Es ist Anfang Peraine. Bald soll es weitergehen. Es ist nur noch nicht klar, wie. Die ersten Flussschiffe verkehren wieder auf dem großen Fluss, aber bislang gab es keines, das bereit war, fünf veritable Streitrösser mitzunehmen. Aber es gibt ja noch andere Wege nach Thorwal. Nach Angbar und dann über den Greifenpass wäre nach Havena eine Möglichkeit. Oder doch den ganzen Landweg über Greifenfurt und Andergast. Da kennt sich Rovena immerhin aus.

Am Abend, als sich alle zur Ruhe begeben wollen, findet jeder auf seiner Schlafstatt ein kleines Stück eingerolltes Pergament. Es es ist mit einem roten Wollfaden umwickelt, daran ist eine weiße Wildrose befestigt.

Ingalf riecht an dem Pergament. Er hat durch seine Hautbildchen bei einigen der Mägde schon ein wenig Eindruck gemacht, aber dass sie ihm jetzt Briefchen schreiben, damit hätte er niemals gerechnet. Vorsichtig löst er den Knoten am Wollfaden und öffnet das Pergament.

"Trefft mich in zwei Tagen im Bären, morgens um 10; bringt diese Blume als Erkennungszeichen mit!

Rohezal"

liest Ingalf, genau wie alle anderen. Den Namen "Rohezal" hat Ingalf noch nie gehört, das geht auch den anderen so.

Ingalf findet das komisch, mit einem Mädel hätte er sich gerne getroffen, aber Rohezal klingt nach einem Kerl. Und dann noch nach einem der Blumen schickt, das ist wirklich nicht sein Ding.

Am nächsten Morgen wird er den anderen von seinem Fund erzählen.

'Wo kommt das denn her?' wundert Isinha sich im Stillen. Er kann sich nicht daran erinnern, dass ihm das jemand zugesteckt hat. Lange betrachtet der Magier die Rolle und überlegt, ob er es öffnen soll, oder ob nicht eine magische Erkenntnisgewinnung zunächst 'ungefährlicher' ist.

Nach fast einer Stunde, die er die Schriftrolle angestarrt hat, entschließt er sich dazu, sie zu öffnen und zu lesen.

Rohezal - da klingt etwas in ihm an. Es ist Zhayad und bedeutet Schatten Rohals. Und Rohal das war doch ein mächtiger Magier der Vergangenheit. Isinha grübelt und grübelt, aber mehr fällt ihm nicht ein.

'Seltsam, seltsam. Der Magier ist doch längst tot.' Dann hat Isinha blitzartig einen Gedanken - der Schatten Rohals könnte eine Manifestation des Geistes dieses wahrhaft Mächtigen vergangener Tage sein, der mit ihm in Kontakt zu treten wünscht. Aber weshalb dies mit einer profanen Geselligkeit in einer Spelunke einer unbedeutenden Kleinstadt sein soll, das entzieht sich seiner Vorstellungskraft.

So sitzt der Magier in Gedanken versunken in seinem Zimmer, starrt ins Leere und grübelt weiter über einen möglichen Inhalt und Folgen eines derartigen Treffens nach.

Überrascht nimmt Rovena die kleine Pergamentrolle in die Hand und betrachtet sie verwundert. Die Wildrose erinnert sie sofort an den verschollenen Aranier. Ob er etwa hier ist? Sie schaut sich schnell um und lässt ihre Blicke suchend durchs Zimmer schweifen.

Da sie wahrscheinlich niemanden sehen wird, streift sie den Wollfaden ab und entrollt das Pergament, gespannt darauf, was sie wohl zu sehen bekommt.

Eher gelangweilt liest Cadruel den Brief und legt ihn achtlos beiseite.

Einen Moment lang ist Edric überrascht, dann überwiegt die Neugier. Schnell löst er den Wollfaden und entrollt das Pergament.

'Im Bären, hieß so eine Kneipe in Ferdok?', überlegt der Hirte. 'Und wer ist wohl dieser Rohezal?' Für Edric ist klar, dass er rechtzeitig an Ort und Stelle sein wird.

Bei nächster Gelegenheit wird er Ingalf ansprechen, ob er auch so eine Einladung bekommen hat. Oder soll er gleich jetzt …? Edric entscheidet sich, gleich zu Ingalf zu gehen.

Als Edric bei Ingalf klopft, stellt er fest, dass auch der Thorwaler ein Pergament und eine Rose in der Hand hat.

"Edric, guckt Dir das an irgend so'n Kerl will sich mit mir treffen, das wohl!" meint der Thorwaler sofort.

"Mit mir auch", antwortet Edric. "Was der wohl von uns will?"

"Puh!" atmet Ingalf laut aus. "Dann isses zum Glück kein Randewutz - wie Kawi sagen würde. Ob die anderen auch so'ne Einladung bekommen haben?"

"Fragen wir sie doch", meint Edric.

"Ja, aber erst Morgen früh, das wohl!" antwortet Ingalf - da klopft es.

In dem Moment klopft es an der Tür und Rovena tritt ungebeten ein, den Brief und die Rose in der Hand. Da der Brief sie und ihre Gefährten anspricht, wollte sie wissen, ob auch die anderen ihn erhalten haben, und hat hinter Ingalfs Tür Stimmen gehört. Sie sieht Edric und Ingalf mit ebenfalls jeweils einem Brief in den Händen und fragt verwundert: "Ihr also auch … steht bei euch auch, dass sich ein Rohezal in zwei Tagen um 10 Uhr morgens im Bären mit uns treffen will?"

Der Hirte nickt.

"Aye, genau dasselbe, das wohl!" nickt Ingalf.

Die Hexe runzelt die Stirn. "Eigenartig, nicht wahr? Warum hat jeder von uns eine solche Einladung bekommen?" fragt sie sich. "Eine hätte doch genügt. Und wie ist der Überbringer in unsere Räume gekommen?" Sie schüttelt besorgt den Kopf und schaut die beiden an. "Irgendwie fühle ich mich nicht mehr so sicher hier …"

"Ach, sei nicht bange!" versucht sie Ingalf zu beruhigen. "Hier räumen auch die Hausmädchen und die Verwalterin auf - bei mir zumindest, das wohl!"

"Dann sollten wir uns mal erkundigen, wer ihnen diese Schreiben zugesteckt hat", beschließt die junge Frau fürs erste und fügt gähnend an: "Ich gehe jetzt schlafen. Sprechen wir mit den anderen morgen früh darüber. Gute Nacht, ihr beiden." Und mit diesen Worten kehrt sie in ihr Zimmer zurück, wo sie lange nicht in den Schlaf findet.

"Gute Nacht!" ruft ihr der Thorwaler nach.

"Was meinst Du, wollen wir bis Morgen früh warten oder hast Du einen Plan?" fragt er seinen Freund.

"Lass uns bis morgen warten!" Auch Edric legt sich hin. 'Das riecht nach einem neuen Abenteuer!' ist sein letzter Gedanke, bevor er einschläft.

Am nächsten Morgen, als alle bei Frühstück zusammensitzen, stellt sich heraus, dass jeder der fünf einen gleichlautenden Brief erhalten hat. Wie die Briefe den Weg in die Schlafkammern gefunden haben, bleibt aber mysteriös. Isinha kann wenigstens erzählen, was ihm zum Namen Rohezal eingefallen ist.

"Hmm", brummelt der Thorwaler. "Also ein Magier, oder wie? Wollen wir da überhaupt hin? Andererseits, mein Geldbeutel is' schon fast leer, ein bisschen Auffrischung kann nicht schaden, das wohl!"

"Ich will schon wissen, was er von uns will", meint Edric. "Nein sagen können wir ja immer noch."

"Tja, man kann Schatten von Rohal schließlich so oder so auslegen." fügt Isinha der allgemeinen Diskussion hinzu. "Neugierig bin ich schon. Ich gehe!" entscheidet er.

"Auch ich will wissen, was man von uns will", fällt Rovena ein. "Daher werde ich dort sein." Trotz ihrer Skepsis überwiegt die Neugier.

"Bruderkrieg …"

Was Cadruel damit wohl meint?

Er sieht sehr weit weg aus, scheint nicht anwesend zu sein.

"Was denn für Brüder?" fragt Ingalf erstaunt. Schließlich war von Brüdern keine Rede.

"Vielleicht sind Elfen ja alle Brüder, und deswegen …?" Isinha deutet mit beiden Händen auf den eigenen Schultern, Handflächen nach oben, einen deutlich vergrößerten Kopf an und wackelt damit mehrmals nach rechts und links, ehe er die Augenbrauen hochzieht und Ingalf zuzwinkert. "Das wäre mir allerdings neu." fügt er dann hinzu.

Die Aussage des Magiers ist für Ingalf genauso wirr. Vorsicht hebt er seine Tasse und riecht an dem Tee, den er und seine Gefährten trinken. Wer weiß, wenn sie geheime Nachrichten bekommen, ob dann nicht jemand ihnen was übles will. Es gibt genug Leute, die die Gefährten nicht wirklich mögen - und der Giftzwerg von den Amazonen ist auch noch frei …

Auch Edric kann sich daraus nichts sinnvolles zusammenreimen. Aber das macht nichts. Warum über Möglichkeiten spekulieren? Sie werden morgen schon erfahren, wer Rohezal ist und worum es geht.

Cadruel scheint durch die Frage aufzuwachen, er schüttelt den Kopf und schaut Ingalf nur fragend ab.

"Moin, Moin, Spitzohr!" zieht ihn der Thorwaler auf. "Du hast was von Bruderkrieg gesagt …"

"Es ist nichts, nichts von Bedeutung …, ich weiß es nicht."

"Ach sooo!"

Den nächsten Tag beschäftigen sich die Gefährten mit Reisevorbereitungen. Auf die Idee, sich einmal in Ferdok umzuhören, ob der Name Rohezal dort bekannt ist, kommt keiner.

Im "Bären"

Der Bär ist natürlich das Gasthaus Zum lustigen Tanzbären, das die Helden schon von dem einen oder anderen Aufenthalt im Winter, ein bürgerliches Haus mit gutem, soliden Ruf.

Die Schankstube im Bären ist geräumig und hell, die Wirtsleute, ein Zwergenpaar, sind freundlich und jederzeit zu einem Plausch über die guten alten Zeiten bereit. Heute am Vormittag sind die Helden die einzigen Gäste und erregen natürlich die Neugierde der Wirtsleute durch die weißen Rosen, die sie bei sich tragen.

"Ihr seht ja witzig aus mit der Dekoration", begrüßt sie Garbosch, der Wirt. "Seid ihr auf Brautschau?"

'Werd erst mal groß.' denkt sich Cadruel und schaut den Zwerg dabei undefinierbar an.

"Aye, das wohl!" nickt Ingalf grinsend. "Hier soll's 'ne hübsche Zwergenwitwe geben …"

Er hat in der kalten Zeit, dass eine oder andere Ferdoker in der Schänke getrunken und sich ein wenig mit dem Wirtspaar angefreundet.

"Hä, hä, das hat was", lacht der Wirt.

Edric wundert sich ein wenig, warum sie in dieser Übersichtlichkeit auffällige Erkennungszeichen benutzen sollen. Wenn dieser Rohezal etwas von ihnen will, dann wird er doch auch wissen, wie sie aussehen.

Auch nach so langer Zeit gemeinsamer Reise und Abenteuer findet Isinha den Humor des Thorwalers 'gewöhnungsbedürftig'. "Wir sind hier verabredet." erklärt er und ergänzt: "Mit einem gewissen 'Rohezal'. Kennt Ihr ihn?"

Der Zwerg runzelt die Stirn. "Nie gehört den Namen, ist aber bestimmt kein Zwerg." Er ruft in Richtung Küche: "Olaga, kennst Du einen Rohezal?" - "Nee, kenn ich nich", erschallt es zurück.

"Seht Ihr, wir auch nicht! Daher die Rosen …" kommt Isinha auf die Eingangsfrage des Zwergs zurück.

"Aha", erwidert der nur.

Nachdem die Formalitäten geklärt sind, nimmt Ingalf an einem Tisch Platz der einen freien Blick zur Tür gewährt und wartet.

Garbosch stellt einen Humpen Bier vor Ingalf - wie üblich. "Wohlsein!"

"Aye, danke! DU nimmst heute keinen?" fragt er verdutzt den Zwerg.

Garbosch zeigt zur Theke. Da steht sein Krug.

"Wie sagst Du immer: Baroschem!" Ingalf hebt den Humpen an die Lippen und trinkt. "Ahhh!"

"Ja,ja, daran kann man sich gewöhnen!" grinst der Zwerg, nachdem er gleichfalls einen Schluck genommen hat.

"Ich hab' Dir doch gesagt, komm' mit nach Thorwal oder Prem, da gibt es das richtige Feuer, das ist was feines, das wohl!" antwortet Ingalf, die Gefährten können aus dem Gespräch leicht feststellen, dass diese Diskussion nicht neu ist, sondern im Winter schon häufiger geführt wurde.

Rovena setzt sich dazu. Surnia ist nicht bei ihr, die Schädeleule hat sich einen Platz in einem Baum dicht bei dem Wirtshaus gesucht, wo sie die Tür beobachtet.

Edric setzt sich dazu und wartet.

Natürlich bekommt auch Edric sein Bier, genau wie alle anderen Biertrinker.

Cadruel geht zu der Wand der Tür gegenüberliegend und sucht sich dort in einer dunklen Ecke einen Tisch mit Blick auf die Tür.

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Etwa eine Viertelstunde nach der verabredeten Zeit öffnet sich die Tür zur Straße, und ein buckliger Krüppel mit einem großen, schweren Kopf und dünnen, nach innen geknickten Beinen tritt ein.

Kurzzeitig verengen sich die Augen des Magiers, als er den Gebrechlichen erblickt. 'Entweder der Name Schatten von Rohal ist wirklich wörtlich gemeint, oder hier versucht uns jemand etwas vorzuspielen.' Isinha nimmt sich vor, sehr aufmerksam zu sein und bei guter - versteckter - Gelegenheit einen auf den Neuankömmling zu wirken.

Ingalf ignoriert den Krüppel, denn der wird ja wohl nicht der Gesuchte sein. Er trinkt weiter an seinem Humpen.

Auch Rovena mustert den Buckligen sehr aufmerksam. Sie kommt sich schon ein wenig komisch mit ihrer weißen Rose vor.

Edric betrachtet den Neuankömmling unverhohlen genauer. Könnte das dieser Rohezal sein?

"Nein, ich bin nicht Rohezal", beantwortet der Krüppel die unausgesprochenen Frage aller mit überraschend volltönender Stimme. "Aber ihr seid offensichtlich alle da. Ich bin Tinker."

"Mein Meister ist leider verhindert", entschuldigt sich Tinker bei den Helden. "Er bitte euch, ihn in seinem Turm aufzusuchen. Der Turm steht in der Nähe des Ambosses. Bitte begebt Euch unverzüglich dorthin! Was der Meister von euch will, könnt ihr nur von ihm selbst erfahren. Ihr möchtet die Reise zum Amboss aber nur dann antreten, wenn euch die Zukunft der Völker Aventuriens wichtiger als euer persönlicher Nutzen ist."

Edric staunt über diese Worte. Ein Magier, der irgendwo einsam in einem Turm haust, aber sich für die Zukunft der Völker Aventuriens interessiert? Ein Hirte sollte bei seiner Herde bleiben, wenn deren Wohl in Gefahr ist.

Edric ist skeptisch, dass die ganze bedeutungsschwangere Geheimnistuerei einen guten Grund hat. Doch ist er hierhergekommen, um zu erfahren, was dieser Rohezal von ihnen will, und um dieses Ziel zu erreichen, werden sie wohl oder übel den Magier in seinem Turm aufsuchen müssen.

Er fragt sich, ob sie wohl gleich mit Sack und Pack antreten sollen, oder ob sie ihr Quartier bei Eslamsrieder erst noch behalten können. Wichtiger ist aber erst einmal die Entscheidung, ob sie überhaupt gehen.

"Große Worte für einen so kleinen M… äh, kurzen Einladungsbrief." erwidert der Magier und wählt die folgenden Worte mit Bedacht. "Sagt, Tinker, wer ist Euer Meister - oder muss es heißen war?"

"Rohezal ist sein Name", erwidert der Gnom würdevoll.

"Oh, Verzeihung. Das könnt Ihr ja gar nicht wissen. Die Frage resultiert aus einer Unterhaltung, die wir vor Eurer Ankunft geführt haben und lautet daher eigentlich: Ist Euer Meister, was sein Name bedeutet, oder ist er es nicht?" Der Magier lächelt verlegen, da ihm dieses kleine Formulierungsmissgeschick unterlaufen ist.

"Das ist eine Frage für den Meister", weicht Tinker aus. "Es steht mir nicht zu, sie zu beantworten."

"Is' doch egal", murmelt Ingalf. "Wichtiger is', was sollen wir tun und was bleibt uns außer der Ehre?"

"Ersteres ist schnell beantwortet - natürlich werden wir gehen. Sonst wären wir erst gar nicht hierher gekommen, oder?" antwortet Isinha dem Thorwaler. "Das Zweite wird sich finden, wenn wir dort sind. Dass wir annehmen, ist doch noch gar nicht gesagt …"

Eine Reise zum Amboss-Gebirge, zu einem Turm eines unbekannten Magiers? Rovena mustert den Buckligen misstrauisch. Und wenn sich nun der entkommen Xeraan an ihnen rächen will und sie in eine Falle lockt? Ihr ist nicht gerade wohl bei dem Gedanken …

Da keiner weitere Fragen an Tinker hat, erläutert der wie selbstverständlich die weitere Planung: "Wenn ihr euch morgen früh auf zum Amboss macht, folgt ihr am besten dem Großen Fluss Richtung Süden, bis der seinen Bogen nach Westen macht. Dort mündet ein Nebenfluss die Warna.

Der folgt ihr, bis ihr an eine Flussgabelung kommt. Und danach braucht ihr diesen Plan."

Er zieht ein gefaltetes Stück Pergament aus einer Tasche und entfaltet es auf einem Tisch.

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Ingalf schaut sich die Karte genauer an. Dann fragt er Tinker: "Schöne Karte, das wohl, aber was sollen wir damit?"

Auch Edric studiert die Karte, wird aber nicht so recht schlau daraus.

"Punkt A ist euer erstes Ziel, danach geht es weiter. Es soll ja nicht jeder wissen, wo der Turm des Erzmagus steht. Ach ja, da war noch etwas."

"Hä? Warum denn nicht?" fragt Ingalf. "Wenn er doch so berühmt und mächtig ist, dann muss er sich doch nicht verstecken, oder?"

Fragend schaut er Isinha an. Der sollte sich mit solchen Magiern besser auskennen.

Isinha zuckt nur mit den Schultern, will sagen, dass es auch - oder gerade - unter Magiern komische Ansichten zu diesem Thema gibt.

Tinker hat dem nichts hinzuzufügen außer: "Fragt den Meister!"

Mit gerunzelter Stirn schaut sich die Hexe die Karte an. Dieser Punkt scheint nicht an einer Straße, sondern mitten im Gelände zu liegen.

Tinker zieht ein weiteres Pergament aus der Tasche, entfaltet auch dieses. Hierauf stehen sechs seltsame Verse:

  1. Weise sei ich, so sagt man.
    Huhuhuu in der Nacht,
    ruf ich gar lieblich im Tann,
    wenn das Mondlicht erwacht.
  2. Ein Duft in eure Nasen dringt,
    dass euch die Augen triefen.
    Doch wenn ihr tot zu Boden sinkt,
    braucht ihr nicht mehr zu schniefen.
  3. Meine Schwestern stehen lustig da,
    auf grünen Uferhängen;
    ich trage Trauer das ganze Jahr
    und lass die Arme hängen.
  4. Kein Fenster lässt die Sonne ein,
    türlos und freudlos das Zimmer.
    Kälte kriecht dir in Arm und Bein,
    Freund, hier schläfst du für immer.
  5. Ich stehe wartend Jahr für Jahr
    im Wasser auf nassen Beinen.
    Ein ödes Dasein, ja fürwahr,
    nutzlos will es mir scheinen.
  6. Es ist ein Ding, ragt hoch hinaus
    wohl über alle Wipfel.
    Es ist aus Stein und doch kein Haus
    steht düster auf dem Gipfel.

Edric versucht das Geschriebene zu entziffern. Als er erkennt, dass ihnen dort gleich am Anfange ziemlich unverhohlen mit dem Tod gedroht wird, gibt er seine Bemühungen aber auf. Dieser Magier kommt ihm nicht ganz koscher vor.

"Diese Verse sollen uns helfen?" fragt Ingalf erstaunt. "Sind das Orte oder Personen? Du musst doch mehr wissen, das wohl! Wie kommst Du denn zu Deinem Meister?"

"Das erste müsst ihr herausfinden. Das letzte ist Rohezals Angelegenheit", bescheidet ihn Tinker.

'Ein Rätsel?' denkt Rovena. 'Wie seltsam …' Sie liest sorgfältig die einzelnen Strophen.

"Mit der ersten Strophe könnte ein Nachtvogel gemeint sein", meint die junge Frau, die an Surnia denken muss. "Eine Eule oder so."

"Aye, könnte passen, aber die kennst Du am besten, das wohl!" stimmt ihr Ingalf zu.

"Ob das eine Warnung vor betäubendem Pflanzenduft ist?" fragt sie sich bei der zweiten Strophe besorgt.

"Oder vor einem Thorwaler, der zu viel Bohnensuppe gegessen hat", feixt Ingalf.

"Vielleicht ist hiermit eine Trauerweide gemeint", sie deutet auf die Zeilen der dritten Strophe.

Ingalf nickt zustimmend, der Gedanke kam ihm auch.

"Eine Gruft?" Ihr läuft eine Gänsehaut den Rücken beim Lesen der vierten Strophe herunter.

"Oder ein Sarg oder ein Grab", ergänzt Ingalf.

"Dabei könnte es sich vielleicht um einen Steg handeln", rätselt sie weiter.

"Das wohl, das wohl!" meint Ingalf.

"Damit ist bestimmt der Turm des Magiers gemeint", vermutet sie beim letzten Rätsel und schaut ihre Gefährten an.

Ingalf nickt, das hatte Tinker ja als Ziel genannt.

"Was meint ihr zu dem Rätsel?"

"Klingt plausibel." stimmt Isinha ihr nachdenklich zu. "Vor allem, wenn man bedenkt, dass es zu einer Karte zu gehören scheint." Er runzelt die Stirn und sieht Tinker fragend an.

Der zeigt nur auf die auf dem Tisch liegende Karte.

"Hmm, wir haben also diesen Punkt A in dem Wald oder Hügel, da müssen wir die Eule oder so finden, aber was dann?" Ingalf ist sich noch nicht im Klaren wie es dann weitergehen soll.

"Und das vorletzte wird wohl irgendwo am Fluss sein." vermutet er weiter. "Wenn wir gleich da suchen würden …"

"Aber wo und an welchem Fluss?" fragt Edric, immerhin sind da zwei Flüsse auf der Karte eingezeichnet.

"Ist doch fast egal, wir könnten im Norden anfangen und beide absuchen, das wohl!" schlägt der Thorwaler vor. "So viel Weg ist das nich'! Und wer weiß wie weit wir zu den Rätseln laufen müssen.

Vielleicht könnten wir ja auch von hier mit einem Kahn dahin kommen, schließlich ist das ein Nebenfluss vom Großen Fluss, das wohl!"

Dieser Logik kann sich Edric nicht entziehen, zumal er den Text ja gar nicht gelesen hat. Er zuckt nur mit den Schultern. "Versuchen wir's halt."

Tinker hat das Gespräch aufmerksam verfolgt. Er lächelt schief, sagt aber nichts.

Stirnrunzelnd hat Rovena ihren Gefährten zugehört. "Also wollte ihr nicht erst zu diesem Ort auf der Karte, der mit Punkt A bezeichnet wurde?" fragt sie verwundert.

"Wenn der vorletzte Punkt ein Steg ist, dann sollte er am Fluss sein, das wohl!" betätigt Ingalf ihre Vermutung. "Warum sollen wir dann erst den Punkt A suchen, der ja auch irgendwo mitten in der Wildnis is', um dann wieder ans Wasser zurück zu kommen?"

"Und wenn es noch mehr Gewässer in der Gegend dort gibt?" Sie schaut Tinker fragend an. "Wie genau ist diese Karte?" will sie wissen.

"Aye, wenn da nich' alles drauf is', dann geht es natürlich nich', das wohl!"

Tinker grinst. "Das müsst ihr selbst herausfinden. Dummköpfe haben bei Rohezal nichts zu suchen."

"Wann sollen wir denn eigentlich bei ihm sein?" fragt Ingalf nach, denn davon hatte Tinker bislang nicht gesprochen.

"Wenn ihr morgen früh abreist, solltet ihr in einer Woche bei ihm sein", ist die leicht ausweichende Antwort.

"Solltet?" fragt der Magier gedehnt. "Was soll denn das heißen? Will dieser Rohezal uns nun sprechen oder nicht?"

"Er will euch sprechen", klärt Tinker, "aber eure Pferde braucht ihr nicht zu Schanden zu reiten."

"Das heißt, es ist egal, wann wir da sind, das wohl!" fasst Ingalf das Gesagte zusammen.

'Hmm. Eigenartig.' überlegt Isinha. 'Wenn Rohezal tatsächlich so ein großer Magier ist, weshalb benötigt er unsere Hilfe? Und selbst wenn er ohne uns nicht auskommt, weshalb dann diese Prüfung, den Weg zu ihm zu finden? Falls er dadurch erst herauszufinden hofft, dass wir die Richtigen sind, dann kann es ebenso wenig weit her sein mit seinen Künsten …' Der Magier grübelt weiter vor sich hin. Für die anderen sieht es wieder so aus, als wäre er Meilen um Meilen vom jetzigen Geschehen entfernt.

Das kommentiert Tinker nicht weiter.

'Ich dachte, der will was von uns, nicht wir von ihm?' fragt sich Edric in Gedanken, während er wohl einen irritierten Gesichtsausdruck haben dürfte.

Edric hat eine Assoziation: Wenn er einen Schafbock zum Decken der Mutterschafe aussucht, will Edric etwas von dem Schafbock, hat gleichzeitig aber auch Anforderungen.

Ob ein Schafbock diese Anforderungen erfüllt, beobachtet er aber entweder schon vorher oder er prüft ihn ausführlich. Jedenfalls weiß er es, bevor er ihn auswählt.

Als von den Helden nichts mehr kommt, fragt Tinker sicherheitshalber nach: "Ihr reitet also morgen los zu Rohezal?"

Dabei sieht er insbesondere Cadruel an, der bislang geschwiegen hat.

Cadruel nickt leicht.

"Gut!" Tinker nickt ebenfalls. "Gehabt euch wohl!" Er verbeugt sich schwungvoll und geht.

"Jetzt isser weg und wir haben noch gar nicht über eine Belohnung gesprochen,das wohl!" meint Ingalf mit Blick auf seine klamme Börse.

"Ich glaube nicht, dass wir eine Belohnung in klingender Münze erwarten dürfen", meint Rovena verhalten. "Du hast doch seine Rede gehört, wir sollen die Reise zu dem Turm nur antreten, wenn uns die Zukunft der Völker Aventuriens wichtiger ist als ein persönlicher Nutzen … was auch immer damit gemeint ist." Ihr Blick schweift zu Cadruel, dessen Orakel ihr bisher unverständlich war. Aber vielleicht hat es etwas damit zu tun, was sie erwartet …

"Von Lob alleine werden Kawi, Großer Kumpel und ich aber nicht satt, das wohl!" wirft Ingalf ein.

"Ich habe genug Silber und Gold damit Du Dich auf die Vernichtung des Weltenzerstörers konzentrieren kannst, obwohl ich nicht verstehe, wofür Du es brauchst, der Apfel wächst doch am Baum."

"Ich dachte immer, der Apfel fällt aus dem Pferd, das wohl!" flachst der Thorwaler.

Ausdruckslos schaut Cadruel Ingalf an.

"Ja, schon. Nur leider gehört der Baum nur allzu oft dem Nachbarn, der Dir keine Äpfel schenken will!" lacht Isinha, der sich noch gut daran erinnern kann, auch mal so gedacht zu haben wie der Elf. Ach, wie lange sind diese Zeiten doch her!

"Meine Sippe hat alles geteilt." ist die lakonische Antwort des Elfen.

Da es am nächsten Morgen in den Amboss, ein bekanntermaßen wenig besiedeltes Gebirge losgehen soll, überlegt sich jeder, ob er noch etwas einkaufen muss.

Cadruel besorgt sich 20 Pfeile, 2 Ersatzsehnen, Trockenproviant für 2 Wochen und ein ca. 1/2 Quadratschritt großes schwarzes Stück Tuch.

Das kostet ihn insgesamt einen Dukaten.

Ingalf hat eigentlich alles, was er braucht. Da es die meiste Zeit am Großen Fluss oder anderen Wasserläufen vorbei geht, meint er, dass er auch immer genug Möglichkeiten zum Angeln haben wird.

Der Magier lässt noch einmal seine bequemen Reisestiefel neu besohlen, den Wettermantel ausbessern und neu einwachsen und kauft einen aus geöltem Wachstuch bestehenden Beutel, um seine wichtige Habe auch wasserfest verpacken zu können. Etwas Proviant für den Notfall kann auch nicht schaden. Außerdem hält er eine - wenn auch recht schwere - Zeltplane für eine gute Investition, um sich gute Übernachtungsmöglichkeiten schaffen zu können, falls gerade keine Herberge zum Verweilen einladen sollte …

Das kostet ihn drei Dukaten.

Rovena begleitet Isinha, denn sie will sich ebenfalls mit Proviant für 10 Tage eindecken. Seine Idee, eine Zeltplane zu erstehen, kann sie nur begrüßen, er wird sicher nichts dagegen haben, wenn sie bei ihm Unterschlupf sucht. Ein paar Heilkräuter, Tränke und Salben versucht sie noch aufzutreiben, Wirselkraut- oder Tarnelensalbe, vierblättrige Einbeeren oder einen Trank daraus, getrockneten Satuarienbusch und vielleicht noch Bleichmohnkapsel, was sie so auf dem Markt finden kann, dazu Leinentuch für Verbände.

Vierblättrige Einbeeren oder ihre Produkte sind auf dem Markt nicht zu kriegen und auch keine Bleichmohnkapseln. Bei einem Apothekarius findet sie aber sowohl Wirselkraut- als auch Tarnelensalbe. Und der Apotheker hat auch getrockneten Satuarienbusch.

Sie nimmt einen Tiegel Wirselkrautsalbe (1 Portion), 5 Portionen Tarnelensalbe und 10 Portionen Satuarienbuschkraut mit.

Auf dem Rückweg von ihrem Einkauf spricht sie Isinha noch mal auf die Route an, die sie einschlagen werden. "Meinst du, es ist klug, von der Karte und den Rätselversen abzuweichen?" will sie seine Meinung wissen.

"Ich denke, genau das ist die Frage der Fragen." erwidert er zunächst ausweichend. "Aber einerseits würde ich jemanden, den ich unbedingt zu mir beordern will, eine etwas eindeutigere Routenbeschreibung zukommen lassen. Bedenkt man aber andererseits, dass Rohezal uns offenbar gleichzeitig prüfen will, würde ich an seiner Stelle erwarten, dass wir einen Weg allein finden." Isinha zuckt mit den Schulter. "Ich weiß es nicht, aber Ingalfs Idee gefällt mir, ohne dass ich es genau an einem bestimmten Punkt festmachen könnte." Der Magier sieht Rovena lange an. Dann zuckt er erneut mit den Schultern.

"Mir gefällt sie nicht, denn ich fürchte, wir werden in die Irre laufen", äußert die junge Frau ihre Bedenken. "Wenn sich dieser Rohezal in seinem Turm verbirgt, wird er diesen bestimmt nicht an einen der großen Wasserwege erbaut haben", ist ihre Meinung dazu.

Edric besitzt zur Zeit kaum mehr als er am Körper trägt. Zudem soll es ins Gebirge gehen, und dort dürfte es um diese Jahreszeit noch empfindlich kalt werden können. Auch fragt sich Edric, ob dort schon genug Futter für die Pferde zu finden sein wird.

Er überlegt: Es soll etwa eine Woche bis zu dem Magier dauern. Zunächst werden sie aber am Fluss entlang reiten, wo noch genug Nahrung zu finden sein sollte. Andererseits weiß er nicht, ob sie sich bei dem Magier versorgen können, und mindestens der Rückweg muss mit eingeplant werden.

Daher hält er Proviant und Pferdefutter für bis zu 8 Tage Wildnis in den Bergen für nötig. Auch einen neuen Wasserschlauch besorgt er. Striegelzeug hält er ebenfalls für unumgänglich. Feuerstein und Stahl sowie eine Dose voll Zunder könnten gute Dienste leisten. Ein Schlafsack für die kalten Nächte sowie eine Wolldecke gegen die Kälte des Bodens will er auch noch erstehen. Sollte schließlich seine Barschaft noch reichen, wir er noch starkes Seil zum Fallenstellen sowie Fäustlinge, möglichst aus Pelz, kaufen. Seine wenige, aber gut für das Leben im Freien geeignete Kleidung hat er bereits im Winter ausbessern lassen.

Den Proviant, das Pferdefutter und das Striegelzeug hofft er, zu einem Freundschaftspreis bei Eslamsrieder zu bekommen.

Alles zusammen kostet ihn 2 Dukaten.