An einer Weggabelung voraus stehen fünf Pferde. Als Ingalf näher kommt, wird deutlich, dass es sich um die Pferde der Gefährten handelt. Auf einem Haufen daneben liegen Sättel und Zaumzeug, und zwischen den Pferden steht Rohezal.

'Der kommt ja wie gerufen, das wohl!' denkt Ingalf und versucht erst das Pferd und damit auch die Kutsche rechtzeitig zum stehen zu bringen.

Nett ist, dass Pferde, wenn sie nicht erschreckt sind, gern von allein stehenbleiben. So auch hier.

"Was ist los? Weshalb halten wir?" Isinha hängt sich halb aus dem Fenster der Kutsche, gerade soweit, dass er sehen kann, was voraus geschieht und weshalb Ingalf das Gefährt zum Stehen gebracht hat.

Rohezal schaut die ankommende Kutsche mit einem Lächeln an.

Gemächlich steigt der Magier aus der Kutsche, nachdem diese angehalten und er Rohezal erkannt hat. Es ist vorbei! Hier kann ihnen nichts geschehen! Erleichtert geht Isinha auf ihren Auftraggeber zu.

"Geschafft." ist alles, was er in diesem Moment herausbringt. Um ehrlich zu sein, kann er viel mehr dazu auch nicht sagen, schließlich schwanden ihm unmittelbar nach dem zerstörerischen Schlag die Sinne …

Edric folgt und wartet, ob Rohezal ihnen erklärt, was sie da eigentlich erlebt haben.

"Gut gemacht!" lobt Rohezal. "Kommst Du zurecht mit dem Verlust?"

"Womit?" fragt Isinha, sichtlich irritiert von Rohezals Frage.

"Dann hast Du es noch gar nicht gemerkt?" Rohezal grinst spitzbübisch.

"Nun, nein." erwidert Isinha noch immer verwirrt.

"Überprüfe mal Deine Zauber!"

Langsam tastet der Magier sich durch die Matrices der ihm bekannten Zauber und ihm huscht ein unglückliches Lächeln über das Gesicht, als er merkt, dass die während seiner Ausbildung zum Teil in ihrer Bedeutung hervorgehobenen Zauber von ihm nicht mehr zu greifen sind. "Tja, irgendwie hab ich sie in der Praxis ohnehin nicht verwendet. Na ja, den einen, einmal." fügt er schließlich hinzu.

"Ja, sie sind schon verführerisch, diese Zauber, aber die Welt ist besser ohne sie", murmelt Rohezal. "Vielleicht setzt sich irgendwann jemand daran, eine Variante ohne …" Der Rest ist nicht mehr zu verstehen.

"Wie bitte?" fragt der Magier rasch nach.

Rohezal winkt ab. "Ein andermal."

"Aye! Recht hatter, das wohl!" nickt der Thorwaler und klettert vom Pferd. "Wir haben das Ding kaputt gemacht, Rovena hat ein paar Splitter eingesteckt. Und wir haben den Oberzirkler hinten in der Kutsche … naja, zumindest seinen Leichnam, das wohl!"

Als die Kutsche zum Halten kommt und Rovena den Thorwaler sprechen hört, spannt sich die junge Frau innerlich an. Sie betrachtet den toten Vestor und zieht nach kurzem Zögern ihren Dolch mit einem Ruck aus seinem Körper. Mit der blutigen Klinge in der Hand steigt auch sie aus der Kutsche. Surnia wirkt durch die Emotionen der Hexe beunruhigt, eng presst sich die Schädeleule an den Hals ihrer Meisterin.

Die Hexe wirft Rohezal einen kurzen Blick zu, hockt sich auf dem Boden nieder, krallt die eine Hand in die Muttererde und um ihre Tat Sumu zu weihen, versenkt sie die Klinge mit dem Blut des Borbaradianers in deren Leib, um sie zu reinigen. Langsam erhebt sie sich wieder und steht nun schweigend neben der Kutsche, beobachtet den alten Magier misstrauisch.

"Splitter? Lasst mal sehen." Er streckt auffordernd die Hand aus.

Aus ihrem Lederranzen holt Rovena die Glasstücke hervor und reicht sie Rohezal. "Hier sind sie", spricht sie und zeigt auch den leuchtenden Stein vor. "Was ist das hier?" will sie wissen. "Dieser Stein hat die Halle erleuchtet, in der der Glasgötze gestanden hat."

Rohezal schaut zuerst den Splitter konzentriert an. "Das ist wie der Schnipsel eines Fadens. Er ist von Bedeutung, solange er eine Puppe trägt, aber wenn er abgeschnitten ist, hat er höchstens sentimentalen Wert. Wenn Du also einmal Deinen Enkelkindern eine spannende Geschichte erzählen willst …"

Ingalf schaut enttäuscht, hat er doch gehofft, dass die Gefährten mit den Splittern bei Rohezal noch ein gutes Geschäft machen können.

Er wendet sich dem Leuchtstein zu. "Ein nettes Artefakt. Ist nicht ganz einfach herzustellen."

"Wird er immer Licht abgeben?" Die junge Frau wickelt das Artefakt vorsichtig in ihre grünes Seidenkleid und verstaut es wieder im Ranzen. Bei nächster Gelegenheit wird sie ein Stück schwarzes Samttuch kaufen, in das sie den Leuchtstein aufbewahren wird.

"Ewig ist nur Satinav", entgegnet Rohezal freundlich. "Aber es kann schon sein, dass hierauf der Infinitum angewendet wurde. Das kann ja unser Adeptus in einer ruhigen Stunde herauszufinden versuchen."

Rovena lächelt und neigt ihren Kopf. "Danke, ich werde ihn bei Gelegenheit um eine Untersuchung bitten." Sie geht zu ihrer Stute, begrüßt sie zuerst freudig und sucht dann ihren Sattel und das Zaumzeug, um Thalia zur Weiterreise bereit zu machen.

"Wie habt Ihr es nur geschafft, unsere Pferde und Ausrüstung hierher zu bekommen?" fragt sie neugierig.

Rohezal lächelt fasst ein wenig spitzbübisch: "Erlaube einem alten Mann doch einfach das eine oder andere Geheimnis, bitte, meine Schöne."

Die junge Frau zieht einen Schmollmund, lächelt aber dabei flüchtig. "Na gut, und Ihr verzeiht mir hoffentlich meine Neugierde."

"Natürlich!" Rohezal verneigt sich leicht.

Der Erzmagus strafft sich. "Unsere Wege trennen sich jetzt, meine jungen Freunde. Ich bin sicher, wir werden wieder voneinander hören."

Er greift in eine Tasche, die er an seiner Seite trägt. Daraus zieht er ein kleines goldenes Horn und hält es Isinha hin.

"Danke. Aber was soll ich damit?" fragt dieser höflich. Die Worte Rohezals über die Zaubervarianten geht ihm nicht mehr aus dem Kopf.

"Wenn Du irgendwo einmal, ich sage einmal, die Hilfe Faldegorns braucht, blase in das Horn. Er wird dann kommen, spätestens in einem Tag. Trage ihm dann Dein Anliegen vor. Wenn es vernünftig und ehrenhaft ist, wird er helfen", erklärt Rohezal.

Da ihm die bisherigen Erklärungen nicht wirklich weiterhelfen, stellt Edric dem großen Magier die Frage direkt heraus: "Was haben wir da eigentlich erlebt? Und warum waren die Zauberer alle ohnmächtig?"

Rohezal erwidert freundlich: "Was ihr im einzelnen erlebt habt, weiß ich nicht, junger Freund, aber alle Borbaradianer haben etwas von einer Puppe, die an Fäden hängt. Durch die Zerstörung des Götzen habt ihr die Fäden durchschnitten."

"Schau Dir mal bitte unseren 'Bücherleser' an, er ist badoc geworden."

"Ach badoc!" Rohezal schaut ganz kurz bekümmert. "Ich kann Dir aber versichern, er ist jetzt wieder mehr er selbst als vorher."

Die Erklärung mit den Puppen versteht Edric. Endlich einmal. Aber warum müssen die schon wieder anfangen, komisches Zeug zu reden?! Der Hirte verspürt plötzlich das dringende Bedürfnis, sich wieder in "normalerer" Gesellschaft zu befinden.

"Braucht ihr die Kutsche noch?" fragt er dann.

"Wir haben doch jetzt unsere Pferde und Kawi wieder, das wohl!" antwortet Ingalf, der während der ganzen Rederei seinen Hund liebkost hat. "Wenn Du sie haben willst, dann nimm sie Dir … aber denk dran, da liegt noch einer auf'm Sitz!"

"Nicht mehr lange", erwidert Rohezal trocken.

"Wieso, bei Swafnir, was ist mit den Pferden?" fragt Ingalf zurück.

"Denen geht es gut", frotzelt Rohezal. "Aber der Sitz wird bald frei sein."

"Ach so!" Ingalf grinst den Magier entwaffnend an. "Willste den in die Niederhölle schicken?"

"Tss, tss, tss …" Rohezal schüttelt den Kopf. "Da ist er doch schon."

Bevor Ingalf dem Magier antworten kann, wird er von Edric angesprochen.

Er raunt Ingalf zu: "Hält uns hier noch was Dringendes auf?"

"Ich glaube nicht, das wohl!" antwortet der Gefragte. Er prüft Sattel und Zaumzeug seines Pferdes, schnallt den Rucksack und die Waffen fest. Dann wird noch Kawis lange Leine am Sattelknauf festgemacht.

Als er alles erledigt hat, wendet es sich um: "Wollen wir jetzt los?"

Auch Cadruel hat sein Pferd bereit gemacht.

Auch Isinha hat in der Zwischenzeit sein Pferd gesattelt. "Wohin denn?" fragt er zurück.

Auch Edric macht sich zur Abreiten bereit und antwortet dann mit einem Nicken.

"Wo soll es denn hingehen?" erkundigt sich Rohezal.

"Nach Hause, das wohl!" antwortet Ingalf und fährt dann mit grimmiger Miene fort: "Wir haben in Thorwal noch ein paar Rechnungen offen und dann müssen wir noch zur Muhme, das wohl!"

"Ach jaa… " murmelt der Magier.

"Dann bestellt ihr einen schönen Gruß von mir!" Rohezal bleibt entspannt stehen.

"Aye, bei Swafnir, das machen wir!"

"Da lang?", schlägt Edric vor und zeigt nach Westen.

Rovena steigt in den Sattel und runzelt die Stirn. "Den Weg kenne ich nicht, damals bin ich von Greifenfurt aus nach Andergast und den Steineichenwald entlang nach Thorwal gereist." Sie schaut Rohezal fragend an. "Wohin kommen wir, wenn wir von hier aus direkt nach Westen reiten?" will sie wissen.

"An den Großen Fluss", erklärt Rohezal.

"Aye, den Großen Fluss hinunter und dann nach Norden, das wohl!"

Und so geschieht es dann auch. Die Gruppe erreicht den Großen Fluss in Drift, und dann geht es gemächlich immer am Fluss entlang nach Albenhus.

Ingalf ist der Meinung, dass das viele kluge Geschwätz der Magier auf ihn abgefärbt ist und er sich selber auch viel klüger vorkommt und auch das Schreiben und Lesen geht flüssiger von der Hand. Und an das ewige Kriechen unter der Erde in dunklen Gänge hat er sich auch langsam gewöhnt. Durch seine Beschäftigung mit Kawi und dem Großen Kumpel fällt es ihm auch leichter mit Tieren umzugehen und reiten macht ihm auch immer mehr Spaß.

Am meisten freut er sich darauf mit seinem stattlichen Bornländer nach Thorwal zurückzukehren.

Eigentlich will die Gruppe dem Fluss bis nach Havena folgen, aber als Ingalf das am Abend im Gasthaus "Flussteufel" erwähnt, gibt es großes Gelächter. Der Große Fluss zwängt sich zwischen Ingrakuppen und Eisenwald hindurch. Da gibt es keine Wege, nicht einmal Pfade. Also heißt es eine Tagesreise westlich von Albenhus den Fluss Richtung Norden überqueren.

Dort geht es - anfangs parallel zum Nebenfluss Galebra - nach Norden Richtung Gratenfels.

In Nembutal geht erstmals eine vertrauenerweckende Straße nach Westen ab.

Es wurde abgeraten, den zu benutzen. Zu Fuß und mit Maultieren wäre er aber machbar.

Edric versucht im Flussteufel herauszubekommen, wie die Gruppe am besten nach Havena oder Thorwal kommt.

Freundliches Gelächter ist die Antwort auf seine Frage. "Ist doch klar: Mit dem Schiff! Aber dann müsst ihr die Pferde hierlassen."

"Quatsch mit Soße, das wohl!" poltert Ingalf, der zugehört hat. "Schiffe können doch auch Pferde mitnehmen!"

"Können schon, aber wollen ist etwas anderes." Der Sprecher zieht an seiner Pfeife. "Aber mal ernsthaft. Die Schlucht ist schon ohne Pferde, die Panik kriegen können, schwer genug zu befahren."

"Und sollen wir euch etwa die Pferde verkaufen, nee!" antwortet der Thorwaler kopfschüttelnd. "Dann müssen wir halt von hier nach Norden über Land, das wohl."

"Eben", erwidert der Sprecher nur trocken.

"Pfft!"

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"Sollen wir den Weg in Nembutal nehmen", fragt Edric, "oder uns erst nochmal erkundigen?" Sein Blick schweift auf der Suche nach einer Taverne.

"Eine gute Frage", antwortet Rovena mit einem kritischen Blick auf die Straße. "Vielleicht sollten wir zuerst Erkundigungen einholen, wohin diese Straße führt." Auch sie schaut sich nach einem Gasthaus oder Anwohner der kleinen Stadt um.

Isinha hängt seit dem Abschied von Rohezal immer öfter und immer länger seinen Gedanken nach. So hat er - wieder einmal - zu dieser Entscheidung über den weiteren Weg keine Meinung. Seine Gefährten werden schon wissen, wie sie nach Thorwal kommen.

Und so kommen die Helden langsam aber sicher gen Norden voran. Da alle beritten sind, geht es über Nostria die Küste entlang nach Thorwal, um dort endlich persönlich bei Hetfrau Garhelt vorzusprechen und von der Erfüllung des Orklandauftrages zu berichten.

Auch der weitere Weg nach Thorwal wird von Isinha eher still zurückgelegt. Er beteiligt sich kaum an den abendlichen Gesprächen der Gefährten und hängt wesentlich öfter, länger und nachhaltiger seinen eigenen Gedanken nach. Offensichtlich hat er über vieles nachzudenken.

Es ist ein weiter Weg, der vor ihnen liegt, zum Glück nur bleiben ihnen weitere Unannehmlichkeiten während ihrer Reise erspart. Rovena hält sich oft an der Seite ihres Gefährten Isinha, auch wenn dieser seit dem Ereignis in der Abtei sehr schweigsam und in sich gekehrt ist. Sie werden noch ein Weile zusammen sein und so wird sich schon noch eine Gelegenheit ergeben, mit ihm über diese Zauber, die ihr angeboten wurden zu sprechen. Wie muss sich der Verlust anfühlen?

Während der gesamten Reise zurück nach Thorwal gibt es entweder keine gute Gelegenheit, oder Isinha wiegelt mit kurzen, aber nicht unfreundlichen Worten ab, er müsse sich erst selbst über alles im Klaren sein.

Sie bittet den Magier, sich doch den leuchtenden Stein genauer anzusehen, wie Rohezal ihr geraten hat, vor allem will sie wissen, ob wirklich dieser Zauber Infinitum auf ihn angewendet wurde, was immer das heißen oder für Auswirkungen haben mag.

Die Analyse während der Reise fällt sehr schwer. "Magisch ist er. Keine Frage." meint Isinha nach der ersten Begutachtung. Genaueres vermag er ihr jedoch unterwegs nicht zu enthüllen. "Der Infinitum selbst ist praktisch ein Mythos. Ich habe davon gehört, von einer Kenntnis, die mir die Analyse erleichtern könnte, bin ich meilenweit entfernt." entschuldigt er sich.

"Wie kann man es herausbekommen?" fragt die junge Frau enttäuscht und gleichzeitig neugierig. "Rohezal klang, als wenn das möglich wäre, auch wenn ich nicht weiß, wie ihr das macht."

"Mit viel Zeit und noch viel mehr Ruhe, als uns die Rastzeiten dieser Reise lassen." erwidert Isinha vorsichtig.

"Gut", erwidert Rovena hoffnungsvoll. "In Thorwal wirst du Zeit haben."

Edric genießt die Reise. Verglichen mit dem, was sie jüngst erlebt haben, kann das, was ihnen in Thorwal ohne die Orklandkarten bevorsteht, nur harmlos sein. Was können sie dafür, dass ein Thorwaler vor den Beauftragten seiner Hetfrau keinen Respekt hat. Außerdem kann er auf der Reise das machen, was er am besten kann, nämlich sich um die Tiere kümmern.

Nur wurmt es ihn, dass er nicht in der Lage ist, eine Kutsche zu lenken. Daher versucht er unterwegs Wissen aufzuschnappen, die Karren zu beobachten, die mit ihnen unterwegs sind, und in den Tavernen mit Kutschern ins Gespräch über ihre Tätigkeit zu kommen. Es wäre doch gelacht, wenn er das nicht erlernen können sollte!

Je näher die Helden Thorwal kommen um so unruhiger wird Ingalf. Er hat sein Ehrenwort gegeben das Orkland zu erkunden und nun soll er mit leeren Händen vor die Hetfrau treten. Natürlich kann er nichts dazu, aber egal er hat seinen Schwur nicht gehalten und damit ist er kein ehrbarer Thorwaler mehr. Wenn Garhelt sauer ist, dann wird sie ihn zu Friedlosigkeit verurteilen …

Glücklicherweise hat Beorn die Orklandaufzeichnungen bei Garhelt abgegeben. Den Ärger, den es sonst gegeben hätte, wollte er wohl vermeiden.

Mit zittrigen Beinen tritt der Thorwaler schließlich vor die Hetfrau. Er verneigt sich tief und wartet, dass sie ihn anspricht.

Als er dann erfährt, dass Beorn der alte Pirat wenigstens soviel Anstand hatte die Aufzeichnungen über ihre Expedition der Muhme zu bringen, fällt ihm ein Stein von Herzen und er berichtet ihr das (und die weiteren erlebten Abenteuer) in thorwalscher Manie, also lang und ausgeschmückt und länger und ausgeschmückter.

Unbeteiligt steht der Elf daneben und wundert sich über diese Unterwürfigkeit, DAS hätte er von Ingalf nicht erwartet.

Und noch zwei Dinge tauchen wieder auf: Ingalfs kostbarer Schneidzahn und Rovenas alter Ebenholzstab. "Ich musste ihm nur ein wenig die Ohren langziehen", grinst Garhelt.

"Er ist ein gemeiner Schuft!" wagt die Hexe zornig in Erinnerung an das, was Beorn ihnen zugefügt hat, auszustoßen. "Es war ihm egal, ob wir ausgesetzt auf See überleben werden oder nicht! Ich werde ihm das so schnell nicht verzeihen." Glücklich aber nimmt sie den so schmerzlich vermissten Ebenholzstab entgegen, den ihr ihre Mutter geschenkt hat. Endlich sind sie wieder vereint, und auch wenn den errungene Kampfstab ihr gute Dienste geleistet hat, so konnte er doch nie den gleichen Stellenwert erreichen.

Beorn ist in diesem Sommer nicht in Thorwal. Man erzählt, dass er im Frühjahr von einer Güldenlandfahrt getönt hat, aber zum Winter wird er bestimmt zurück sein.

Sie darf nur nicht das nächste Hexenfest versäumen, das zur Tagundnachtgleiche im Monat Efferd stattfindet, denn dann wird sie den Ebenholzstab wieder zu ihrem Fluggerät machen! Sie kann es kaum erwarten, sich wieder mit ihren Schwestern zu treffen und dem Rausch des Tanzes und der Vereinigung zu erliegen ....

Als er auch noch seinen Schneidzahn in den Händen hält ist er fast schon mit Beorn versöhnt. Alles was ihm genommen wurde hat er wieder und die Orknase, die er in Festum erstanden hat, ist um einiges besser als die alte, die ihm Beorn beklaut hat. Trotzdem wenn er Beorn sehen sollte, dann - bei Swafnir - gibt eine Keilerei wie es sie lange nicht mehr gegeben hat.

Den folgenden Sommer verbringen die Helden als geehrte Gäste in Thorwal. Endlich einmal keine Gefahren! Jeder macht, was ihm Spaß macht.

So kehrt Ingalf nach fast eineinhalb Jahren zurück in das Langhaus seiner Otta. Als er den Großen Kumpel und Leif zusammenbringen will, stellt er mit Entsetzen fest, dass seine Verwandten das Pferd - nachdem das Zehrgeld aufgezehrt war - einfach verkauft hatten. Nach einigen mehr oder weniger freundlichen Wort- und Faustwechseln, erhält Ingalf aus dem Erlös ein paar Schmuckstücke und freut sich jetzt fast wieder wie ein vernünftiger Thorwaler auszusehen.

Auch in Thorwal selbst ist der Magier kein geselliger Mensch. Ab und an trifft er sich mit Rovena auf ein Essen in "ihrer" Taverne. Dort, wo vor unendlich erscheinender Zeit alles für sie begonnen hat. Dann lacht er wieder und gibt sich wie damals.

Aber die Hexe erkennt, dass Isinha sich verändert hat. Er ist nicht mehr so unbekümmert wie einst. Seine Augen blicken längst nicht mehr so verschmitzt drein, wenn sich eine gute Gelegenheit für einen "magischen Scherz" bieten würde.

"Was ist mit dir los?" Rovena kann die Veränderung, die mit ihrem Gefährten vorgegangen ist, kaum noch ertragen und so kommt sie eines Abends auf ihr Erlebnis in der Abtei der Borbaradianer zu sprechen. "Seit deiner Ohnmacht bist du verändert. Ist es der Verlust dieser Zauber, vor denen du mich bewahrt hast, der dir deine Unbekümmertheit genommen hat? Was ist so schlimm daran, sie nicht mehr zu beherrschen?" will sie besorgt wissen und sucht den Blickkontakt mit seinen geheimnisvollen roten Augen.

Im funkelnden Kerzenschein nimmt seine Erscheinung mehr als die jedes anderen die warme Farbe des Lichts auf und lässt den Magier nicht so bleich und lebendiger erscheinen. Für einen kurzen Moment kehrt das Blitzen in seine Augen zurück, ehe er den Weinbecher langsam in den Fingern dreht. Sein Blick nimmt den ihren gefangen, versenkt sich förmlich darin, als er schließlich antwortet: "Ich weiß es nicht. Ich denke nun schon so lange darüber nach, aber ich kann mir dessen einfach nicht klar werden!" Er senkt die Stimme noch weiter: "Der … Verlust ist eine Sache. Ich habe die Sprüche zwar nie gemeistert, aber sie waren ein Teil von mir, der jetzt verschwunden ist. Einfach so verschwunden. Ich weiß noch alles und kenne die Matrix, aber der Zauber ist mir versagt. Diese Veränderung ist … beunruhigend." Isinha weiß es offensichtlich nicht besser zu beschreiben.

Rovena hört ihm still zu., versucht, in seinen Augen etwas über seine Gefühle zu lesen. Surnia ist leider nicht bei ihr, ihre Vertraute ist zur Jagd ausgeflogen.

Nach einiger Zeit fährt er fort: "Ich habe mir nie viel daraus gemacht, gerade diese Zauber gelernt zu haben; kaum, dass ich sie je praktisch angewandt habe." Er zuckt mit den Schultern. "Genauer kann ich es nicht beschreiben. Noch nicht." Zum ersten Mal seit etlicher Zeit lächelt er wieder.

"Ich war versucht, die Bedingung zu akzeptieren und mir diese Sprüche anzueignen", gibt die Hexe mit ebenfalls gesenkter Stimme zu. "Sie kamen mir irgendwie … nützlich vor, so ähnlich manchem, dem wir uns bedienen." Ihr Blick flackert leicht, weicht für einen Moment dem seinen aus, um sich dann doch wieder fest mit ihm zu vereinen. "Ich wusste nicht, dass man dich derartiges gelehrt hat. Wozu?" will sie wissen.

"Wozu lernt man Magie?" lautet die rhetorische Gegenfrage. Nach kurzer Zeit des Nachdenkens fügt Isinha hinzu: "Das Wissen wurde uns vermittelt, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Lehren mit einer Indoktrination des Glaubens einhergegangen sind. Nicht so, wie es mir bei diesen beiden Adepten damals in der Bibliothek des Wüstenklosters erschien." Mit einem Schulterzucken tut er das ab. "Magie ist Magie. Entscheidend ist nicht, woher sie kommt, sondern was man damit anstellt. Und das hängt von jedem selbst ab. Sogar der 'übelste' Zauber kann in der richtigen Situation Gutes bewirken."

"Letzteres hängt wohl vor allem von der Betrachtungsweise des Wirkenden ab", antwortet Rovena nachdenklich. "Was ist übel, was ist gut? Der Zweck heiligt die Mittel, doch warum gibt man euch Wissen in die Hand, von dem ihr nicht wisst, warum und wann es einzusetzen ist? Wir schlagen uns nicht mit Unnötigem herum, was wir lernen, soll uns weiterhelfen. Ich habe mir gut vorstellen können, wozu mir diese Zauber hätten dienen können …" Versonnen betrachtet sie ihr Gegenüber, versucht zu verstehen, was der Grund der Akademie-Magier ist, hinter die Geheimnisse der Hexenmagie kommen zu wollen. Reine Wissbegierde vielleicht, nicht ausschließlich der Wunsch, ihnen zu schaden? Doch ist letzteres nicht auszuschließen, in den falschen Händen …

"Das ist man nie." konstatiert Isinha das Offensichtliche leise.

"Wenn es soweit sein könnte, stellt man vielleicht ziemlich schnell mit Schrecken fest, dass einem das Wissen nichts nützt, weil man sich nicht weiter damit beschäftigt hat und es nicht wirklich beherrscht", meint Rovena dazu zweifelnd.

Isinha antwortet zunächst nicht, sondern seufzt nur kurz auf. Dann nickt er. "Auch das ist eine mögliche Folge." meint er schließlich.

Die junge Frau meint, dass er sie wohl verstanden hat. "Dann lass dir den Verlust dieser Zauber nicht so nahe gehen", meint sie lächelnd. "Es gibt sicher noch andere, mit denen du dein Gedächtnis belasten kannst." Sie zwinkert ihm neckend und zugleich aufmunternd zu.

Er lächelt. Seit langer Zeit mal wieder unbeschwerter, wie ihr scheint.

"Es ist nur so, ich verstehe nicht, wie es geschehen ist, das beschäftigt mich. Nicht der Verlust dieser Zauber ist mein Problem." erklärt Isinha der Hexe noch einmal ausdrücklich, da er meint, sie habe ihn falsch verstanden.

Die junge Frau legt den Kopf schief. "Hat nicht Rohezal erzählt, dass durch die Zerstörung des Götzen die Fäden durchtrennt wurden, an denen diesen Borbaradianer hingen und sie mit den Zaubern verbanden?" fragt sie. "Kannst du mir erklären, warum auch du dazuzugehören schienst, obwohl du doch gar nichts mit Borbarad zu tun hast, oder?" Gespannt wartet sie auf seine Antwort.

"Genau das ist die Frage." erwidert der Magier zerknirscht. "Die einzige Möglichkeit, die mir insoweit nachvollziehbar erscheint, ist, dass jede Kenntnis durch diese Statue gebündelt verlief. Das würde es aber nur dann erklären, wenn alle Zauberkundigen diese Formeln 'vergessen' hätten. Das halte ich hingegen für unwahrscheinlich. Diesen Punkt könnte man lediglich dann vernachlässigen, wenn es eine räumliche Grenze des Effekts gegeben hätte. Aber das ist alles Spekulation." fügt er resignierend hinzu.

"Der Anführer des Zirkels wurde auch bewusstlos, obwohl er sich nicht in der Abtei befand", erinnert ihn Rovena an den Vorgang. "Vielleicht solltest du hier in der Akademie nachfragen, ob es unter euresgleichen zu weiteren Ohnmachtsanfällen gekommen ist. Dann wüsstest du vielleicht mehr," schlägt sie vor.

Den Rest der Zeit verbringt Isinha viel und lange in der Thorwaler Magierakademie. Er nimmt an den regelmäßig stattfindenden Hesindedisputen teil und ergeht sich geradezu in fachlichen Diskussionen mit seinesgleichen.

Den Rest der Zeit verbringt er in der Bibliothek mit dem Studium von magotheoretischen und geographischen Werken, die er teilweise mit Ergänzungen und Notizen versieht und der Akademie zu Thorwal stiftet. Abschriften seiner Berichte schickt er nach Mirham zu seiner Alma Mater.

"Nimmst du mich mit?" fragt Rovena ihn, als er wieder in die Akademie aufbrechen will. "Ich möchte mich in eurer Bibliothek umsehen, dort gibt es bestimmt einiges Interessantes zu entdecken, in den Büchern, meine ich." Sie lächelt ihn ein wenig unsicher an. "Aber nur, wenn du dabei auch bei mir bleibst." Ihr Misstrauen den Akademiemagiern gegenüber ist nach den Erlebnissen mit einigen von ihnen nicht geringer geworden.

"Man ist hier in Thorwal sehr offen, was die Anwender der Magie betrifft." versucht der Magier sie zu bestärken. "Die Vorurteile sind hier nicht so groß; sogar Elfen sind hier gern gesehene Gäste." Ein verschmitztes Lächeln huscht über sein Gesicht. "Also wir beide, wie in alten Zeiten?"

"Ja, wie in alten Zeiten", haucht die junge Frau zärtlich, sie legt ihre schmale, kühle Hand auf die Seine. Sie vertraut ihm mehr denn je, wünscht sich innig, ihn auch einmal zu ihrem Hexenfest mitnehmen zu können. Doch zuerst muss sie herausfinden, wo hier in Thorwal der nächste Tanzplatz ist. Sie darf das nächste Fest nicht verpassen, ihr alter Ebenholzstab wartet darauf, ihr wieder als Fluggerät dienen zu dürfen.

Es ist doch nicht alles wie 'in alten Zeiten'. Schon lange nicht mehr zuckt Isinha bei einer Berührung der Hexe zurück. Aber er reagiert auch nicht weiter darauf, lässt die Hand einfach dort liegen.

Rovena lächelt, drückt seine Hand leicht und zieht ihre dann sachte zurück. "Ich bin gespannt, was mir die Akademie bieten wird. Gehen wir."

"Ja." Der Magier lächelt sie an. "Komm, ich stelle Dich ein paar interessanten Menschen, äh, Leuten vor." korrigiert er sich schnell. Schließlich sind auch Elfen unter den magisch Tätigen in Thorwal.

"Gut." Die Hexe nickt und folgt dem Magier, der sie sicher nicht in Situationen bringen wird, die für sie gefährlich sein könnten.

"Keine Sorge." beruhigt sie Isinha. "Das sind alles verständige und gebildete Leute, keine magotheoretischen, oder gar religiöse Fanatiker, wie in Bethana." Der Nachsatz lässt ihm einen Schauer über den Rücken laufen. Die Bannstrahler verfolgen schließlich jeden, der nicht ihren Vorstellungen entspricht. Und dazu reicht mancherorts bereits aus, dass man das falsche Akademiesiegel trägt und wie ein Geist aussieht …

"Ich lasse mich einfach überraschen", meint die Hexe zuversichtlich und ein Lächeln umspielt ihren Mund.

"Fein!" freut er sich. "Das wird sicher gelingen!" Mit einem Winken ruft er die Bedienung herbei: "Einmal noch." bestellt er für die beiden eine weitere Runde. "Und dann gehen wir." zwinkert er Rovena zu. "Wir wollen doch zu den magotheoretischen Disputen nicht zu spät kommen!"

Auch in Thorwal will Edric weiter das Kutschen lenken lernen. Immer wieder gelingt es ihm auch praktische Erfahrung zu sammeln. Doch was läge in Thorwal näher, als das Schwimmen und das Boote Fahren zu üben? Höchstens das Zechen zu perfektionieren, um das auch Gäste in Thorwal kaum herumkommen können, vor allem, wenn sie einen Thorwaler zum Freund haben …

Rovena begleitet den seltsamen Elf des öfteren bei seinen Ausflügen in die Natur, sie lernt einiges mehr über die Pflanzen und Tiere Thorwals zu dem, was sie schon auf ihrer Reise erlernt hat, und sie findet sich mittlerweile immer besser mit dem Wildnisleben zurecht. Sie übt sich in Cadruels Begleitung auch im Bogenschießen und lernt weiter, ihre Dolche geschickter einzusetzen. Auch hört sie genau zu, wenn er in seiner Sprache spricht, die ihr so schön und wohlklingend und doch so schwer zu sprechen erscheint.

Mit Edric und Ingalf vergnügt sie sich beim Schwimmen und lernt auch ein wenig mehr über das Fahren und Lenken von Booten und Kutschen. Und beim Klettern auf den thorwalschen Drachenschiffen macht sie auch gerne mit. Ingalf schaut sie beim Zeichnen der Hautbilder zu und beginnt auch selber, die ein oder andere Skizze auf Pergament zu bringen.

Isinha bittet sie etwas zögerlich, ihn in die Akademie begleiten zu dürfen. Sie ist begierig, ihr Wissen über die Magiekunde der Magier und die Alchimie zu erweitern, und wo sollte das besser zu machen sein, als in den staubigen Studierstuben und Bibliotheken der Akademien?

Dem Magier selbst ist es recht, dass ihn Rovena begleitet. Und nachdem auch die Akademiker nichts gegen die Gesellschaft der Hexe einzuwenden haben, ist sie zusammen mit Isinha regelmäßiger Gast bei den Hesindedisputen. Einen Teil der Zeit nutzt er, Rovena in kleinere magische Dispute zu verwickeln, um ihr ein besseres Verständnis des "Magierdenkens" zu vermitteln.

Die Tochter Satuarias hört den Disputen aufmerksam zu und bemüht sich, ihre Erkenntnisse an Isinha zu üben, doch ist er ihr deutlich überlegen, wenn es um die rationale Darstellung des arkanen Wissens geht. Wie einfach ist es doch, den Emotionen freien Lauf zu lassen und dadurch zu bewirken, was Magier durch Formeln hervor zwingen! Aber sie versteht so langsam, wie diese ihre arkanen Kräfte einzusetzen verstehen.

Isinha ist äußerst geduldig mit den Übungen der Hexe. Immer wieder wiederholt er, was Rovena seiner Ansicht nach verinnerlichen muss. Wie ein stetiger Wasserstrom einen Berg einschneidet, soll so das Wissen in sie einfließen.

Und Rovena ist von nachgiebiger Beharrlichkeit, ein sich formendes Gefäß, das sich mit stetem Tropfen füllt.

Die Schädeleule Surnia, Rovenas Vertraute, ist immer in der Nähe ihrer Meisterin und achtet mit wachsamen Augen auf sie.

Cadruel verbringt viel Zeit in der Natur. Wenn ihn jemand begleitet oder sieht, wird er den Schwermut erkennen, der ihn fast ohne Unterlass erfasst hat.

Rovena schließt sich ihm oft und ungefragt an, denn sie meint, von ihm noch einiges über die Natur lernen zu können. Und nicht nur über die Natur, auch ihn will sie nun, da doch mehr Zeit als bisher zur Verfügung steht, ein wenig kennenlernen.

So fragt sie ihn denn eines Tages, während einer Rast im Wald: "Warum kannst du nicht auch fröhlich und glücklich sein, Cadruel? Was liegt dir auf der Seele und bedrückt dich, nimmt dir jede Lebensfreude? Kann ich dich nicht irgendwie aufmuntern?" Sie meint es wirklich ernst und schaut ihm, so er ihr seinen Blick schenkt, tief in die Augen.

Cadruel steigt von "Licht-zieht-vorbei-leise-aber-schnell" ab und setzt sich in den Schneidersitz. Mit einem Blick fordert er die Hexe auf, sich zu ihm zu setzen.

Rovena sitzt ab und lässt Thalia grasen. Sie setzt sich neben Cadruel mit untergeschlagenen Beinen nieder und betrachtet, wieder einmal, fasziniert seine violetten, katzenartigen Augen, seine spitz zulaufenden Ohren, die von seinem schwarzen Haar umspielt werden. Surnia hockt sich auf einen niederen Ast in einem Baum hinter ihr, plustert ihr Gefieder auf und beobachtet die beiden aufmerksam.

Dann fängt er an von seiner Sippe, dem Licht und der Sehnsucht zurückzukehren. Erst war es ein Abenteuer unter die Menschen zu kommen, aber zu sehen, wie sie sich aus Gier töten, ohne tieferen Sinn, das versteht er nicht. Und als er ihnen den Rücken kehrte und zu seiner Sippe zurück wollte, wurde er verstoßen. Er soll die Menschen, die er nicht des Lebens würdig findet, vor dem Weltenverderber retten. Verdient haben sie es nicht …

Nachdenklich lauscht die junge Frau seinen Worten. Sie kann den Schmerz des Elfen verstehen, und hält das Verhalten seiner Sippe, ihn einfach zu verstoßen, für sehr ungerecht … aber tut nicht auch er den Menschen unrecht?

"Warum wurdest du denn von den Deinen verstoßen?" will sie wissen. "Du bist doch kein Mensch geworden, nur weil du mit uns zusammen bist." Sie schüttelt bestürzt den Kopf.

Es dauert eine Weile bis der Elf flüsternd antwortet: "Ich wurde nicht verstoßen, weil ich badoc bin, ich wurde verstoßen um gegen den Weltenverderber zu kämpfen."

"Ich verstehe nicht, warum dir deine Sippe das antut, wie sie dich so verletzen können ... und es macht mich traurig, dass du mich nicht für würdig erachtest, in dieser Welt zu leben, die doch allen Geschöpfen Sumus geschenkt wurde. Es ist nicht richtig, dass du alle Menschen für gleichgeartet hältst, es gibt, wie bei euch anscheinend auch, solche und solche. Und der Weltenverderber, wie du Borbarad nennst, bedroht nicht nur uns, auch ihr seid in Gefahr, und ich bin mir sicher, dass es uns, Menschen und Elfen, nur gemeinsam gelingen kann, sein Bestreben nach Herrschaft über uns zu verhindern. Du allein kannst uns und die Welt, wie wir sie kennen, nicht retten, wie kann deine Familie das von dir verlangen?"

Wieder dauert es, bis Cadruel seinen Kopf anhebt. Diesmal schaut er der Hexe tief in die Augen: "Sumu? Wer soll das sein? Und Du? Du bist kein Mensch. Der Mensch tötet aus Gier nach Metall und Macht, tust Du das auch? Du warst nicht dabei, als in der großen Stadt die Herrschenden erst töteten oder es versuchten und danach der Macht wegen wieder von einem Tische aßen. Menschen sind der Meinung besser zu wissen, was für andere gut ist, als die Betroffenen selbst, und sie zwingen ihnen ihren Willen auf. Sie ziehen willkürlich Grenzen, die mir die Natur nicht gab. Sie zwingen andere Regeln einzuhalten, die nicht gut für sie sind. Sie pressen anderen ihr Hab und Gut aus, im Namen ihrer Götter, und sie schicken sie in Kriege, die nicht die ihren sind."

Kurz pausiert er, dann fährt er fort: "Nein! Menschen sind es nicht wert, aber ich werde mein Versprechen halten und den Weltenverderber töten, und dann kehre ich zurück ins Licht …"

Aufmerksam hört Rovena sich an, was dem Elf auf dem Herzen liegt. Dann beginnt sie auf seine Fragen zu antworten. "Sumu ist der Legende nach unsere Urmutter, die Urriesin, die mit Los kämpfte und in diesem Kampf die Welt erschuf. Als sie ihr Ende nahe fühlte, schuf sie in ihrem Inneren ein Ei, aus dem Satuaria als ihre jüngste Tochter schlüpfte, deren Töchter meine Schwestern, und Brüder, und ich sind", erzählt sie ihm, ihre Augen weichen seinem tiefen Blick nicht aus.

"Cadruel, ich bin ein Mensch, was sollte ich anderes sein? Ich gehöre diesem Volk an … nur teile ich ihren Glauben an die angebliche Herrlichkeit ihrer Götter nicht, das mag der für dich fühlbare Unterschied sein. Ich weiß von den Ungerechtigkeiten und Untaten, die Macht und Gier anrichten. Und wenn das stimmt, was wir von Rohezal gehört haben, dann ist Borbarad tot, und nur sein Nachlass wirkt noch verderbend auf die, die sich in diesen Bann ziehen lassen und die diese schrecklichen Dämonen auf Dere loslassen wollen. Das haben wir dies eine Mal in der Abtei im Amboss erfolgreich verhindert. Jagst du nicht einem Schatten nach, der dich daran hindert, dein Seelenheil zu finden?"

Cadruel steht auf und steigt auf 'Licht-ganz-leise-aber-schneller-als-der-Wind', dann spricht er: "Ich jage nicht, ich wurde zur Jagd geschickt und da meine 'Seele' nicht in die Sphären der Götzen eingeht, kann sie nicht krank sein. Kommst Du?"

Sein Gesichtsausdruck macht sehr deutlich, dass das Thema für ihn beendet ist.

Rovena schaut ihn nachdenklich an. Sie ist sich sicher, dass er sich nicht eingestehen will, wie sehr ihn diese Situation, in die ihn sein Vater gebracht hat, krank macht. Doch sie sagt nichts weiter, sondern steht auf. "Ja, klar. Die anderen warten vielleicht schon auf uns." Sie lächelt ihn an, steigt in den Sattel und lenkt Thalia neben sein Pferd. "Dann los!" Sie treibt ihre Stute an und gibt ihr die Zügel frei.

Den Großteil seiner Zeit verbringt Ingalf mit Kawi und seinen Freunden, von gelegentlichen Sauftouren einmal abgesehen. Aber solange noch etwas Gold in der Tasche ist, lockt das Premer Feuer. Und wenn Angeln, Reiten und mit dem Bornländer Spielen keinen Spaß mehr machen und der Beutel leer ist, arbeitet er an einigen Hautbildern. Hier in Thorwal findet seine Kunst genügend Anhänger und so ist der Beutel bald wieder gefüllt.

Und das Spiel geht von vorne los.

Auch Cadruel bittet den Nordmann ihm ein Hautbild zu stechen. Falls er darauf eingeht, wird er sich einen Adler in die linke Schulter stechen lassen. Er bietet ihm dafür 50 Dukaten.

Ingalf gibt sich bei der Bezahlung große Mühe, um den Ansprüchen des Elfen gerecht zu werden. Er fängt mit einem Umriss auf der Schulter an, der ihm ziemlich daneben geht, aber als er dann mit den Farben und Details loslegt, da flutscht es.

Der Adler ist ihm dann gut gelungen und er hofft, dass der Elf damit zufrieden ist.

Cadruel bedankt sich mit einem kurzen Nicken, am Gesichtsausdruck erkennt der Thorwaler aber genau, dass der Elf sehr zufrieden ist.

Das Geld ist aber schnell aus den Taschen gespült.

Eines Abends schlägt er Rovena vor, ihr einen fliegenden Drachen - in Erinnerung an das letzte Abenteuer - zu stechen. Er hat auch ein paar Skizzen mitgebracht, die er der Hexe zeigt.

"Wie schön!" entfährt es der jungen Frau beim Anblick der Bilder, die Ingalf ihr zeigt und schnell hat sie sich für eines der Motive entschieden. "Wo, meinst Du, willst du ihn mir stechen? Auf die andere Schulter?"

Auf der linken Schulter und dem Oberarm trägt sie schon zur Erinnerung an ihre Gefährten während der Orklandreise ein wunderschönes Hautbild, das zweite, das Ingalf ihr gestochen hat, nachdem er ihre linke Fußfessel mit einer fedrige Blattranke verziert hatte. Und auf dem rechten Oberschenkel unterhalb der Hüfte blitzt vor allem beim Reiten unter ihrem hoch geschlitzten Rock ein Stutenkreis hervor, eine Erinnerung an die Amazonen.

"Aye, das wäre ein guter Platz, das wohl!" nickt Ingalf. "Und wenn Du den Arm hebst, dann bewegt er die Flügel."

Staunend schaut Rovena von den Skizzen auf und Ingalf bewundernd an. "Wenn du das hinkriegen würdest …! Wann willst du anfangen?"

"Wann Du Zeit hast, das wohl!" antwortet Ingalf.

"Zeit habe ich genug", erklärt ihm die Hexe. "Aber lass mich erst noch Bleichmohnkapseln besorgen, ich denke, dann werde ich unter deinen Händen ruhiger sein." Sie zwinkert ihm neckend zu.

"Sonst hilft ein großer Becher Feuer, das wohl!" grinst der Thorwaler zurück.

"Oh, ich weiß ja nicht!" lacht sie auf. "Wenn ich dann anfange, zu singen, bin ich bestimmt nicht mehr ruhig." Über die Doppeldeutigkeit ihrer Antwort muss sie selber schmunzeln.

"Doch nicht für Dich, für mich, das wohl!"

"Ich brauche nicht lange, den Bleichmohn zu besorgen. Richte schon mal dein Werkzeug."

Rovena sucht die alte Kräuterfrau auf und besorgt sich von ihr die schmerzstillenden Samen, unter deren Wirkung das, was ihr bevorstehend wird, deutlich besser zu ertragen sein wird. Dann gibt sie sich der Kunstfertigkeit des Thorwaler hin.

Und so fängt er dann an den fliegenden Drachen auf Rovenas Schulter zu stechen. Erst kommen die Konturen des Drachen und der Gefährten. Ingalf legt das Bild so an, dass der rechte Flügel durch den Arm bewegt wird und der linke Flügel und der Kopf sich bewegen, wenn sich das Schulterblatt bewegt. Auf das Schulterblatt selbst sticht er den Drachen und die Gefährten.

Nachdem die grobe Zeichnung fertig ist, beginnt der Thorwaler in den folgenden Sitzungen den Drachen und vor allem die goldgelben Schuppen zu modellieren. Eine mühevolle Aufgabe, die mehrere Sitzungen braucht.

Als letztes kommen dann die Gefährten an die Reihe. Da er auf Grund der Größe die Gesichter nicht stechen kann, versucht er zumindest jeden der fünf durch eine eindeutige Eigenschaft darzustellen. Isinha hat den Magierstab, Rovena die Eule, er selber die Orknase, Edric einen Hirtenstab und Cadruel spitze Ohren.

Es dauert bis spät in den Herbst als Ingalf endlich zufrieden Rovena einen Spiegel reicht, mit dem sie ihr Werk betrachten kann.

"Du bist jetzt so etwas wie die Chronik unserer Abenteuer, das wohl!" freut er sich.

Rovena grinst und bewundert ihren neuen Hautschmuck ausgiebig, dreht und wendet sich vor dem Spiegel, um sich an den Bewegungen des Drachen zu erfreuen. Leicht war es diesmal nicht gewesen, die lange Prozedur auszuhalten, und nicht immer ließen sie die Schmerzen der feinen Stiche kalt. Doch es hat sich gelohnt!

"Wenn ich jetzt eure Chronik bin, müsst ihr weiter gut auf mich aufpassen", witzelt sie mit einem schelmischen Blick auf Ingalf. "Und es ist auch noch viel Platz auf meiner Haut, um weitere Abenteuer aufzuzeichnen."

"Aye, Mädel, natürlich passen wir auf Dich auf, wenn Du auch immer auf uns aufpasst, das wohl!" antwortet Ingalf.

Sie dreht sich zu ihm um und haucht ihm einen Kuss auf die Wange. "Vielen Dank für den schönen Schmuck", raunt sie ihm zu. "Ich freue mich schon auf den nächsten …"

"Aye … hmm …", antwortet Ingalf, der nach dieser überraschenden Attacke rot anläuft. So ganz kommt er auch nach der gemeinsamen Zeit gefühlsmäßig nicht mit der Hexe klar.

Die junge Frau gluckst leise, als sie sieht, wie der kräftige Thorwaler wie ein Schuljunge rot anläuft. Sie verpasst ihm einen zarten Nasenstüber und versichert leise: "Ich passe auf euch auf, versprochen!"

"Das ist gut so!"

Und für diesen Sommer hat keiner der Gefährten auch nur im Geringsten das Bedürfnis, neue Abenteuer zu erleben. Dafür ist im nächsten Jahr immer noch genug Zeit!

- finis -