptisch betrachtet Randirion die drei Schritt hohe Mauer. "Ich weiß nicht, wie du auf der anderen Seite herunterkommen willst, die Höhe der Barriere ist nicht unerheblich. Mais bien, steige auf meine Schultern", bietet er seiner Liebsten an. Er steckt sein Rapier weg, lehnt sich mit dem Rücken gegen die Mauer und verschränkt die Hände vor seinem Körper, so dass Celissa wie mit einen Steigbügel hochsteigen kann.

Rasch benutzt Celissa diese Hilfe und zieht sich hoch.

Celissa blickt in den gepflegten Garten eines relativ großen Hauses. Von Leirix ist nichts zu sehen.

Nachdem sie geprüft hat, wie man aus diesem Garten herauskommt und was direkt unter ihr ist.

Celissa schaut, ob sie auf der Mauer um den Garten herumlaufen kann. Es könnte klappen, denn sie ist zwei Spann breit.

Also tut sie das.

Besorgt schaut Randirion zu ihr hoch, sieht, wie sie auf der schmalen Mauer zu balancieren beginnt. "Was auch immer du vor hast, sei vorsichtig!" Drängend klingt seine Bitte, muss er doch nun dem tatenlos zusehen, was sie zu unternehmen vor hat.

Sie steht gerade auf der Mauerzinne und will loslaufen, da ruft von der Villa her eine Männerstimme: "He da! Verschwinde!"

Sie schaut, wer da ruft, hält aber nicht an. "Wo ist er hin?" ruft sie dringend zurück.

"Nochmal, verschwinde, oder ich rufe die Stadtwache!" Die Männerstimme aus der Villa wird drohend.

Jetzt hält Celissa doch kurz an und dreht sich zum Haus. "Ich bin Signorina Celissa von Marlino und befinde mich auf der Verfolgung eines Verbrechers", erklärt sie zornig. "Also wahrt gefälligst eine gewisse Höflichkeit und wenn Ihr mir schon nicht helfen könnt, dann haltet mich wenigstens nicht auf!"

Damit setzt sie ihren Weg fort.

"Halt!" Das ist eine andere Stimme. Ein Bediensteter ist aus der rückwärtigen Tür getreten. Er hält eine Armbrust in der Hand.

Innerlich flucht Celissa. Warum ist Leirix denen eigentlich nicht in die Arme gelaufen?

"Sehr Ihr ihn?" ruft sie hoffnungsvoll zurück, als meine sie, dass der Ruf dem Schreiber gelten würde. "Ist er im Garten?" Sie hält nicht an.

Als Antwort knallt ein Armbrustbolzen direkt unter ihren Füßen gegen die Mauer. "Der nächste ist einen Schritt höher!" ruft der Bedienstete. Von drinnen wird ihm eine weitere geladene Armbrust gereicht.

Randirion hört den Einschlag des Bolzens ebenfalls und ruft erregt: "Haltet ein, Mann! Wir verfolgen einen Eindringling, der Euer Anwesen bereits betreten hat!" Und die Horasierin warnt er eindringlich: "Komm herunter, Celissa! Der Mann ist anscheinend bereit, ernst zu machen, Ihr riskiert den Besuch bei einem Medicus! Wir begeben uns zum Eingang und klären die Angelegenheit."

"Was fällt Euch eigentlich ein?!" ruft Celissa ihm wütend entgegen.

"Hört Ihr mir überhaupt nicht zu? Ich verfolge einen Verbrecher, der vielleicht bereits in Euer Haus eingedrungen ist, und Ihr schießt mit einer Armbrust auf mich? Ich sage Euch, das wird Folgen haben! Ich bin von Stand und zudem eine enge Freundin mehrerer Patrizier, und ich werde dafür sorgen, dass Ihr dieses ungeheuerliche Verhalten bereuen werdet!"

"Einfach verschwinden, statt das Maul aufreißen!" ist die unfreundliche Antwort.

"Ihr hört von mir!" droht Celissa noch.

Sie nimmt sich auf jeden Fall vor, herauszufinden, was das für ein Haus ist. Das ist doch nicht normal, dass irgendeine Villa gleich von mehreren Wachen mit Armbrüsten besetzt ist, die einfach so riskieren, jemanden zu töten, der weder sie noch ihr Haus auch bedroht, sondern nur auf die Mauer geklettert ist.

Außerdem sieht sie nach, ob sie von dort, wo sie inzwischen ist, weiter außen an der Mauer entlang gehen könnte.

Die Mauer ist hier direkt vor eine Hauswand gesetzt worden. Celissa bleibt nichts anderes übrig als umzukehren. Leirix ist entkommen.

Einen Fluch vor sich in murmelnd kehrt sie zu Randirion zurück. "Helft mir bitte herunter", bittet sie ihn deutlich verärgert.

Der Cavalliere hat sich mit der Horasierin am Fuß der Mauer entlang bewegt und hält nun an, um ihre Bitte zu erfüllen. "Lass dich vorsichtig auf meine Schultern herunter", weist er sie an, denn von drei Schritt Höhe herunter zu springen ist nicht grundsätzlich ratsam. Er stellt sich mit dem Rücken an die Mauer, damit Celissa einen sicheren Abstieg hat.

Celissa lässt sich herab, wobei sie aufpasst, dass sie ihn nicht tritt.

"Danke", seufzt sie und gibt ihm einen raschen Kuss. "Sieht so aus, als müssten wir außen herum gehen und hoffen, dass dort jemand Leirix gesehen hat."

Den Kuss lässt sich der Cavalliere gerne gefallen, ein Lächeln huscht über seine Lippen, als er antwortet: "Dann lass uns gehen, nicht, dass er uns noch entkommt."

So sehr sich die beiden bemühen, so bleibt doch Leirix verschwunden. Und auch in den nächsten Tagen taucht der Schreiber nicht wieder auf.

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So finden die zurückkommenden Randirion und Celissa die beiden Zurückgebliebenen vor.

Verwundert schaut Celissa von einer zum anderen. "Er ist uns entkommen", gesteht sie dann ein. "So zwei Idioten mit Armbrüsten haben uns aufgehalten statt ihn." Sie beschreibt die Villa und ihre Lage.

Rastburger zuckt die Achseln. "Privatgrund ist Privatgrund", meint er nur lakonisch.

Es ist Celissa anzusehen, dass sie diese Ansicht ganz und gar nicht teilt. "Kennt Ihr den Besitzer dieses Hauses?" fragt sie ihn.

"Vom Sehen", entgegnet Rastburger unverbindlich.

"Und wer ist es?" fragt Celissa nach.

"Es muss das Haus der Familie Ladenrath sein, wenn ich es richtig sehe", antwortet Rastburger.

"Man zeigte sich jedenfalls wenig kooperativ", bemerkt Randirion dazu nur.

"Was mich nicht wundert", ergänzt Rastburger. Er scheint sich weiter keine Gedanken zu machen.

"Sind das auch Händler?" fragt Celissa. "Oder Patrizier?"

"Altes Geld", weiß Rastburger nach einigem Nachdenken zu berichten.

"Vielen Dank ihr drei", fährt er dann fort. "Euer Auftrag ist erledigt und das Honorar verdient."

"Nun ja", stimmt Celissa zu. "Es freut uns, dass wir Euch helfen konnten und die Machenschaften Eures Schreibers aufgedeckt haben. Wer weiß, was er als nächstes noch angestellt hätte. Hoffentlich verlässt er jetzt die Stadt."

"Wenn er seine Körperteile liebt, wird er das tun", bestätigt Rastburger.

Dazu nickt Celissa nur.

Randirion kommentiert diese Aussage nur mit einem knappen Zucken des Mundwinkels.

Und so kommt ein kleines Abenteuer in Havena zu seinem Ende. Nicht ganz befriedigend, aber so ist das Leben. Es gelingt nicht immer der große Wurf. Aber wer weiß, was die Götter noch alles für unsere Helden vorgesehen haben.